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Ostalgie als Methode Wie sich die Ostdeutschen stabilisieren und integrieren: HAMMER, ZIRKEL, KAFFEEKRANZ

Im Herbst 1989, einen Monat nur nach der üblichen Jubelfeier zum runden DDR-Geburtstag, gab es in Leipzig eine "Manifestation der Bürger" ganz anderer Art: Den geschwenkten DDR-Fahnen war das Staatswappen herausgeschnitten worden und die obligaten "flammenden Grüße" wurden mit öffentlich verbrannten DDR-Emblemen "übermittelt". Nach dem Beitritt der DDR wechselten landauf und landab die Namen der Straßen und Plätze, klickten die Meißel, die Hammer-Zirkel-Ährenkranz aus den Fassaden stemmten, und rollten die Köpfe der in Stein gehauenen sozialistischen Gründerväter von den Sockeln, es rutschten die Gedenktafeln von den Wänden. Man wollte Abschied auch von den Symbolen. Nach einigen Jahren tauchten die Fahnen wieder auf und das Loch in der Mitte war wieder zugewachsen. Auf Ostalgie-Partys machen die Besucher den in der DDR oft versprochenen "Brückenschlag in die Zukunft". 1990, im Jahr der Währungsunion, produzierten die Ostdeutschen 19,1 Millionen Tonnen Müll. Pro Kopf waren das 1,2 Tonnen, fast das Dreifache dessen, was im gleichen Jahr im Westen anfiel. Die DDR wurde in den Müll geschmissen. Viele ihrer Bewohner verabschiedeten zu großen Teilen und so weit es in ihren Möglichkeiten stand, die warenästhetische Alltagsfolie des Landes. 1997, im Jahre sieben des Beitritts, kauften die Ostdeutschen über zehn Millionen Pfund Rondo. Rondo war eine Kaffee-Marke der DDR im mittleren Preissegment. Als das Produkt wieder eingeführt wurde, ließen die Marketing-Manager keinen Zweifel über seine Identität aufkommen: Sie statteten es mit dem Design des DDR-Rondo aus und positionierten es wiederum in der mittleren Preislage. Vom Erfolg der Wiedereinführung war man bei Röstfein in Magdeburg selbst überrascht. Fürs erste Jahr wurde mit 100 bis 200 Tonnen Absatz gerechnet. Am Jahresende war der Absatz auf 5 000 Tonnen und die Belegschaft von 40 auf 96 Beschäftigte angewachsen. 1998 war Rondo drittstärkste Einzelmarke im ostdeutschen Kaffeemarkt und setzte 6 500 Tonnen ab. Zur Markteinführung des Rondo erhielt Röstfein begeisterte Zuschriften: "Ich bin in Freudentränen ausgebrochen, der gute alte Rondo", heißt es dort, oder: "Ja, genau so will es das Ossi-Herz!" Das Paradoxe dieser Situation wird deutlich, wenn man bedenkt, dass zu DDR-Zeiten etwa ein Drittel des konsumierten Kaffees aus dem Westen stammte. Und kein einheimischer Kaffee kam gegen das Image der "West-Kaffees" an, die, selbst wenn sie schlichtester Provenienz waren, oft wie eine Delikatesse konsumiert wurden.Phänomene wie der Boom einstiger DDR-Marken oder der entspannt-ironische Umgang mit DDR-Symbolik werden gemeinhin als "Ostalgie" bezeichnet. Was sind Ursachen von Ostalgie, und welche psychische Funktion erfüllt sie? Ist Ostalgie tatsächlich undankbar und politisch fahrlässig, wie häufig behauptet wird? Ist Ostalgie wirklich nur DDR-Nostalgie? Ver- oder behindert Ostalgie die Realitätsanerkenntnis und die Integration in die neue Gesellschaft?Das Phänomen Ostalgie wird plastisch, wenn zunächst seine kommerziellen Reflexe betrachtet werden. Auffällig ist hier die ständig anwachsende Menge der "bekennenden Ostmarken". Diese integrieren ihre Abstammung bewusst in ihr Marketing. Das scheint sich zu rechnen. Die alten Marken im Lebens- und Genussmittelbereich und bei den Drogerieartikeln sind im Osten oft Marktführer. Beachtliche Umsätze werden auch mit einer Reihe von Produkten gemacht, deren Gebrauchswert sich fast ausschließlich in der Befriedigung ideeller Bedürfnisse erschöpft. Es handelt sich hier um Bücher, Tonträger und Videos, Gesellschaftsspiele, Kult- und Designprodukte, die die Erfahrungen mit oder einfach nur in der DDR transportieren und thematisieren.Diese verstärkte Bezugnahme zur DDR, oder genauer: der Versuch, die Umgangserfahrungen mit Artefakten der DDR als legitimes "Gepäck" in das vereinigte Deutschland "mitzunehmen" und von der neuen Gegenwart aus zu reflektieren und zu dekonstruieren, zeigt sich auch bei der typischen Ausgestaltung bestimmter kommerzieller Events oder ostalgischer