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Online-Buchhandel Momox und Medimops: Der Algorithmus bestimmt den Preis

Und wie kaufen Sie privat ein, Herr Kroke?

Und wie kaufen Sie privat ein, Herr Kroke?

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Berliner Zeitung/PAULUS PONIZAK

Wer ein gebrauchtes Buch verkaufen will, der stößt im Internet schnell auf Momox. Wer wiederum ein gebrauchtes Buch sucht, der findet Medimops. Momox und Medimops gehören zusammen. Vor zehn Jahren begann Christian Wegner in Berlin-Kreuzberg mit dem Internet-Versandhandel, vor fünf Jahren gründete er die Momox GmbH. Heute braucht das Unternehmen 57 000 Quadratmeter Stellfläche für all die Bücher und macht 70 Millionen Euro Umsatz. Im Jahr 2013 zog Wegner sich aus dem laufenden Geschäft zurück. Seit März vergangenen Jahres ist der 45-jährige Heiner Kroke CEO der Firma. Er empfängt an einem sonnigen Julimorgen in einem demonstrativ unprätentiösen Büro des Unternehmens an der Frankfurter Allee in Berlin.

Ja, das ist ein Geschenk.

„Gastl Welt – Hommage an eine alte Buchhandlung“. Sie wollen mir wahrscheinlich sagen: So schön waren die alten Buchhandlungen.

Gut erkannt. Das ist ein Buch mit Erinnerungen an die Buchhandlung Gastl in Tübingen, wie sie vor einem halben Jahrhundert war. Sie haben das Buch auch in Ihrem Angebot. Jedenfalls gestern Abend noch. Ich habe bei beiden Adressen nachgeschaut. Also bei Momox, was Sie mir dafür bezahlen, und bei Medimops, was ich Ihnen dafür bezahlen muss.

Sie haben festgestellt?

1 Euro 69 zahlen Sie dafür und 8 Euro 39 muss ich zahlen.

Eine ganz passable Spanne.

Mehr als vier Mal so viel.

Das ist natürlich eine Kalkulation, die viele machen. Oh, was die daran verdienen! Aber wer uns etwas anbietet, der will nicht unbedingt den maximalen Erlös bekommen. Er hat keine Lust auf Laufereien, auf frustrierende Verhandlungen. Er weiß: Zeit ist Geld. Er will seine Bücher loswerden. Und er will das möglichst unkompliziert machen. Er geht auf die Momox-Seite, gibt die ISBN-Nummer ein und schaut nach, ob wir das Buch annehmen, und wenn ja, für wie viel. Dann macht er ein Päckchen, schickt uns das Buch, die Bücher – portofrei! –, und eine Woche später hat er das Geld auf seinem Konto. Der Kunde, der selbst sein Buch zu verkaufen versucht, wird merken, dass es sehr viele Bücher gibt, die einfach nicht mehr zu verkaufen sind. Wenn er bei uns nachfragt, sieht er sofort, ob es verkaufbar ist oder nicht.

Wir sind mitten im Thema. Ich bin sicher, dass ich für einen gerade erst im Steidl-Verlag erschienenen Katalog einer Karl-Lagerfeld-Ausstellung, der neben meinem Schreibtisch steht, einen Käufer finden könnte. Momox aber nimmt mir das Buch nicht ab.

Völlig d’accord. Wenn ich sage: nicht verkaufbar, dann meine ich: an uns nicht verkaufbar, weil für uns nicht verkaufbar. Eine Gutenberg-Bibel zum Beispiel ist für uns auch nicht verkaufbar.

Schon weil die ISBN-Nummer fehlt. Aber es gibt auch nur 49 Exemplare. Das letzte Mal wechselte eines von ihnen 1987 für 9,75 Millionen DM den Besitzer, sagt Wikipedia.

Sie sehen: Über die Wege, über die wir verkaufen, ist eine Gutenberg-Bibel nicht zu verkaufen. Aber ganz offensichtlich haben wir sehr gute Wege. In zehn Jahren haben wir über 57 Millionen Titel verkauft. Das spricht sehr für uns. Wir wissen sehr genau, was bei uns in den Regalen steht, und wie lange es das schon tut. Wenn wir sehen, zwei Exemplare dieses Titels rühren sich seit zwölf Monaten nicht von der Stelle, dann stellen wir uns nicht noch ein drittes dazu.

Das sind dann die Artikel, die bei Medimops für 0,01 Euro verkauft werden?

Wenn sie lange herumstehen, und wenn sie sich immer noch nicht verkaufen, dann gehen wir tatsächlich runter bis auf einen Cent.

