Die fotografische Welt des Internetdienstes Google Street View ist eigentümlich. Weil die Kamera-Wagen, die im Auftrag des Suchmaschinen-Konzerns meistens an Sonnentagen und zu Zeiten ausschwärmen, an denen die von ihnen fotografierten Straßen eher menschenleer sind, bildet sich das städtische Leben anders ab. Wenn doch Menschen ins Bild geraten, dann löscht eine Bilderkennungssoftware ihre Gesichter aus, genauso wie Nummernschilder der Autos unkenntlich gemacht werden. In Deutschland haben zudem viele Anwohner von der datenschutzrechtlichen Möglichkeit Gebrauch ergriffen, die von ihnen bewohnten Häuser durch Verpixelung digital zu umnebeln. So ist eine unfassbar große, surreale Bildersammlung zwischen Unschärfe und Detailreichtum entstanden, dessen Schockfrost-Gegenwart seit einiger Zeit vor allem junge Künstler magisch anzieht und zur Arbeit inspiriert. Einer von ihnen ist der 1977 geborene und derzeit in Leipzig lebende Fotograf Edgar Leciejewski. In seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Schlechtriem Brothers zeigt der Künstler, der 2009 seinen Abschluss an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst machte, acht großformatige Bilder aus der 2010 entstandenen und 18 Bilder umfassenden Serie "Ghosts and Flowers". Grundlage für die Fotografien sind New Yorker Straßenszenen, die der Künstler bei Google Street View fand. Anonymisierte Menschen sind zu sehen, die sich auf den Straßen von Harlem, Brooklyn, Manhattan und Queens bewegen - an Orten, an denen sich Leciejewski während eines sechsmonatigen Studienaufenthalts in der amerikanischen Metropole herumgetrieben hat. Die Qualität der Bilder verrät ihren digitalen Ursprung: Sie sind seltsam konturlos, die Farben verlaufen. Dort wo einzelne Bildkacheln aneinanderstoßen, bilden sich Verschiebungen ab - Sprünge und unsichtbare Kanten, die sich durch das Bild ziehen. Die Gesichter erscheinen umnebelt, manchmal drückt noch das Google-Wasserzeichen durch, mit dem der Konzern seine Bilder kenntlich macht - nicht überall hat Leciejewski bei der digitalen Nachbearbeitung alle Unreinheiten beseitigt. Wo die Fotografen der klassischen amerikanischen Street Photography den Menschen im öffentlichen Raum ohne Umschweife zum Zentrum ihrer bildnerischen Praxis machten, da geht Leciejewski andere Wege. Weil Google Street View vornehmlich an den Häusern und Straßen interessiert ist - der Mensch wird als Störung empfunden - dreht der Künstler das Medium gegen seine Ursprungsintention um. Die Ergebnisse wirken wie Geistergeschichten aus den Untiefen des Internet. Der alte 90er-Jahre-Satz von Nicholas Negroponte, der besagt, dass beim Zusammentreffen von Computer und Kunst "von beiden meist nur die die negativen Aspekte zum Tragen" kämen, gilt längst nicht mehr. Galerie Schlechtriem Brothers, Rosa-Luxemburg Straße 27 (Mitte). Bis 26. Februar, Mi-Sa, 12-18 Uhr. Ein Katalog befindet sich in Vorbereitung. ------------------------------ Foto: Geisterhaft: Leciejewskis New York.

