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Berliner Zeitung | Online-Buchhandel Momox und Medimops: Der Algorithmus bestimmt den Preis
25. July 2014
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Online-Buchhandel Momox und Medimops: Der Algorithmus bestimmt den Preis

Und wie kaufen Sie privat ein, Herr Kroke?

Und wie kaufen Sie privat ein, Herr Kroke?

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Berliner Zeitung/PAULUS PONIZAK

Wer ein gebrauchtes Buch verkaufen will, der stößt im Internet schnell auf Momox. Wer wiederum ein gebrauchtes Buch sucht, der findet Medimops. Momox und Medimops gehören zusammen. Vor zehn Jahren begann Christian Wegner in Berlin-Kreuzberg mit dem Internet-Versandhandel, vor fünf Jahren gründete er die Momox GmbH. Heute braucht das Unternehmen 57 000 Quadratmeter Stellfläche für all die Bücher und macht 70 Millionen Euro Umsatz. Im Jahr 2013 zog Wegner sich aus dem laufenden Geschäft zurück. Seit März vergangenen Jahres ist der 45-jährige Heiner Kroke CEO der Firma. Er empfängt an einem sonnigen Julimorgen in einem demonstrativ unprätentiösen Büro des Unternehmens an der Frankfurter Allee in Berlin.

Ja, das ist ein Geschenk.

„Gastl Welt – Hommage an eine alte Buchhandlung“. Sie wollen mir wahrscheinlich sagen: So schön waren die alten Buchhandlungen.

Gut erkannt. Das ist ein Buch mit Erinnerungen an die Buchhandlung Gastl in Tübingen, wie sie vor einem halben Jahrhundert war. Sie haben das Buch auch in Ihrem Angebot. Jedenfalls gestern Abend noch. Ich habe bei beiden Adressen nachgeschaut. Also bei Momox, was Sie mir dafür bezahlen, und bei Medimops, was ich Ihnen dafür bezahlen muss.

Sie haben festgestellt?

1 Euro 69 zahlen Sie dafür und 8 Euro 39 muss ich zahlen.

Eine ganz passable Spanne.

Mehr als vier Mal so viel.

Das ist natürlich eine Kalkulation, die viele machen. Oh, was die daran verdienen! Aber wer uns etwas anbietet, der will nicht unbedingt den maximalen Erlös bekommen. Er hat keine Lust auf Laufereien, auf frustrierende Verhandlungen. Er weiß: Zeit ist Geld. Er will seine Bücher loswerden. Und er will das möglichst unkompliziert machen. Er geht auf die Momox-Seite, gibt die ISBN-Nummer ein und schaut nach, ob wir das Buch annehmen, und wenn ja, für wie viel. Dann macht er ein Päckchen, schickt uns das Buch, die Bücher – portofrei! –, und eine Woche später hat er das Geld auf seinem Konto. Der Kunde, der selbst sein Buch zu verkaufen versucht, wird merken, dass es sehr viele Bücher gibt, die einfach nicht mehr zu verkaufen sind. Wenn er bei uns nachfragt, sieht er sofort, ob es verkaufbar ist oder nicht.

Wir sind mitten im Thema. Ich bin sicher, dass ich für einen gerade erst im Steidl-Verlag erschienenen Katalog einer Karl-Lagerfeld-Ausstellung, der neben meinem Schreibtisch steht, einen Käufer finden könnte. Momox aber nimmt mir das Buch nicht ab.

Völlig d’accord. Wenn ich sage: nicht verkaufbar, dann meine ich: an uns nicht verkaufbar, weil für uns nicht verkaufbar. Eine Gutenberg-Bibel zum Beispiel ist für uns auch nicht verkaufbar.

Schon weil die ISBN-Nummer fehlt. Aber es gibt auch nur 49 Exemplare. Das letzte Mal wechselte eines von ihnen 1987 für 9,75 Millionen DM den Besitzer, sagt Wikipedia.

Sie sehen: Über die Wege, über die wir verkaufen, ist eine Gutenberg-Bibel nicht zu verkaufen. Aber ganz offensichtlich haben wir sehr gute Wege. In zehn Jahren haben wir über 57 Millionen Titel verkauft. Das spricht sehr für uns. Wir wissen sehr genau, was bei uns in den Regalen steht, und wie lange es das schon tut. Wenn wir sehen, zwei Exemplare dieses Titels rühren sich seit zwölf Monaten nicht von der Stelle, dann stellen wir uns nicht noch ein drittes dazu.

