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NSU-Informant "Corelli": V-Mann tot aufgefunden

Thomas R. (2012)

Noch Anfang 2012 stellte Thomas R. (M.) Fotos von Antifa-Aktivisten ins Internet.

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Archiv/dapd

Ein führender deutscher Neonazi, der mit Unterstützung des Verfassungsschutzes die Organisation und Vernetzung der rechtsextremen Szene in Deutschland vorantrieb, ist tot. Thomas R., der unter dem Decknamen „Corelli“ von 1994 bis zu seiner Enttarnung im September 2012 mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) kooperierte, wurde Ende März leblos in seiner Wohnung aufgefunden. Der 39-Jährige, der als ein wichtiger Zeuge im NSU-Prozess galt, soll eines natürlichen Todes gestorben sein.

Mit neuer Identität versehen

Wie der Spiegel meldet, hat das BfV den Tod von „Corelli“ vergangene Woche dem Parlamentarischen Kontrollgremium mitgeteilt. Demnach soll R. nach seiner Enttarnung 2012 ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen und mit einer neuen Identität versehen worden sein. Zuletzt soll er in Schloss Holte-Stukenbrock nahe Bielefeld gelebt haben. Die Behörden gehen bislang davon aus, dass R. an den Folgen einer nicht erkannten Diabetes-Erkrankung verstarb.

Petra Pau, Vizepräsidentin des Bundestages und Obfrau der Linken im NSU-Untersuchungsausschuss, fordert eine Aufklärung der Todesumstände. „R. war eine der Schlüsselfiguren der rechten Szene und spielte eine bis heute nicht vollständig aufgeklärte Rolle im nahen Umfeld des NSU“, sagte sie der Berliner Zeitung. „Vor diesem Hintergrund wäre der ehemalige Spitzen-V-Mann im NSU-Prozess ein zentraler Zeuge gewesen für die Frage, welche Kenntnis der Verfassungsschutz von der Existenz rechtsterroristischer Strukturen in Deutschland hatte.“

Das BfV hatte stets versucht, die Bedeutung seiner Quelle herunterzuspielen. Dabei gehörte „Corelli“ zu den wenigen Top-Spitzeln in der rechten Szene: Insgesamt kassierte er 180 000 Euro. Amtsintern wurde er mit der höchsten Bewertungsstufe „B“ geführt – das bedeutet, die Quelle war zuverlässig, ihre Informationen waren zutreffend, sie hatte Kontakte zu führenden Aktivisten und besaß eine absolute Vertrauensstellung in der Szene.

Der aus Halle/Saale stammende R. war eines der wichtigsten Verbindungsglieder zwischen den militanten Neonazi-Strukturen in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Baden-Württemberg. Er hatte engen Kontakt zum Blood&Honour-Netzwerk, das die mutmaßlichen NSU-Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mit Waffen und Geld unterstützte. Sein Name fand sich auf einer Telefonliste der wichtigsten Kontaktpartner des Trios, die 1998 in deren Jenaer Garage gefunden wurde.

„Corelli“, der zumindest Mundlos seit 1995 persönlich kannte, betreute auch die Internetpräsenz des rassistischen Fanzines „Der Weisse Wolf“, das 2002 vom NSU eine Spende über 2500 Euro erhielt. Außerdem zählte R. 1998 zu den Mitbegründern eines Ku-Klux-Klan-Ablegers, dessen Mitglieder 2007 im Umfeld des Heilbronner Polizistenmordes auftauchen.

Das BfV beharrte darauf, „Corelli“ habe mit dem NSU nichts zu tun gehabt und nicht über das Trio berichtet. Auch die Bundesanwaltschaft hatte sich gegen seine Vernehmung im NSU-Prozess gewehrt.