30.09.2002

GESUNDHEIT IN BERLIN - In der Geburtshilfe haben sich alternative Methoden durchgesetzt. Viele Krankheiten können mit der Sauerstofftherapie geheilt werden. Der Konditionstrainer von Hertha BSC gibt Gesundheitstipps.: Druck dem Tinnitus

Von Silke Stuck

Es sieht aus wie eine Mischung aus U-Boot und Flugzeug. Eine weiße, runde Kapsel, die mit dicken Türen verschlossen wird. Im Inneren zwölf türkisfarbene Kunstledersessel, in denen die Patienten sitzen. Von oben, dort, wo bei einem Flieger normalerweise die Gepäckfächer sind, hängen Sauerstoffmasken herunter. Sogar Bullaugen hat das Ungetüm, das hier mitten in der Abteilung des Vivantes-Klinikums Friedrichshain steht. Die Patienten wirken nicht als wären sie beim Arzt. Eher machen sie es sich gemütlich für die nächsten zweieinhalb Stunden. Diese Zeit werden sie in der Druckkammer verbringen. Viele Patienten in der Druckkammer leiden unter Tinnitus. Also unter konstanten Ohrgeräuschen. Vor der Kammer liegen Kaugummis und Bonbons bereit, einige Patienten haben Bücher dabei. Dann schließen sich die Türen. Die Pfleger gehen in ihre Ecke außerhalb der Kammer, vor ihnen eine Wand voller Computerbildschirme mit verwirrenden Kurven drauf. Hier werden die Druckverhältnisse im Inneren der Kammer angezeigt. Der Druck in der Kammer wird mit Pressluft schrittweise auf bis zu 2,5 bar erhöht. "Das entspricht etwa dem Wasserdruck in 14 bis 15 Meter Tiefe", sagt Hans Grajetzki, Leitender Arzt des Zentrums für hyperbare Sauerstofftherapie und Tauchmedizin am Krankenhaus. Bis vor einigen Jahren wurden Patienten in einigen Krankenhäusern noch in Ein-Personen-Kammern behandelt - mittlerweile ist die Druckammer im Krankenhaus Friedrichshain die einzige in ganz Berlin. Hier werden Rauchvergiftungen behandelt, Tauchunfälle, Gasbrandinfektionen. Auch die Wundheilung könne durch die Einnahme von Sauerstoff unter Druck beschleunigt werden. Grajetzki: "Die Sauerstofftherapie fördert die Gewebebildung." Doch die meisten Patienten lassen ihren Tinnitus behandeln. Nach wie vor sind die Ursachen dieser weit verbreiteten Krankheit unklar. Knapp drei Millionen Deutsche leiden unter den quälenden Ohrgeräuschen. "Die Patienten kommen erst zu uns, wenn die herkömmlichen Therapien nicht angeschlagen haben", sagt Grajetzki. Sie atmen während der zweieinhalbstündigen Sitzung in der Druckkammer zweimal eine halbe Stunde hoch angereicherten Sauerstoff über die Masken ein. "Dabei wird der Sauerstoffanteil im Blut um das 14- bis 15-fache erhöht", sagt Grajetzki. "Die Lymphe der Schnecke im Ohr hat einen drei- bis fünfmal so hohen Gehalt." Mangelnde Durchblutung der Gewebeflüssigkeit wird als Hauptursache für Tinnitus angesehen. "Die Zellen werden durch die Behandlung luxusversorgt", sagt Grajetzki. "Als würde ein antriebsarmer Mensch einen kräftigen Tritt in den Hintern erhalten." Bei 60 Prozent der Patienten konnten positive Veränderungen festgestellt werden. Auch Migräne, eine weitere Volkskrankheit, könne mit der Sauerstoffbehandlung therapiert werden. Die Blutgefäße im Gehirn, die für die schmerzhaften Kopfschmerzattacken verantwortlich sind, würden durch die hohe Sauerstoffkonzentration verengt, sagt Grajetzki. Allerdings übernehmen die Krankenkassen eine Behandlung in der Druckkammer nur, wenn die Patienten sich ins Krankenhaus Friedrichshain einweisen lassen. Eine ambulante Therapie lehnen die Kassen ab. (uck.) Foto: BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Fast wie Fliegen - Druckkammerpatienten in Friedrichshain.

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