Das sind dann die Artikel, die bei Medimops für 0,01 Euro verkauft werden?

Wenn sie lange herumstehen, und wenn sie sich immer noch nicht verkaufen, dann gehen wir tatsächlich runter bis auf einen Cent.

Medimops verlangt von mir für ein Buch, das ich in Berliner Antiquariaten für Preise zwischen fünfzehn und dreißig Euro bekomme, 387,95 Euro. Wie kommt so etwas zustande?

Wir haben 57 000 Quadratmeter Lagerfläche und weit über vier Millionen Artikel. Da kann ich mir nicht jedes einzelne Exemplar – wir haben Bücher, CDs, DVDs, Videospiele usw. – anschauen und denken: Heinz Rademacher: Hommage an eine alte Buchhandlung, acht Euro 39. Das mache ich nicht. Wir arbeiten anders. Wir haben Algorithmen. Die entscheiden aufgrund der Analyse der unterschiedlichsten Daten darüber, ob ein Buch überhaupt gekauft wird und zu welchen Preisen es ge- und verkauft wird.

Aber wie kommen Sie auf so etwas?

Ich kann Ihnen nicht verraten, wie unsere Algorithmen funktionieren. Das ist unser Coca-Cola-Rezept. Im Kern geht es um Angebot und Nachfrage.

Aber hier ja gerade nicht.

Gab es einen Wettbewerber?

Ja.

Es gab ein lieferbares, neues Buch, das billiger war als wir?

Ja.

Da hat der Algorithmus einen Fehler gemacht. Das kommt vor. Aber selten, sehr, sehr selten. Wenn Sie wieder auf so etwas stoßen, lassen Sie es mich bitte wissen. Wir können nur dann verkaufen, wenn wir Preise machen, die von den Kunden akzeptiert werden. Wir wollen verkaufen. Wir sind nicht Sammler. Wir sind Händler.

Es geht alles über Algorithmen. Die rechnen, sehen sich die Preise der Konkurrenz an und unterbieten die dann um zwei Cent?

Nicht unbedingt. Wir bieten unsere Artikel auf verschiedenen Plattformen an. Wir verkaufen über unsere eigene Adresse, über abebooks, Amazon, über Ebay, Libri. Wir verkaufen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien, Frankreich und den USA. Auch dort auf den verschiedensten Plattformen. Da gibt es natürlich unterschiedliche Preise. Die Plattformbetreiber verlangen unterschiedlich viel Geld. Das Porto ist unterschiedlich hoch. Danach variieren dann auch unsere Preise.

Warum gibt es immer wieder Bücher, die ich, wenn ich über Amazon an sie komme, billiger bekomme als von Ihrer Website?

In Einzelfällen kann das vorkommen. Bei den Angeboten auf Amazon müssen Sie immer noch das Porto hinzurechnen. Das ist bei unserer eigenen Webseite nicht der Fall.

Momox ist das Unternehmen, das mir Bücher usw. abkauft. Medimops verkauft mir Bücher usw. Warum sind das zwei Unternehmen? Ist das ein Steuertrick?

Nein – kein Trick. Es ist ein einziges Unternehmen. Die Momox GmbH. Wir halten es nur für übersichtlicher, An- und Verkauf auf verschiedenen Webseiten darzustellen.

Alle Welt redet vom Markenbewusstsein. Sie nicht?

Wir haben zwei unterschiedliche Kunden. Da ist der mit dem vollen Regal. Er will die Bücher loswerden. Dem wollen wir es möglichst einfach machen. Er geht auf momox.de und gibt … Na, Sie wissen schon. Und dann gibt es den anderen, der will sein Regal füllen. Der interessiert sich nicht für ISBN-Nummern.

Wer seine Regale leeren möchte, ist Ihr Kunde. Wenn ich eine Sammlung von Thomas-Bernhard-Erstausgaben, prächtige Bildbände oder auch Bücher von Daniel Kehlmann habe, dann verkaufe ich die besser nicht an Sie?

Da sind wir wieder bei der Gutenberg-Bibel.

Es wird Kehlmann freuen, das zu lesen.

