06.02.2010

Unter dem Begriff Ambient Assisted Living entwerfen Forschung und Industrie intelligente Wohnungen für Senioren: Aufmerksame Teppiche

Von Peter Altmann

Wenn sich ein älterer Mensch Morgen für Morgen seinen Kaffee zubereitet, muss sich seine intelligente Kaffeemaschine Sorgen machen, sobald dieses tägliche Ritual plötzlich und ohne Weiteres aussetzt. Am besten ruft das Hausgerät nach zwei Tagen Hilfe, denn ihrem betagten Besitzer könnte etwas zugestoßen sein. Stark vergesslichen Menschen werden die selbstverständlichsten Vorgänge zur Herausforderung. Da kann ein Kommunikationssystem zwischen Herd und Kühlschrank entlasten, das Rezepte anhand der verfügbaren Lebensmittel zusammenstellt. Gleichzeitig sendet das Handy auch ohne Knopfdruck regelmäßig die Vitaldaten seines Trägers zum behandelnden Arzt. Diese Hightech-Lösungen klingen wie Spielereien. Tatsächlich steckt hinter den Innovationen eine breit angelegte Initiative der Bundesregierung, um das Altern in den eigenen vier Wänden sicherer zu machen. Eine Fördersumme von 30 Millionen Euro für altersgerechte Assistenzsysteme kündigte Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, kürzlich in seiner Rede zum 3. Deutschen Kongress Ambient Assisted Living (AAL) an. Wie notwendig diese Maßnahmen sind, bezeugen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes zum demografischen Wandel in Deutschland. Im Jahr 2060 wird jeder dritte Bundesbürger mindestens 65 Jahre alt sein -jeder Siebente gar 80 Jahre oder älter. Modernste Technik soll den Rentnern von morgen als Helfer zur Seite stehen. Das politisch gewollte Ziel ist ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung. Hilfreich und schick Die intelligente Kaffeemaschine wirkt hier wie eine Randnotiz. Thomas Norgall, stellvertretender Sprecher der Ende 2009 gegründeten Fraunhofer-Allianz AAL, benennt Anwendungen, die einen handfesten medizinischen Nutzen bieten. "Das beginnt beim Telemonitoring, bei dem ein Herzinfarkt-Patient 24 Stunden am Tag in seiner Wohnung überwacht wird." Das kommt Krankenkassen wie Patienten zugute: Zuhause gesundet man besser und preiswerter -vorausgesetzt, die medizinische und soziale Versorgung ist gewährleistet. Dafür bedarf es nicht nur Neuentwicklungen, auch bestehende Technik wird eingesetzt. "Zum Beispiel ist eine Nintendo Wii-Console als Therapiemittel denkbar", so Norgall. Sie bietet eine leicht erlernbare Oberfläche fürs Training, übermittelt die Ergebnisse digital an den behandelnden Arzt und verbindet den Genesenden mit Angehörigen via Internet. Die Reha-Kur für zu Hause stellt einen weiteren Aspekt der Krankenpflege sicher: "Immer wichtiger werden digitale soziale Netzwerke -sie verhindern die Vereinsamung", so Norgall. "Es ist doch langweilig so allein auf einem Heimtrainer im Keller", sagt Stefan Jähnichen, Professor an der TU Berlin im Fachgebiet Softwaretechnik. Er hat ein anderes Szenario vor Augen: "Wenn ich aber mit meinem Freund virtuell die Tour de France fahre, dann machen Technik und Sport richtig Spaß." Als Mitinitiator des Projektes SmartSenior arbeitet er auch an einem der größten Probleme solcher Systeme: "Es reicht nicht, dass ein Telefon große Tasten hat. Damit Senioren es benutzen, muss es leicht verständlich sein. Und schick." Am besten funktioniere Technik dort, wo sie gar nicht wahrgenommen wird, wie die sogenannten SensFloor Matten der Firma Future Shape. Die registrieren, wenn ein Mensch darauf stürzt und senden ein Notfallsignal an Betreuer oder Ärzte. Noch intelligenter sind Böden, die die Schrittfolge einer Person analysieren und Sturzgefahren vorausahnen. Die Warenwelt für Senioren ist bereits bunt. Doch momentan gelten kaum Standards. Damit die erhofften Einsparungen für das Gesundheitswesen Realität und die Techniken auch für den einzelnen Senioren bezahlbar werden, vernetzt sich zuerst einmal die Branche selbst. ------------------------------ PROJEKTE Fraunhofer Allianz Dreizehn verschiedene Institute des Fraunhofer Instituts arbeiten an technischen Lösungen für altersgerechte Assistenzsysteme. Die Allianz bündelt diese Ideenschmieden und will dafür sorgen, dass die Anwendungen Teil eines gemeinsamen Systemkonzeptes werden. www.aal.fraunhofer.de Innovationsfeld Mikrosysteme Seit 2004 fördert die Bundesregierung den Bereich Ambient Assisted Living. In 18 finanzierten Projekten entwickeln und testen Ingenieure die nötige Technik und ihre Anwendungen. Auf der Internetseite der Projektorganisation findet man Informationsmaterial zu den Projekten. www.aal-deutschland.de ------------------------------ Foto: Die neuen Bodensensoren erkennen einen Sturz und informieren sekundenschnell die richtige Person.

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