Erlebnisgastronomie. Am 7. Oktober 1999, zum "50. Jahrestag der DDR", eröffnete ein Hotel in Zittau, und zwar auf dem Gelände der ehemaligen Offiziershochschule "Ernst Thälmann", es nennt sich das "Haus des Ostens". Auch hier muss der Gast neben Geldumtausch allerlei Einreiseformalitäten, wie sie in der DDR "für Bürger mit ständigem Wohnsitz in der BRD" üblich waren, über sich ergehen lassen. Ostalgie ist eine Praxis von Laien. Als solche liegt sie außerhalb intellektueller oder wissenschaftlicher Debatten über die Vergangenheit und ist also zwischen ambitionierter und reflektierter Vergangenheitsaufarbeitung und reiner Nostalgie zu verorten.Ostalgie nutzt das Propaganda-Panoptikum der DDR, das musealisierte Arsenal ihrer Slogans, Symbole und Rituale. Die darauf fußenden Sprüche und Witze des Volkes werden in der neuen Gesellschaft noch einmal ironisch, lakonisch oder sarkastisch recycelt. So werden sie tauglich für die Bewältigung jener widersprüchlichen Situation, in der der größte Teil der Ostdeutschen seit Jahren steckt. Diese müssen nicht nur einen wenn auch als notwendig, erlösend und gewünscht betrachteten Abschied von der Vergangenheit bewältigen, sondern auch die Ahnung, dass die Rechnung oder die Hoffnung von 1989, den Vorteilen des Sozialismus auch noch die Annehmlichkeiten des prosperierenden Kapitalismus hinzuzufügen, leider nicht aufgegangen ist. Denn Ostalgie steht natürlich mit den Brüchen, die die Ostdeutschen seit dem Beitritt kollektiv erfuhren, in engem Zusammenhang. Der Bruch in der Arbeitswelt betraf nicht nur die Arbeitslosen, sondern auch jene, die sich noch in Beschäftigung befanden. Die DDR-Betriebe waren nicht nur Ort der Erwerbsarbeit, vielmehr trugen die Kommunikations- und Prozessstrukturen in der Arbeitswelt lebensweltliche Züge, sie waren "Sozialisationskerne". Nun wurden diese Räume radikal und rapide auf marktwirtschaftliche Rationalitätsprinzipien und neue Hierarchie-Verhältnisse umgestellt. Auch in der Lebenswelt, die in der DDR deutlich nivellierter und egalitärer verfasst war, setzten sich häufig andere Prioritäten, neue Selektionskriterien und Umgangsformen in den sozialen Netzwerken durch. Im professionellen wie auch im alltagskulturellen Bereich kam es unvermeidlich zu frustrierenden Dequalifikationserlebnissen.Zu diesen allgemeinen Transformationsbelastungen kamen noch besondere, die die Ostdeutschen zu "Deutschen zweiter Klasse" machen. Die Reinthronisierung des ökonomischen Kapitals als die zentrale Ressource drängte ostdeutsche Akteure in Ostdeutschland an den Rand. Nun sind 85 Prozent des ostdeutschen Industrievermögens in westdeutscher Hand, ostdeutsche Kapitaleigner verfügen über fünf Prozent, der Rest ist in ausländischem Besitz. Nur sechs Prozent der deutschen Immobilienbesitzer sind Ostdeutsche. Für die meisten wäre so etwas auch viel zu teuer: Der durchschnittliche Osthaushalt kann sich nur auf ein Drittel der Finanzreserven der Westhaushalte stützen. Die Bruttojahresverdienste der Ostdeutschen betragen nur 71 Prozent der Westdeutschen. Diese Deklassierung zeigt sich auch in anderen Bereichen: Ostdeutsche Inhaber von so genannten Elite-Positionen sind in Verwaltung, Justiz, Wirtschaft, Militär, Wissenschaft und Medien extrem unterrepräsentiert. Da nimmt es auch nicht weiter Wunder, dass es einen manifesten Stigmatisierungsdiskurs gegenüber der anders gearteten Ostkultur und -erfahrung und natürlich deren Trägern, den Ostdeutschen, gibt. So verlor das Ostvolk nicht nur seine Illusionen. Es verlor auch sein Prestige als Volk, das mit dem gewohnten Effekt von sich sagen konnte, dass es das Volk sei. Aus der passiven Stärke der Arbeiterklasse der DDR wurde so der Passivposten der Arbeitslosen, aus dem Volk der Helden von 1989 das der psychisch Deformierten, aus den Streitern für Demokratie wurden die Krakeeler mit einer sachunkundigen Anspruchshaltung an Demokratie und Sozialstaat, und aus dem Volk der Revolutionäre wurde ein Haufen undankbarer Nostalgiker. Auf diese Erfahrungen reagieren die Ostdeutschen nun "ostalgisch".Dabei gibt es derzeit eine paradoxe Situation: Einerseits ist Ostalgie eine Markt bestätigte Realität geworden. Die Ostalgie-Branche