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Noch liegt die männliche Lebenserwartung unter der weiblichen. Das will der erste Männergesundheitsbericht ändern: Alt werden wie die Mönche

Beten, arbeiten, essen, schlafen: Mönche haben einen genau geregelten Tagesablauf. Kein Dauerstress, kein Karrierekampf, stattdessen Geborgenheit in der Gemeinschaft. Vermutlich ist das die Erklärung für die deutlich höhere Lebenserwartung von Klosterbrüdern im Vergleich zu ihren Altersgenossen. Mit rund 78 Lebensjahren können deutsche Männer heute rechnen, das sind knapp sechs Jahre weniger als Frauen erwarten dürfen. Bei Mönchen und Nonnen, deren Alltag sich hochgradig ähnelt, nähert sich die männliche Lebenserwartung der weiblichen (heute 84 Jahre) an. Das ist durch mehrere Studien überzeugend belegt, zuletzt durch eine Untersuchung an 11000 bayerischen Klosterleuten.Höhere Herzinfarkt-Rate"Die Klosterforschung zeigt, wie sehr die Lebenserwartung von sozialen und kulturellen Faktoren abhängt", sagte Matthias Stiehler von der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit am Donnerstag vor Journalisten in Berlin. Mit einem vielköpfigen Autorenteam präsentierte Stiehler den ersten Deutschen Männergesundheitsbericht.Auf knapp 200 Seiten präsentiert er eine Bilanz der gesundheitlichen Situation von Männern. Die Befunde basieren auf amtlichen Daten, etwa vom Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) und aus europäischen Statistiken. Im Einzelnen geht es in dem Bericht um Gesundheitsrisiken in der Arbeitswelt, um Männerkrankheiten und die seelische Befindlichkeit des sogenannten starken Geschlechts, aber auch um Online-Angebote zum Thema Männergesundheit und Ideen, das Gesundheitsverhalten zu verbessern.Man wolle das Auseinanderklaffen der Lebenserwartung nicht weiter hinnehmen, sagte Stiehler, denn gottgegeben sei er nachweislich nicht: "Biologisch haben Frauen wahrscheinlich nur einen Vorteil von einem Jahr, alles andere hat mit den Lebensbedingungen zu tun." Die wollen Stiehler und seine Mitstreiter verbessern - mit einer Privatinitiative, zu der auch die Berliner Stiftung Männergesundheit und die Deutsche Krankenversicherung (DKV) beiträgt.Die Politik habe bisher beharrlich zu dem Thema geschwiegen, heißt es in ihrem Bericht. Seit 2001 gebe das Bundesfamilienministerium einen umfassenden Frauengesundheitsbericht heraus, das Thema Männergesundheit aber werde vernachlässigt - ganz klar aus Kostengründen, so die Diagnose.Um einen Imageschaden von ihrem Ministerium abzuwenden, war sogar Bundesfamilienministerin Kristina Schröder zur Pressekonferenz in Berlin erschienen - statt des zunächst angekündigten Staatssekretärs aus ihrem Haus. Sie begrüße dieses Musterbeispiel an bürgerschaftlichem Engagement.Der Männergesundheitsbericht sei dringend notwendig und ein Auftrag an die Politik. Schon im kommenden Herbst werde das Berliner Robert-Koch-Institut einen staatlichen Bericht zum Thema veröffentlichen und auch die Europäische Union erarbeite gerade ein Dokument zur Männergesundheit in den 27 Mitgliedsstaaten.In ihrem Ressort gebe es neuerdings ein Referat für Jungen- und Männerpolitik und im nächsten Jahr werde analog zum Girls Day erstmals ein bundesweiter Boys Day veranstaltet: "In den Schulen sind Jungs heute die Problemkinder, ihnen wollen wir neue Perspektiven aufzeigen", sagte Schröder. Das Arbeitsleben belaste die Gesundheit von Männern stärker als die von Frauen, auch weil Männer sich viel stärker selbst unter Druck setzten.Das trägt unter anderem zu einer hohen Herzinfarkt-Rate bei. Männer erleiden nicht nur häufiger einen Herzinfarkt als Frauen, sie erkranken auch deutlich früher, wie sich bei einer neuen Auswertung von Patientendaten der DKV herausstellte. Demnach haben Männer zudem gegenüber Frauen ein um 33 Prozent erhöhtes Risiko, an starkem Übergewicht zu erkranken. Besonders vom 45. Lebensjahr an steige die Fettleibigkeit deutlich an.Das habe vor allem mit dem Gesundheitsverhalten zu tun, heißt es in der Studie: Männer essen mehr Fleisch und weniger Obst und Gemüse als Frauen, sie leben mit einem höheren Stresspegel. Starkes Übergewicht ist oft der Beginn einer Zuckerkrankheit und die hat nicht selten Erektionsstörungen zur Folge: Deutlich zugenommen habe dieses Problem in den vergangenen 40 Jahren, heißt es in dem neuen Report, heute litten 20 Prozent der Männer hierzulande daran.Vor allem jüngeren Männern machen psychische Störungen zunehmend zu schaffen, berichtete die Münchener Sozialwissenschaftlerin Anna Maria Möller-Leimkühler. Zwar falle es Männern heute leichter als früher, über seelische Nöte zu sprechen, aber viele fürchteten immer noch, deshalb als Schwächling zu gelten. Depressionen bleiben auch deshalb oft unbehandelt. Psychische Krankheiten führen bei Männern weitaus häufiger zum Tode als bei Frauen. Nach wie vor hoch ist die Suizidrate bei Männern, vor allem Männer über 85 Jahre wählen diesen letzten Ausweg erschreckend oft."Männer nehmt eure Krisen ernst, die psychischen wie die körperlichen", appellierte Matthias Stiehler zum Schluss der Pressekonferenz an seine Geschlechtsgenossen. Um es gar nicht erst zur Krise kommen zu lassen, seien neue Informationsangebote erforderlich. Zum Beispiel im Internet, denn das komme der männlichen Vorliebe entgegen, anonym nach Gesundheitsrat zu suchen. Der muss dann nur noch gelebt werden - auch außerhalb von Klostermauern.------------------------------Doris Bardehle, Matthias Stiehler (Hg.): Erster Deutscher Männergesundheitsbericht, W. Zuckschwerdt Verlag, München 2010, 29,90 Euro------------------------------Grafik: Lebenserwartung bei der Geburt (1850-2006)Foto: Das Leben zwischen Klostermauern begünstigt offenbar die Lebenserwartung. Mönche werden annähernd so alt wie Nonnen.


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