Vom Wochenende erzählen, über die Beziehung sprechen, einen Liebesfilm diskutieren - soziale Kompetenz am Arbeitsplatz gehört zu den Softskills, ohne die eine Karriere heute kaum noch möglich ist. Im Gegensatz dazu führen Lügengerüste oder die Angst vor Diskriminierung dazu, dass Ressourcen, die eigentlich für die Arbeit genutzt werden sollten, blockiert sind -eine simple Gleichung, die jedem Personalbeauftragten einleuchten dürfte. Diese Rechenaufgabe beherrschten vor zwanzig Jahren allerdings nur wenige -das musste auch der Schotte Stuart Cameron erfahren: "Wie verstecke ich am besten, dass ich Männer liebe?", fragte sich der damals Anfang 20-Jährige zu Beginn seiner Lehre zum Einzelhandelskaufmann. Er scheute jedes Gespräch über sein Privatleben und litt darunter, dass er seine Persönlichkeit im Büro nicht voll und ganz einbringen konnte. Diskriminierung durch Kollegen noch verbreitet Heutzutage dürften die homosexuellen Gallionsfiguren in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken, dass Politiker, Fernseh-Köche oder Talkmasterinnen offen schwul oder lesbisch sein können, ohne dass sie von Kollegen schräg angeguckt werden. Und auch die Studie "Out im Office?!", die der Diplom-Psychologe Dominic Frohn an der Universität zu Köln erstellte, bestätigt diesen Eindruck: Immerhin beantworten heute nur noch rund 52 Prozent der Befragten, dass sie nicht ehrlich mit ihren Kollegen über ihre sexuelle Identität sprechen. Im Vergleich dazu waren es 1997 noch 77Prozent, die das Thema in Betrieb und Büro umgingen. Dennoch: Mobbingsituationen aufgrund der eigenen sexuellen Orientierung gehören in vielen Branchen oft zum Arbeitsalltag. "Obwohl sich die Situation deutlich verbessert hat, gaben ebenfalls fast 78Prozent der Befragten an, dass sie bei der Arbeit schon einmal diskriminiert wurden", sagt Frohn und warnt deshalb vor einem allzu positiven Eindruck der Studie. Ablehnung und Intoleranz drücken sich zum Beispiel durch unangenehmes Interesse am Privatleben, Ignoranz bis hin zum Kontaktabbruch oder offene sexuelle Anspielungen aus. Und auch die ständige gedankliche Beschäftigung der homosexuellen Beschäftigten mit dem Thema empfinden 40 bis 60 Prozent der Teilnehmer als lästig und ablenkend. Erste Jobmesse für homosexuelle Arbeitnehmer Stuart Cameron ist inzwischen selbst zu einer Vorzeigefigur im öffentlichen Leben der Schwulen und Lesben sowie der Trans- und Bisexuellen geworden, die er kurz mit "LGBT-Gemeinschaft" abkürzt. Als Initiator und Begründer der Berliner Jobmesse Milk, die am Sonnabend zum ersten Mal stattfindet, wirbt er für mehr Toleranz: "Die Messe soll in erster Linie ein Treffpunkt für Firmen sein, die gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz sind", sagt Cameron. Dort finden neben Podiumsdiskussionen und Networking-Lounges auch Karriereberatungen und Informationsveranstaltungen der einzelnen Aussteller statt. Die Liste der Firmen, die sich für das Thema LGBT starkmachen, ist lang: Multinationale Konzerne wie Ikea, IBM oder die Deutsche Bank sind ebenso darunter wie die Deutsche Post, die Polizei oder die Berliner Stadtreinigung. Viele der Betriebe verfügen bereits seit Jahren über eigene Netzwerke, von denen einige unter dem Stichwort "Diversity-Management" gegründet wurden. Die inzwischen in unterschiedlichen Zusammenhängen häufig propagierte Vielfalt am Arbeitsplatz schließt Themen wie Chancengleichheit zwischen Frau und Mann, Generationsbeziehungen zwischen Arbeitnehmern unterschiedlicher Altersklassen und die gezielte Förderung von Doppelkarrierepaaren ein. "LGBT steht in fast allen Diversity-Programmen an dritter Stelle", sagt Jean-Luc Vey, Sprecher des Netzwerkes Prout@work. "Wir helfen Firmen, wenn sie ein eigenes Diversity-Netzwerk aufbauen wollen und stehen Arbeitnehmern beratend zur Verfügung, deren Firma noch keine solche Organisation hat", erklärt Vey die Aufgaben von Prout@work. Seminare zum Outing am