Es kann gut sein, dass wir diese Bücher gar nicht kaufen würden. Dan Browns „Illuminati“ – das ist mehr unser Milieu. Wir sind kein Antiquariat, das Privatbibliotheken kauft. Dazu passen unsere Abverkaufkunden nicht. Aber die normale Buchhandlung um die Ecke, das normale Antiquariat wird mit den von Ihnen beschriebenen Büchern auch weniger anfangen können.

Daniel Kehlmann hat um die anderthalb Millionen Bücher weltweit verkauft.

Oh, geschlagen. Das ist eine sehr vernünftige Zahl. Ich sehe mal nach: Wir haben mehr als zwei Dutzend Titel von ihm im Angebot. Auch CDs.

Lesen Sie weiter, wie die Firma Momox der schieren Menge von Angebot und Nachfrage Herr wird.

Es lebe das iPhone. Sagen Sie uns doch bitte etwas über Ihre Kaufkunden. Ihre Verkaufskunden haben wir ja gerade kennengelernt.

Sie sind sehr internetaffin. Sonst fänden sie uns nicht. Wir agieren ausschließlich im Internet.

Was ist mit den fünf Läden?

Vorbei. Wir haben sie wieder geschlossen. Sie rechneten sich nicht. Aber zurück zu unseren Kaufkunden – das ist die breite Masse. Wir können nicht nachbestellen. Wir können nur verkaufen, was wir reinbekommen. Unsere Kunden sind Herr und Frau Deutsch. Nicht der Literat. Nicht der Wissenschaftler. Wenn es zu speziell wird, dann haben wir diese Artikel nur in Ausnahmefällen. Die kommen vor. Wenn wir feststellen, der Artikel dreht, dann kaufen wir ihn auch, wenn er uns angeboten wird.

Wann immer Sie wir sagen, meinen Sie den Algorithmus?

Genau. Wenn es um die Preisfindung geht, dann geht das über den Algorithmus.

Es gibt keine Instanz im Betrieb, die ab und zu mal nachcheckt?

Doch schon. Wir überprüfen natürlich, wie der Algorithmus funktioniert. Wir ändern ihn und schauen, ob die Regalzeiten dadurch minimiert werden, ob der Umsatz, ob der Gewinn gesteigert wird. Das ist unsere Arbeit. Aber es gibt keinen Buchhändler bei uns, der vordenkt und überlegt, welche Artikel könnten morgen für uns wichtig sein.

Der Algorithmus erkundet nicht, wer den Literaturnobelpreis bekommt und berücksichtigt das bei seinen Einkäufen?

Nein. Wir beobachten aber nicht nur unsere Verkäufe, sondern auch die der anderen Plattformen. Wenn wir feststellen, da schießen Käufe in die Höhe, dann werden wir diese Titel auch kaufen.

Wir ist immer der Algorithmus?

Wir ist immer der Algorithmus.

Das schreiben wir über das Interview!

„Wir“ – das ist in der Tat der Algorithmus. Es gibt allein in Deutschland bei uns etwa fünf Millionen Bücher, dazu einige Hunderttausend CDs, DVDs und andere Dinge. Da kann sich keiner hinsetzen und für jeden Artikelpreis Entscheidungen treffen. Solche Mengen schafft nur ein Algorithmus.

Um Sie herum gibt es Antiquariate, Buchhandlungen, die sich diese Arbeit machen. Die einen nehmen jeden Band in die Hand, schauen ihn sich an, nehmen ihn oder nehmen ihn nicht, machen einen Preis, die anderen wissen jetzt schon, welche Bücher im Herbst herauskommen werden.

Wir machen das alles nicht. Wir richten uns nach dem Markt.

Den die anderen für Sie machen …

Wenn ein zunächst sehr spezielles Buch, eine sehr spezielle CD, ein sehr spezielles Spiel auf einmal sehr viel gekauft wird, dann kaufen wir es natürlich auch – wenn es uns angeboten wird. Wir machen uns da keine Gedanken. Es wird gekauft. Also kaufen wir es, wenn es uns angeboten wird. So einfach ist das.

Gibt es eine Untergrenze? Wenn die Amazon-Verkäufe sich von eins auf fünfzehn vervielfachen, macht das Herrn Algorithmus heiß oder wartet er die Hundert ab?

