Sonderthema: Michael Müller

NSU-Prozess

Neonazi-Trio: Fahnder arbeiteten gegeneinander

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Der Zwickauer Terror-Zelle sollte Geld für neue Pässe zugespielt werden. Der thüringische Verfassungsschutz hoffte,  die Spur des Trios wiederzufinden.
Der Zwickauer Terror-Zelle sollte Geld für neue Pässe zugespielt werden. Der thüringische Verfassungsschutz hoffte, die Spur des Trios wiederzufinden.
Foto: dpa

Nach Informationen dieser Zeitung haben Thüringer Landeskriminalamt und Verfassungsschutz bei ihren Fahndungen nach dem Neonazi-Trio gegeneinander gearbeitet. Unterdessen räumt der Verfassungsschutz direkte Geldzahlungen an das Trio ein.

Das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) hat im Jahr 2000 versucht, mit Hilfe von Geldzahlungen auf die Spur der zwei Jahre zuvor untergetauchten Neonazis Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu kommen. Laut Bild am Sonntag soll die Parlamentarische Kontrollkommission (PKK) des Erfurter Landtages kürzlich über diesen Vorgang informiert worden sein. Demnach habe ein LfV-Vertreter vor zwei Wochen gegenüber den Abgeordneten berichtet, das Amt habe seinerzeit dem Thüringer Neonazi-Anführer und V-Mann Tino Brandt 2000 Mark übergeben. Mit dem Geld sollte sich das untergetauchte Trio neue Pässe besorgen. Der Thüringer Verfassungsschutz hat inzwischen eingeräumt, dass Geld an das Zwickauer Neonazi-Terror fließen sollte.

Aus der Telefonüberwachung des Unterstützerkreises in Chemnitz hätten die Behörden gewusst, dass es Schwierigkeiten bei der Passbeschaffung für die drei gab. Die Verfassungsschützer hofften daher, dass das Trio mit neuen Ausweisen aus der Deckung kommen würde und man so seine Spur wieder aufnehmen könnte. Außerdem versprach man sich mit der Geldzuwendung eine Stärkung der Position Brandts in der Szene, der bis dahin keinen direkten Zugang zu Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt hatte.

Unterschlagung unter Neonazis

Der in Rudolstadt ansässige Brandt war Chef des „Thüringer Heimatschutzes“, einem Netzwerk der gewaltbereiten Neonazi-Kameradschaften des Freistaates, zu dem auch Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gehörten. Nach deren Untertauchen organisierte Brandt Spendenaktionen in der Szene. Das Geld übergab er seinen Jenaer Gesinnungsfreunden Ralf Wohlleben und Andrej Kapke. Allerdings kam es zu Unregelmäßigkeiten bei der Weitergabe des Geldes. So beschuldigte der inzwischen als mutmaßlicher Unterstützer inhaftierte Wohlleben seinen Freund Kapke, Spenden unterschlagen zu haben. Auch nach Darstellung des Thüringer Verfassungsschutzes ist das Geld nicht bei den Terroristen angekommen, weil ein Mittelsmann es für sich verwandt habe.

Neonazi Brandt sagte auf Anfrage, er könne sich an diesen Vorgang nicht erinnern. Allerdings habe der Verfassungsschutz seinerzeit alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Fahndung nach dem Trio erfolgreich abschließen zu können, sagte Brandt der FR. So sei ihm eine Kopfprämie in Höhe von 10000 Mark angeboten worden, wenn er zu dessen Ergreifung entscheidend beitrage.

Behörden agierten gegeneinander

Nach dem Abtauchen des Trios im Februar 1998 hatten das Thüringer LKA und das Erfurter LfV jeweils eigenständig Zielfahndungen eingeleitet. Dabei agierten die Behörden auch gegeneinander, wie diese Zeitung aus Sicherheitskreisen erfuhr. So habe das LfV seinen V-Mann Brandt über die Observationsmaßnahmen der Polizei auf dem Laufenden gehalten. Dem Neonazi sei demnach mitgeteilt worden, dass er aus einer angemieteten Wohnung in der Nähe seines Hauses heraus überwacht werde. Es sei sogar vorgekommen, dass Verfassungsschützer in ihren Autos die Polizisten verfolgten, die ihrerseits Brandt hinterher fuhren. Brandt bestätigte das. Es gibt jedoch keinen Hinweis darauf, dass sich das Trio mit dem Geld vom Verfassungsschutz gefälschte Pässe besorgen konnte. Bislang ist nur bekannt, dass es Bahncards und andere Dokumente von Unterstützern aus ihrem Umfeld verwandte.

Ein weiterer Geldfluss wirft Fragen auf. Wie die BamS berichtet, sollen die Thüringer Verfassungsschützer mindestens drei Exemplare des vom Terrortrio hergestellten antisemitischen Brettspiels „Pogromly“ für je 100 Mark gekauft haben. Der Informant des Blattes, ein Thüringer Neonazi, soll gesagt haben, den Verfassungsschützern sei bekannt gewesen, dass der Verkaufserlös an die Terroristen floss. Bislang hatte das LfV den Kauf nur eines Spieles eingeräumt.

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