Medimops verlangt von mir für ein Buch, das ich in Berliner Antiquariaten für Preise zwischen fünfzehn und dreißig Euro bekomme, 387,95 Euro. Wie kommt so etwas zustande?

Wir haben 57 000 Quadratmeter Lagerfläche und weit über vier Millionen Artikel. Da kann ich mir nicht jedes einzelne Exemplar – wir haben Bücher, CDs, DVDs, Videospiele usw. – anschauen und denken: Heinz Rademacher: Hommage an eine alte Buchhandlung, acht Euro 39. Das mache ich nicht. Wir arbeiten anders. Wir haben Algorithmen. Die entscheiden aufgrund der Analyse der unterschiedlichsten Daten darüber, ob ein Buch überhaupt gekauft wird und zu welchen Preisen es ge- und verkauft wird.

Aber wie kommen Sie auf so etwas?

Ich kann Ihnen nicht verraten, wie unsere Algorithmen funktionieren. Das ist unser Coca-Cola-Rezept. Im Kern geht es um Angebot und Nachfrage.

Aber hier ja gerade nicht.

Gab es einen Wettbewerber?

Ja.

Es gab ein lieferbares, neues Buch, das billiger war als wir?

Ja.

Da hat der Algorithmus einen Fehler gemacht. Das kommt vor. Aber selten, sehr, sehr selten. Wenn Sie wieder auf so etwas stoßen, lassen Sie es mich bitte wissen. Wir können nur dann verkaufen, wenn wir Preise machen, die von den Kunden akzeptiert werden. Wir wollen verkaufen. Wir sind nicht Sammler. Wir sind Händler.

Es geht alles über Algorithmen. Die rechnen, sehen sich die Preise der Konkurrenz an und unterbieten die dann um zwei Cent?

Nicht unbedingt. Wir bieten unsere Artikel auf verschiedenen Plattformen an. Wir verkaufen über unsere eigene Adresse, über abebooks, Amazon, über Ebay, Libri. Wir verkaufen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien, Frankreich und den USA. Auch dort auf den verschiedensten Plattformen. Da gibt es natürlich unterschiedliche Preise. Die Plattformbetreiber verlangen unterschiedlich viel Geld. Das Porto ist unterschiedlich hoch. Danach variieren dann auch unsere Preise.

Warum gibt es immer wieder Bücher, die ich, wenn ich über Amazon an sie komme, billiger bekomme als von Ihrer Website?

In Einzelfällen kann das vorkommen. Bei den Angeboten auf Amazon müssen Sie immer noch das Porto hinzurechnen. Das ist bei unserer eigenen Webseite nicht der Fall.

Momox ist das Unternehmen, das mir Bücher usw. abkauft. Medimops verkauft mir Bücher usw. Warum sind das zwei Unternehmen? Ist das ein Steuertrick?

Nein – kein Trick. Es ist ein einziges Unternehmen. Die Momox GmbH. Wir halten es nur für übersichtlicher, An- und Verkauf auf verschiedenen Webseiten darzustellen.

Alle Welt redet vom Markenbewusstsein. Sie nicht?

Wir haben zwei unterschiedliche Kunden. Da ist der mit dem vollen Regal. Er will die Bücher loswerden. Dem wollen wir es möglichst einfach machen. Er geht auf momox.de und gibt … Na, Sie wissen schon. Und dann gibt es den anderen, der will sein Regal füllen. Der interessiert sich nicht für ISBN-Nummern.

Wer seine Regale leeren möchte, ist Ihr Kunde. Wenn ich eine Sammlung von Thomas-Bernhard-Erstausgaben, prächtige Bildbände oder auch Bücher von Daniel Kehlmann habe, dann verkaufe ich die besser nicht an Sie?

Da sind wir wieder bei der Gutenberg-Bibel.

Es wird Kehlmann freuen, das zu lesen.

Es kann gut sein, dass wir diese Bücher gar nicht kaufen würden. Dan Browns „Illuminati“ – das ist mehr unser Milieu. Wir sind kein Antiquariat, das Privatbibliotheken kauft. Dazu passen unsere Abverkaufkunden nicht. Aber die normale Buchhandlung um die Ecke, das normale Antiquariat wird mit den von Ihnen beschriebenen Büchern auch weniger anfangen können.

Daniel Kehlmann hat um die anderthalb Millionen Bücher weltweit verkauft.

Oh, geschlagen. Das ist eine sehr vernünftige Zahl. Ich sehe mal nach: Wir haben mehr als zwei Dutzend Titel von ihm im Angebot. Auch CDs.

Lesen Sie weiter, wie die Firma Momox der schieren Menge von Angebot und Nachfrage Herr wird.

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