Der Algorithmus ist keinesfalls ein Herr. Er ist ein Es. Unsere Kunden setzen ja auch Titel auf ihren Wunschzettel. Diesen Wünschen gehen wir natürlich nach. Wenn wir das Buch angeboten bekommen, werden wir es in jedem Fall kaufen. Auch wenn nur ein einziger Kunde es haben wollte. Wir werden es allerdings auch nur einmal nehmen, wenn es in einem längeren Zeitraum nur auf einem einzigen Wunschzettel stand.Unser Problem ist: Selbst wenn wir die Verkaufszahlen eines aktuellen Titels genau wissen, wir können das Buch nicht palettenweise nachbestellen. Wir müssen warten, bis es uns angeboten wird. Allerdings nutzen wir unser Wissen dann bei der Preisgestaltung.

Beim Verkaufspreis?

Schon beim Einkaufspreis. Die Intelligenz unseres Algorithmus liegt darin, dass er einen Preis macht, der dem möglichen Verkäufer doch so viel bietet, dass er sich die Mühe macht, das Buch einzutüten und abzuschicken und es nicht lieber seiner Cousine weitergibt. Gleichzeitig aber errechnet der Algorithmus auch einen Verkaufspreis, der für den Buchkäufer interessant ist. Und last not least muss die Spanne dazwischen auch dem Unternehmen etwas bringen.

Nehmen wir an: Heute kommen Christine Kaufmanns Memoiren heraus. Was macht Ihr Algorithmus?

Er kennt die Vorbestellungen bei Amazon. Bis das Buch in den Buchhandlungen zu kaufen ist, ist das das Entscheidende. Ist der Band gut vorbestellt, werden wir ihn gut ankaufen. Da verrechnen wir uns manchmal. Manche Titel werden sehr gut vorbestellt, aber dann nicht mehr gut verkauft.

Ihr Algorithmus guckt keine Talkshows.

Nein, die interessieren uns nicht. Auch nicht, was der Verlag sonst für das Buch tut. Wenn die ganze Stadt mit Plakaten vollgeklebt wäre – uns beeindruckt das nicht. Bei der Preisfindung interessieren uns, sobald das Buch im Handel ist, nur die Verkaufszahlen.

Ihr Algorithmus kann den Zustand eines Buches nicht beurteilen.

Das machen die Leute in unseren Buchlagern. 750 Mitarbeiter. Wir bekommen Bücher, die sind noch in der Folie, wir bekommen Bücher, die sind wie neu, und wir bekommen Bücher, da ist ein Kaffeefleck drauf. Das muss natürlich in den Preis eingehen. Oder aber wir schicken das Buch, wie das mit dem Kaffeefleck, auch wieder zurück.

Plötzlich hat der Algorithmus ein Gesicht, ein Geschlecht.

Viele Gesichter.

Nach den Arbeitsbedingungen der Gesichter des Algorithmus werde ich Sie nicht fragen. Sie sind da die falsche Adresse. Darum wird sich unser Mitarbeiter Günter Wallraff kümmern.

Sie können mehr als zwei Dutzend Titel von ihm bei Medimops kaufen.

Für sein 2011 erschienenes Buch hat der Algorithmus, der ohne und der mit Gesicht, einen Preis von 13,09 Euro errechnet. Es heißt: „Leben ohne Mindestlohn – Arm wegen Arbeit: Niedriglöhner, Leiharbeiter und ‚Aufstocker‘ erzählen“.

Wallraff ist hiermit eingeladen!

Sie waren bei Ebay und Ricardo, bevor Sie zu Momox kamen. Mit Büchern hatten Sie nichts zu tun.

Wenn Sie mich fragen würden: Heiner, liest du? Ich würde Ihnen antworten: Mails. Auch einmal ein Buch. Aber eher im Urlaub. Sonst bin ich Internetunternehmer. Zurzeit handeln wir mit Büchern, CDs, DVDs, Spielen. Aber wir werden uns auch neue Artikel suchen, andere Bereiche, in die wir expandieren können. Wir haben gerade mit Kleidung angefangen.

Ist das nicht viel schwieriger als Bücher? Es gibt ja keine ISBN-Nummer. Der Erhaltungszustand spielt eine viel größere Rolle.

Natürlich fänden wir es toll, jedes Kleidungsstück hätte eine Barcode-Nummer, und noch toller wäre, es gäbe einen Katalog, in dem alle Kleidungsstücke der Welt erfasst wären. Das würde unsere Arbeit erheblich erleichtern. Das gibt es aber nicht. Im Buch- und Medienbereich gibt es das weitgehend. Die Kleidung ist sowohl im Ankauf viel schwieriger als auch im Verkauf. Denken Sie nur daran, wie wenig eine Kleidergröße darüber aussagt, ob die Hose, der Rock Ihnen wirklich passt. Nach wie vielen Details darf man fragen, ohne dass der Verkäufer die Lust am Verkauf verliert?

