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Organspende: Bis dass der Arzt entscheidet

Nieren, Lebern und Lungen sind die Organe, die in Deutschland am häufigsten transplantiert werden.

Nieren, Lebern und Lungen sind die Organe, die in Deutschland am häufigsten transplantiert werden.

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Getty Images

Wer sollte ein überlebenswichtiges Spenderorgan bekommen: Der Patient, der es am dringendsten braucht, oder der mit der besten Überlebenschance? Spätestens seit den Skandalen um manipulierte Patientendaten in verschiedenen Transplantationszentren ist das nicht mehr nur eine philosophische Frage. Die Mehrheit der Experten, die der Ethikrat am Donnerstag in Berlin zu einer öffentlichen Debatte zu dem Thema eingeladen hatte, ließ keinen Zweifel daran, dass das derzeitige System der Vergabe von Spenderorganen dringend überarbeitet werden müsse.

System zwingt zum Siechtum

Der Kölner Transplantationsmediziner Dirk Ludger Stippel wies darauf hin, dass die Dringlichkeit einer Organspende momentan stärker gewertet werde als die Erfolgsaussicht. Laut Transplantationsgesetz sollen aber beide Kriterien berücksichtigt werden. Die Frage der Abwägung, also welches Kriterium das entscheidende ist, überlässt der Gesetzgeber aber der Bundesärztekammer. Die setzt wiederum stärker auf eine Organzuteilung nach Dringlichkeit. Der Vizevorsitzende der Deutschen Stiftung Organtransplantation, Hans Lilie, verteidigte diese Regelung, da sie auf objektivierbare Laborwerte setze.

In der Praxis bedeutet dies nach den Worten der Medizinethikerin Gertrud Greif-Higer, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Leberspende höher liege, wenn man bereits so krank sei, dass auch das Risiko einer Transplantation hoch sei. Das System zwinge geradezu, so lange zu warten, bis der Patient schwerstkrank sei. „Manchmal habe ich den Eindruck, wir warten uns zu Tode und müssen zusehen, wie die Patienten immer mehr leiden.“ Jutta Riemer, selbst Empfängerin einer Spenderleber und Vorsitzende des Verbandes Lebertransplantierte Deutschland, schilderte den Fall eines Patienten, der durch eine Autoimmunerkrankung an schwerer Leberzirrhose leide und darauf warten müsse, dass auch noch seine beiden Nieren versagen, um einen aussichtsreichen Platz auf der Warteliste zu bekommen. „Wenn er Glück hat, wird er das alles überleben, vielleicht aber auch nur mit einem bleibenden Nierenschaden“, so Riemer.

Stippel plädierte deshalb dafür, die Erfolgsaussichten künftig stärker zu gewichten. Dazu müsse eine Grenze für Höchstrisiko-Patienten gefunden werden. Das bedeute im Ernstfall, dass man Patienten auch sagen müsse, dass sich eine Transplantation nicht mehr lohne. Die bisher übliche Priorität hat nach Darstellung Stippels mit dazu geführt, dass die durchschnittliche Überlebensrate nach einer Transplantation nicht optimal sei

Tatsächlich sind die Überlebensraten von Patienten nach einer Transplantation in Deutschland im internationalen Vergleich deutlich schlechter. Experten erklären sich das vor allem mit der schlechten Qualität von Spenderorgangen hierzulande. Da immer weniger Menschen ihre Organe spenden, greifen die Ärzte in ihrer Not auch zunehmend auf Lebern oder Nieren von älteren oder vorerkrankten Spendern zurück. Bislang gab es aber keine empirischen Daten über Überlebensraten von Patienten in den jeweiligen Transplantationszentren. Ärzte wie Stippel fordern deshalb ein Transplantationsregister. „Wir wissen in Deutschland nicht wirklich, was aus den Patienten nach einer Operation wird.“

Eine ethische Entscheidung

Die Vorsitzende des Ethikrates, Christiane Woopen, resümierte, die Vergabe von Organen sei in erster Linie eine ethische Entscheidung. Es gebe nicht das entscheidende Kriterium, anhand dessen eine gerechte Verteilung gewährleistet werden könne. „Der Gesetzgeber scheint tatsächlich nicht mehr darum zu kommen, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass er da noch einmal ran muss“, sagte Woopen. Sie habe keine Stimme gehört, die die derzeitige Situation als befriedigend beurteile. Eine Lösung für das Dilemma, welche Entscheidung gerecht sei, konnte der Ethikrat aber nicht liefern. Solange die Zahl der Spenderorgane so niedrig ist, wird es immer Kranke geben, die bei der Verteilung der lebensrettenden Organe außen vor bleiben. Jutta Riemer resümierte: „Hundertprozentige Gerechtigkeit wird es nicht geben.“