Arbeitsplatz Dass die Anliegen von Homosexuellen unter einem Sammelbegriff zusammengefasst werden, unter dem noch ganz andere Belange verhandelt werden, stört ihn nicht: "Es geht doch darum, dass Unternehmen insgesamt offener gegenüber alternativen Lebensentwürfen werden", sagt er. Und auch Cameron verfolgt bei seinem Anliegen schon längst mehr als die bloße Überwindung von Diskriminierung und Identitätsleugnung: "Ein weiteres Ziel ist es, nicht nur die Ausgrenzung am Arbeitsplatz zu bekämpfen, sondern Schwule und Lesben dazu zu animieren, ihre sexuelle Orientierung als zusätzliche Kompetenz zu begreifen", sagt Cameron. Das Diversity-Netzwerk Arco der Commerzbank kann in dieser Hinsicht auf eine fast zehnjährige Geschichte zurückblicken. In der Firma mit rund 60000Mitarbeitern diskutieren inzwischen 370 Mitglieder in einem geschlossenen Internetforum virtuell über mehr als 3000 verschiedene Themen. Der reale Austausch findet bei regionalen und bundesweiten Veranstaltungen und Workshops statt. Die Anmeldung zu bestimmten Seminaren -etwa zum Thema "Outing am Arbeitsplatz" -kann anonym erfolgen; die sonst übliche Identifizierung mit der Personalnummer, unter der jeder Angestellte des Unternehmens gemeldet ist, entfällt. Vor allem konservative Branchen sensibilisieren In dem Engagement, mit dem große Firmen neben den firmeninternen Bemühungen als Sponsoren und Bündnispartner mitunter auch recht offensiv an die Öffentlichkeit gehen, sieht Dominic Frohn auch eine neue Marketingstrategie: "Natürlich wird Diversity als attraktives Thema erkannt und von den Firmen als eine Möglichkeit begriffen, positiv auf ihre Kunden und neue Mitarbeiter zu wirken", sagt er. Letztlich, so sind sich die Organisatoren der Netzwerke sicher, hilft aber auch die Werbung mit offen schwulen oder lesbischen Mitarbeitern, das Thema Homosexualität in der Öffentlichkeit weiter zu etablieren. Dadurch unterscheiden sich die Macher rein politischer schwul-lesbischer Organisationen, die einen weitaus kritischeren Ansatz verfolgen. Den Organisatoren geht es als Bänker, Polizisten und Mechaniker jedoch eher darum, Branchen, in denen immer noch ein konservatives Männer- und Frauenbild vorherrscht, zu sensibilisieren und darüber hinaus beruflich relevante Netzwerke zu schaffen. Nicht mehr -aber auch nicht weniger. ------------------------------ Coming-out im Job Milk-Messe Die Milk-Messe findet am 28. Mai zum ersten Mal in der Spree-Automobil-Vertriebs-GmbH in Friedrichshain statt. Sie ist auch offen für "Heteros", die sich zu dem Thema informieren wollen. Als Namensgeber für die Veranstaltung fungiert der amerikanische Politiker Harvey Milk, der sich in den 1970er-Jahren in San Francisco für die Rechte der Schwulen einsetzte. Weitere Informationen und eine Liste der LGBT-Netzwerke einzelner Firmen finden sich im Internet auf folgender Homepage. www.milkcareer.com (Milk Index GLBT Netzwerke) Firmenübergreifende Netzwerke Prout@Work heißt die Interessenvertretung der firmeninternen Mitarbeiternetzwerke und LGBT-Verbände. Wer vor hat, sich bei einem bestimmten Unternehmen zu bewerben, kann hier zum Beispiel anfragen, wie die Firma zu LGBT-Fragen steht. www.proutatwork.eu Völklinger Kreis Dahinter verbirgt sich ein Interessenverband für schwule Führungskräfte aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Kultur, der seit 20 Jahren aktiv ist und alle zwei Jahre den Max-Spohr-Preis an ein in Sachen Diversity-Management vorbildliches Unternehmen vergibt. www.vk-online.de Wirtschaftsweiber Auch lesbische Fach- und Führungskräfte haben inzwischen einen eigenen Interessenverband mit einem international agierenden Netzwerk und bundesweiten Regionalgruppen ins Leben gerufen. www.wirtschaftsweiber.de ------------------------------ Foto: In Berufen mit traditionellem Männerbild sind offene Liebesbekundungen homosexueller Mitarbeiter, wie sie der britische Straßenkünstler Banksy dokumentiert, undenkbar.