liefert einem authentischen, relativ selbst organisierten und laienhaften Diskurs um das Leben in der DDR das Rohmaterial. Andererseits wird Ostalgie vom Offizialdiskurs und der Meinungsführerschaft in Deutschland als Selbsttäuschung, als Undankbarkeit, sogar als politisch fahrlässig angesehen. Dahinter steckt nicht nur das von den Eliten verordnete Berührungstabu in Bezug auf die DDR, sondern auch der Wunschtraum eines von Fremdem und Befremdungen befreiten, quasi gereinigten Übertritts der Ostdeutschen in das gemeinsame deutsche Haus. Aus der DDR sei nichts zu übernehmen. Für "schändlich und herbeidefiniert" hält der ehemalige Bürgerrechtler Erhart Neubert die Rede über eine besondere Ost-Identität. Der sächsische CDU-Generalsekretär stellte fest: "Wir Sachsen sind keine Ostdeutschen", und der aus Rheinland-Pfalz stammende Ministerpräsident von Thüringen sagte: "Ost-Identität wollen wir hier gar nicht pflegen. Wir wollen Thüringen-Mentalität."Politisch ist der Wunsch nach einem gereinigten Übertritt der Ostdeutschen, die aus der DDR nichts "mitbringen", durchaus nachvollziehbar psychologisch gesehen ist er realitätsfern. Denn die subjektive Konstruktion einer Biografie, eines Kontinuums von erfolgreicher Lebens-Bewältigung infolge eigener Fähigkeiten, der reflektierte Bezug zur persönlichen Vergangenheit zählt zu den zentralen Bewältigungsressourcen eines Individuums. Die Form, in der sich menschliche Identität organisiert, in der sie transportiert und ver-handelt wird, sind Selbst-Erzählungen persönliche Identität ist eine Geschichte. Angefangen von kurzen Selbstthematisierungen, über die Form des "Lebenslaufs" bis hin zu ausführlichen Selbstbeschreibungen, sind diese Selbstnarrationen sowohl individuell als auch standardisiert, also von den Mustern einer Kultur geprägt. Das zeigt sich, wenn man die Konstruktionsregeln unserer Selbstnarrationen, die Vorstellungen von Plausibilität wie auch die gültige Hierarchie der Werte analysiert. Für die Ostdeutschen besteht das Problem des Nachwendediskurses über die "verbrecherische und marode DDR" sowie die "deformierten und in Schuld verstrickten Ostdeutschen" darin, dass die neue dominierende Metaerzählung kaum positive Anknüpfungspunkte und Anerkennungsmuster für das "Vorleben" der neuen Bundesbürger bietet.Unter den Bedingungen dieser veränderten Vergangenheits- und Gegenwartsdefinition ergibt sich für die Subjekte Kompensations- und auch Kommunikationsbedarf. In der Lücke zwischen dem hegemonialen Diskurs zur DDR und den Ostdeutschen einerseits und den Erfahrungen und Erinnerungen der Ostdeutschen andererseits siedelt Ostalgie. Auf dieser diskursiven Brache verhandeln die ostdeutschen Durchschnittsbürger in indirekter, eher sprachloser und symbolischer Weise die Momente ihrer DDR-Identität. Ostalgie ist also Selbstermächtigung, ein eigenständiger, auch eigensinniger Versuch der Aneignung der Vergangenheit in der DDR im Lichte neuer Erfahrungen. Man sollte deshalb Ostalgie nicht einfach als Verklärung, Verdrängung oder Vergessen also als reflektorische Minderleistung interpretieren. Ostalgie hat viele Facetten. Sie ist einerseits eine Reaktion auf die reale und symbolische Schlechterstellung der Ostdeutschen, aber sie ist auch ein Phänomen der Ankunft, des Einrichtens in der neuen Gesellschaft und des Bemühens um einen respektablen Gruppen-Status in ihr. Das Ironische an Ostalgie schließlich verweist auf die ernüchternde und erfahrungsgesättigte Einsicht in die Aporien sozialistischer und kapitalistischer Modernisierung. Es knüpft an die Ironie und Selbstironie an, die die DDR-Bevölkerung vier Jahrzehnte lang in der riesigen Lücke zwischen der offiziellen Selbstbeschreibung der DDR und ihrer Lebenswirklichkeit einübte. Es ist die Ironie einer Bevölkerung, der nun schon seit fünzig Jahren, über den Systemwechsel hinweg, etwa das Gleiche verkündet wird, nämlich dass sie in der fortschrittlichsten und besten aller Gesellschaften lebt."Es ist die Ironie einer Bevölkerung, der nun schon seit fünfzig Jahren, über den Systemwechsel hinweg, etwa das Gleiche verkündet wird, nämlich dass sie in der fortschrittlichsten und besten aller Gesellschaften lebt. "