Bei der Kleidung werden Sie doch deutlich mehr zurückschicken als bei Büchern.

Das stimmt.

Lesen Sie weiter, welcher Charakter hinter dem Geschäftsmann Heiner Kroke steht.

Und Ihr Privatleben, Herr Kroke?

Ich habe eine Familie. Seit 25 Jahren … Nein, ich habe eine Partnerin seit 25 Jahren, seit 20 Jahren sind wir verheiratet, und seit 15 Jahren haben wir eine Tochter. Die ist zurzeit in Litauen.

Sie sind 45 und haben seit 25 Jahren dieselbe Frau?

Ja. Sie war meine zweite Freundin. Hammer, oder? Solche Leute gibt es noch in Deutschland!

Die eigentliche Bewährungsprobe liegt noch vor Ihnen: der zweite Frühling.

So lange habe ich nicht mehr. Aber ich habe gute Hoffnung, dass es so bleibt.

Privat halten Sie offenbar nichts von den schnellen Umschlagzeiten, auf die Sie in Ihrem Beruf so großen Wert legen.

Sieht so aus.

Was machen Sie sonnabends?

Wir liegen lange im Bett, dann wird ausgiebig gefrühstückt. Außerdem haben wir ein Hobby: eine Ente, Baujahr 1953. Bei schönem Wetter nehmen wir sie aus dem Stall und fahren damit durch die Landschaft.

Warum eine Ente?

Das war das erste Auto meiner Frau. Natürlich eine viel spätere. Meine Frau sagt: Sie mag Enten, wenn sie fliegen oder fahren. Also haben wir auch sonst jede Menge Enten im Haus. Enten auf Bildern oder Enten auf Häppchenspießchen oder Zahnstochern usw. Zu Ihrem 40. Geburtstag bekam sie die Ente von 1953.

Die Industrie, die Sie mit aufbauen, verändert unser Alltagsleben radikal.

Ja, das ist so.

Lesen Sie weiter, welche Veränderungen Unternehmer Heiner Kroke im deutschen Handel kommen sieht.

Ich zog früher sonnabends durch die Antiquariate. Das mache ich schon lange nicht mehr.

Weil Sie dort nicht finden, was Sie suchen?

Man mag in ein Geschäft gehen, weil man etwas sucht. Aber man – ich sag es mal vorsintflutlich – bummelt, weil man überrascht werden möchte. Man hofft darauf, auf etwas zu stoßen, an das man nicht gedacht hatte, das einen aber umhauen wird. Wenn den Menschen aber die Brieftaschen geleert werden, indem man ihnen die Wünsche erfüllt, die sie kennen, verändert man nicht nur die Menschen, sondern zerstört auch die Innenstädte. Die kleinen Geschäfte nämlich, in denen jemand steht, der mir sagen kann, was zum Beispiel in dem Buch steht. Sagen Sie mir, wie ein Laden laufen müsste, um eine Überlebenschance gegen den Internethandel zu haben? Was kann neben Ihnen blühen?

Wer ist Henne, wer ist Ei? Wir könnten keine Geschäfte machen, wenn wir keine Kunden hätten, Menschen also, die gerne bei uns einkaufen. Das gilt auch für jedes Ladengeschäft. Es muss Kunden haben. Es muss Kunden haben, die gerne zurückkommen. Es sind natürlich heute Kunden, die mithilfe ihres iPhones viel besser vergleichen können als sie es früher konnten. Die Konkurrenz ist härter. Wer eine Beratung braucht, ist bei uns falsch. Aber ich glaube nicht, dass – angesichts der Möglichkeiten des Internets – Beratung heute noch die Rolle spielt, die sie früher hatte.

Haben Sie einen Tipp, wie Läden sein müssten?

Nein. Wir haben es probiert. Zwei Jahre lang. Erfolglos. Der doch sehr erfolgreiche Internethandel hat uns nicht gelehrt, wie man erfolgreich Ladengeschäfte führt. Wir haben die Läden dichtgemacht. Die Kunden, so sehe ich das, möchten heute etwas haben, sehen nach, wo sie es bekommen, nehmen das für sie vorteilhafteste Angebot. Das finden sie am besten im Internet heraus – und lassen es sich schicken.

