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NSU-Prozess: „Es war einfach der Gedanke der Kameradschaftshilfe“

Die Angeklagte Beate Zschäpe (M) steht am 25.02.2014 im Gerichtssaal in München (Bayern) zwischen ihren Anwälten Anja Sturm und Wolfgang Heer.

Die Angeklagte Beate Zschäpe (M) steht am 25.02.2014 im Gerichtssaal in München (Bayern) zwischen ihren Anwälten Anja Sturm und Wolfgang Heer.

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dpa

München -

Mandy S., 38 Jahre alt, schwarze, gefärbte Haare, Friseursalonchefin aus Schwarzenberg im Erzgebirge, möchte gerne aussagen. Dass es im Münchener NSU-Prozess am Mittwoch dazu kam, ist nicht selbstverständlich. Denn es läuft ein anderes Ermittlungsverfahren gegen Mandy S. und die meisten ehemaligen Bekannten der Angeklagten Beate Zschäpe haben vor dem Münchener Gericht entweder nichts gesagt oder sie konnten sich nach eigenen Worten nicht mehr gut erinnern, manchmal an fast gar nichts mehr. Es ist der 89. Tag im NSU-Prozess und seit der Aussage des Angeklagten Carsten S. im Juni 2013 ist Mandy S. die erste Befragte, die sich nicht sofort verweigert. S. schickt jedoch gleich vorweg, sie habe nur vereinzelte „Erinnerungsbilder“ im Kopf. Und natürlich hat sie viel über das Geschehen gelesen, seit der Prozess begonnen hat.

Mandy S. hat Mitte der 90er-Jahre eine Lehre gemacht und ist, so ihre Worte, in die „Skinhead-Szene gerutscht“. Das sei am Anfang nicht politisch gewesen, sondern allein über Musik geschehen. Sie rasierte sich die Haare, kaufte sich eine Bomberjacke, wurde Teil der Szene. Dann sei es politisch geworden. „Warum?“, fragt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. Wenn man auf Demos gegangen sei, habe man auch Konzertkarten bekommen, sagt Mandy S..

Im Frühjahr 1998 klingelte es an ihrer Tür in Chemnitz. Ein Freund sagte, es seien drei Leute da, die bräuchten eine Wohnung, die hätten „Scheiße gebaut“. Ihr Freund, Max-Florian B., ebenfalls aus der Szene, schlief ohnehin immer bei S., seine Wohnung stand meist leer. Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe zogen dort ein. In der Wohnung von B. sah Mandy S. die drei zum ersten Mal, sagt sie. „Die waren freundlich“. Den sympathischeren von den beiden Männern – den anderen schätzte sie direkt als „böse“ ein – meint S. zuvor schon einmal in Jena gesehen zu haben. Über das Trio aber sagt sie: „Ich wusste nicht, wer es ist, ich wusste nicht, um was es geht.“ Sie betont: „Es war einfach ein Gedanke der Kameradschaftshilfe.“

Trio wollte nach Amerika

Beate Zschäpe war in S.’ Erinnerung „niedlich“, mit „piepslicher Stimme“, „so groß wie ich“ – das sind 1,63 Meter. Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe wohnten S.’ Aussage zufolge sechs bis acht Wochen in der Wohnung ihres Freundes Max-Florian B., dann zog B. nach längerem Beziehungsstreit aus der Wohnung von S. aus. Bis zu diesem Zeitpunkt habe das Paar gedacht: „Mir werden schon nüscht verkehrt machen, die gehen ja dann auch wieder.“

Zwischendurch hat Mandy S. die drei nur ein paar Mal gesehen, sagt sie. Einmal, als Beate Zschäpe über Bauchkrämpfe geklagt habe, habe sie ihr auch ihre eigene AOK-Karte gegeben, damit Zschäpe zum Frauenarzt gehen konnte. „Warum sagen Sie Frau Zschäpe?“, erkundigt sich Richter Götzl an dieser Stelle. Er fragt danach, weil S. bis dahin in der Vernehmung immer nur „diese Frau“ gesagt hat. „Weil’s mir jeder so eingeredet hat, dass die Frau von damals auch die Frau von heute ist“, antwortet S.. Mit welchen Namen sie die drei damals angeredet hat, daran erinnere sie sich heute nicht mehr, sagt sie. In Chemnitz habe jeder in der Szene „aus dem Buschfunk“ gewusst, dass das Trio in der Stadt war und sich versteckte.

Ausgestattet mit einer Vollmacht holte S. einen neuen Personalausweis vom Einwohnermeldeamt ab, mit einem Foto von einem der beiden untergetauchten Männer darauf, aber mit falschem Namen und falschen Daten. Sie händigte ihn dem Trio aus, wisse aber heute nicht mehr, auf wessen Namen das Dokument ausgestellt war. Überhaupt habe sie in diesem Zusammenhang alles vergessen, außer dass sie sehr aufgeregt gewesen sei. Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe hätten nach Amerika gewollt, sagt S., und sie brauchten Reisepässe. Jedenfalls sei davon gesprochen worden, wobei Amerika nicht unbedingt stimmen müsse.

Ganz so naiv, wie Mandy S. heute die Mandy S. aus der Zeit des Geschehens darstellt, ist sie freilich offenbar nicht. Vor und während ihrer Lehrzeit von 1993 bis 1996 in Nürnberg und in den Jahren 2002 und 2003, als sie erneut in Franken lebte, hielt S. beständig Kontakt zur rechten Szene und veröffentlichte einmal einen rechtsradikalen Artikel unter eigenem Namen.



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