21.08.2011

Krisen-Besuch in den Ministerien

Krisen-Besuch in den Ministerien
Krisen-Besuch in den Ministerien

Berlin - Mal sehen, was die da in der Politik so treiben - Zehntausende drängelten sich beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung. 14 Ministerien luden ein. Von Karin Schmidl -

Berlin - Bloß gut, dass es warm war. Denn außer im weitläufigen Garten hätten all die Menschen kaum woanders Platz gefunden, die am Wochenende ins Finanzministerium strömten. Das Haus an der Leipziger Straße war eines von 14 Ministerien, die traditionell zum Tag der offenen Tür einluden. Und geschätzte 150.000 Menschen nahmen die Einladung der Regierung an.

"Wir wollen doch mal sehen, was die da so treiben", meinte ein Mann, der trotz einer Wartezeit von gut einer Stunde seinen Platz in der Schlange vor dem Kanzleramt nicht verließ. Im Kanzler-Garten dann gab es den Kanzler-Helikopter, viel Musik und eine Ausstellung zum Frauenfußball. Und am Sonntag kam auch Kanzlerin Angela Merkel, die die Besucher kurz begrüßte.

Sehr voll war es im Finanzministerium. Tausende strömten in den sonnigen Garten des Hauses an der Leipziger Straße. Etliche kamen, um ihre Sorgen zur Finanz- und Eurokrise loszuwerden. Kritik gab es an der Bundesregierung. Diese trage dazu bei, dass mit der Milliarden-Hilfe für Griechenland der Euro gefährdet werde, sagten mehrere Besucher. Minister Wolfgang Schäuble bekannte zwar, dass ihm die Krise ganz schön zusetze, aber: Der Euro sei stabil. Und dass es keinen Sinn mache, andere allein zu lassen, da Europa sonst Vertrauen in der Welt verliere. Was man als Politiker eben so sagt an einem sonnigen Nachmittag im Garten.

Zustimmung erfuhr Schäuble unter anderem von Josefine Liesfeld, einer 16-jährigen Gymnasiastin aus Kreuzberg. "Es ist gut, dass er die Europa-Idee hochhält, von der wir alle profitieren. Kein Land kann alleine wursteln", sagte sie. Einige Besucher waren längst weitergezogen. Zur Zoll-Versteigerung beispielsweise. Dass man unter www.zoll-auktion.de günstig an Autos, Schmuck oder Alkohol kommt, die bei Reisenden beschlagnahmt oder bei Schuldnern gepfändet wurden, war für viele neu.

Telefonat aus Südafrika

Krise war auch eines der Themen im Außenministerium. Im Haus am Werderschen Markt, in dem bis 1945 die Reichsbank, ab 1949 das DDR-Finanzministerium und ab 1959 das ZK der SED residierte, war neben dem Ministerbüro das Krisenreaktionszentrum am besten besucht. Es befindet sich im Keller, im früheren Tresorraum, hinter dicken Stahltüren. Über den zehn PC-Arbeitsplätzen im größten Raum, dem operativen Zentrum, ticken mehrere Uhren, die die Zeit an verschiedenen Orten auf der Welt anzeigen. Bis zu 38 Experten, so erklärte ein leitender Mitarbeiter, treten dort bei Krisen wie Naturkatastrophen, Flugzeugabstürzen, Anschlägen oder politischen Unruhen im Ausland in Aktion. Oberstes Ziel sei es, vor Ort nach Deutschen zu suchen und für ihre Sicherheit zu sorgen. Und dass man sich seit Jahresbeginn, seit die Menschen in Nordafrika aufbegehrten, quasi im Dauereinsatz befinde.

Informationen aus der Kategorie Kurioses gab er auch: Vom Vulkanausbruch in Island, der über Wochen Europa lahmlegte, hatte das Ministerium zuerst aus Südafrika erfahren. "Ein Deutscher konnte nicht wegfliegen, rief bei uns an und erzählte vom Vulkan." Auch über die Terroranschläge auf Hotels im indischen Mumbai sei man von deutschen Reisenden per Telefon zuerst informiert worden. Was bei den Besuchern einige Verwunderung auslöste: "Auf die Idee, die Telefonnummer des Außenministeriums mit in den Urlaub zu nehmen, sind wir noch nie gekommen", sagte Heidi Wizak aus Ludwigsfelde.

Teddys verarzten

Gut besucht war auch das Gesundheitsministerium, wo Kinder Teddys ganz ohne Zusatzbeitrag verarzten konnten. Im Verteidigungsministerium wurde die Werbetrommel für den nun freiwilligen Dienst in der Bundeswehr gerührt. Über Krisen ganz anderer Art wurde im Verbraucherschutz-Ministerium informiert. Auf dem Hof an der Wilhelmstraße waren Stände aufgebaut. Ein Imker versuchte dort, für die Nöte der Bienen zu sensibilisieren, von denen immer mehr sterben. Die meisten Besucher zogen schulterzuckend weiter. Und erinnert sich noch jemand an Ehec? Tödliche Infektion vorbei, Interesse vorbei, schien es. Die Warnungen vor dem mutmaßlichen Ehec-Verursacher Bockshornkleesamen blieben fast alle liegen.

Berliner Zeitung, 22.08.2011

Anzeige
Interaktiv
Meistgeklickte Fotostrecken
Meistgeklickte Artikel
Ein Lufthansa-Jet landet in Tegel. Zurzeit steuern Flugzeuge mit dem Kranich-Emblem von dort aus acht Ziele an – vom 3. Juni an werden es 38 sein. Die Zahl der stationierten Flugzeuge steigt von 10 auf 15.
Nach dem Berliner Flughafendebakel 
Ermittlungen im Fall Nicky Miller 
Hertha-Präsident Werner Gegenbauer (re.) und Anwalt Christoph Schickhardt.
Relegation Bundesliga 2012 
Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Aktuelle Videos
Weblogs
Die Blogs der Berliner Zeitung.

Anekdoten aus dem Hauptstädter-Alltag, Antworten auf Beziehungsfragen und Pop-Expertisen. mehr...

Anzeige