Dieser Kunde ist zusammen mit Ihnen der Mörder unserer Innenstädte. Das kann doch unmöglich der Traum des Privatmanns Heiner Kroke sein. Wo wohnen Sie?

Außerhalb von Berlin. Wenn Sie mich noch fragen: Heiner, wie kaufst du denn ein, antworte ich Ihnen: online. Bei uns kommt der Paketbote mehr als ein Mal pro Tag. Ich lege mir jetzt auch einen Paketkasten zu, sodass die Pakete auch abgegeben werden können, wenn ich nicht da bin. Sie werden mich nur sehr selten in einem Ladengeschäft sehen.

Ihre Traumvorstellung von einer Stadt ist eine Innenstadt mit Büros, und draußen leben die Menschen im Grünen?

Traumvorstellung ist mir zu wertend. Ich gehe allerdings davon aus, dass physische Läden sukzessive zwar nicht komplett verschwinden, aber doch stark zurückgehen werden. Es gibt viele Produkte, die man deutlich besser im Internet als in einem Laden kaufen kann. Nehmen Sie Schuhe. Ich habe mich irgendwann einmal auf diese Timberlands hier eingeschossen. Wie viele Schuhgeschäfte müsste ich absuchen, um sie in meiner Größe zu finden? So bestelle ich sie in zwei Minuten und habe sie drei, vier Tage später hier.

Am Alexanderplatz stehen Galeria Kaufhof, Saturn, Alexa und so weiter …

Das ist noch so. Antun würde ich mir das Gedränge allerdings freiwillig niemals. Wenn Sie sich die Zahlen für die Entwicklung des E-Commerce ansehen, dann sieht man doch, wie rasant sich die Lage ändert. Vor zehn Jahren waren es Nullkommairgendwas vom Einzelhandelsumsatz. Heute werden es wohl um die zehn Prozent sein.

Sie wissen das nicht genau?

Ich bin kein Verbandsvertreter. Mich interessiert primär, wie unser eigenes Geschäft läuft, und wie es noch besser laufen kann. Ob der E-Commerce neun, zehn oder elf Prozent vom Einzelhandelsumsatz hat – daraus ergibt sich nichts für meine Arbeit.

Wenn ich auf I

hre Seite gehe, dann können Sie meinen Weg verfolgen. Wie geht das?

Wir verwenden das Tracking System von Google Analytics. Das wird an verschiedenen Stellen der Website eingebaut, und dadurch sind anonymisierte Nutzerströme genau verfolgbar.

Auch wenn er sich bei Ihnen nicht registriert hat?

Ja. Wir nutzen das vor allem, um unsere Website zu optimieren, also dafür zu sorgen, dass Sie länger darauf bleiben und vielleicht etwas kaufen oder verkaufen.

Sie verkaufen die Kleidung ja nicht auf Medimops, sondern auf einer eigenen Website mit einem ebenso lächerlichen Namen: Ubup.

Gehen Sie auf die Seite, dann sehen Sie, dass wir Kleider viel ausführlicher zeigen müssen als Bücher.

Sie machen das also nicht – wie die Namen nahelegen –, um sich kleiner darzustellen als sie sind?

Das wäre eher ein Grund, es bei einer Seite zu belassen. Größe schafft Vertrauen.

Größe schafft Vertrauen?

Aber selbstverständlich. Ich bin doch lieber bei einer großen Bank als bei einer kleinen Privatbank.

Ein mutiges Beispiel!

Darum nahm ich es. Aber stellen Sie sich vor, Heiners Kramladen würde Ihnen anbieten, Ihre Kleider zu kaufen. Würden Sie dem Ihre Sachen schicken? Wenn zig Leute das getan haben und es nur wenige Reklamationen gab, dann denken Sie sich: Das kann ich ruhig auch riskieren.

Gibt es Tage, an denen Sie Ihren Laden dichtmachen können?

Na ja, kurz vor Weihnachten ist natürlich Schluss beim Versandhandel. Gleich danach geht es wieder los, wenn die ungeliebten Geschenke verkauft werden. Während der Weltmeisterschaft sanken während eines Deutschlandspiels die Besucherzahlen auf unseren Webseiten sehr, sehr deutlich.

Das Interview führte Arno Widmann.

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