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Otto Waalkes und Pit Knorr im Gespräch über improvisierte Musik und Bild-Text-Kombinatorik: "Probleme hatten wir nur mit unseren Frauen"

Neben Erika Fuchs, Heinz Erhardt und Rainald Goetz ist er zweifellos der bedeutendste Stilist der deutschen Nachkriegsliteratur: Otto Waalkes, am 22. Juli vor 60 Jahren in Emden geboren, erfreut uns nicht nur seit 35 Jahren mit geschliffenen Gedichten; in seinen lyrischen Helden Harry Hirsch, Susi Sorglos und Oberförster Pudlich erkennt sich eine ganze Nation, und zwar zu Recht. Neben Schallplatten, Bühnenshows und Filmen hat er drei Bände mit innovativen Bild-Text-Kombinationen vorgelegt: "Das Buch Otto", "Das zweite Buch Otto" sowie "Otto, das Buch des Friesen"; eine Auswahl daraus ist jetzt unter dem Titel "Otto - Das Werk"im Carlsen Verlag erschienen (319 S., 29,90 Euro). Herausgegeben wurde der Band von Peter "Pit" Knorr, der - neben Bernd Eilert und dem 2006 verstorbenen Robert Gernhardt - seit 1973 als Texter mit Waalkes zusammenarbeitet. Knorr ist selber ein legendärer Typ: Redakteur bei "Pardon", Gründungsherausgeber der "Titanic" - und mit Hans Traxler der Erfinder der meistzitierten Karikatur der letzten Jahrzehnte: der "Birne" als Alter Ego von Helmut Kohl. Anlässlich des neuen Buchs trafen wir Waalkes und Knorr zum Gespräch.Ich hab neulich bei mir in ein paar alten Schallplatten gekramt, und da war auch eine Single dabei .Waalkes: Singles hab ich nie gemacht!. ne, die ist auch nicht von Ihnen. Das Lied geht so: "Hamburg '75, Jungs, war das gemütlich ."Waalkes (beginnt sofort zu singen): ". da schien noch ein richtiger Mond in der Nacht / die Musik haben wir mit der Hand gemacht", oh ja, das ist von Peter Petrel; haben wir im Onkel Pö gespielt, dem Hamburger Jazzclub. Das war meine Zeit. Schön!Die Erstausgabe des Otto-Buchs ist Lonzo Westphal gewidmet.Waalkes: Lonzo, der Teufelsgeiger. (Singt:) "Die Dinosaurier / werden immer trauriger", der war auch dabei, hat später viele meiner Filme und Zeichentrickdinger vertont. Ist leider vor ein paar Jahren verstorben.Wie kamen Sie ins Onkel Pö?Waalkes: Ich hab in Hamburg studiert und musste nebenher was verdienen. Erst bin ich im Folkclub Dennis Pan aufgetreten, da gab's für fünfzehn Minuten Singen fünf Mark. Eines Tages hieß es, in Eppendorf gibt's einen neuen Club, der ist größer und zahlt nen Zwanziger. Also dachte ich mir "etwas Besseres als den Tod findest Du überall" und bin dahin. Im Pö hab ich Musik gemacht, aber auch Kassierer gespielt. Jeden Abend wurde gejammt: Ich an der Gitarre, Klaus Doldinger war da, Lindenberg hat Schlagzeug gespielt .Mit Lindenberg und Westernhagen hatten Sie damals eine WG.Waalkes: Ja, hat aber nicht lange gehalten. Keiner wollte abwaschen, und Lindenberg hatte so ein blödes Wasserbett, in dem er dann mit der Zigarette in der Hand eingeschlafen ist, und alles ist ausgelaufen . das war ein Schweinkram, kann ich Ihnen sagen.Wie sind Sie Komiker geworden?Waalkes: War ich schon in der Kindheit, meinen ersten Auftritt hatte ich mit elf als singender Puppendoktor. Und die Atmosphäre zuhause hat geholfen: Mein Vater war weltlich, meine Mutter sehr kirchlich, da gab's immer wieder schöne Konflikte, die man verarbeiten und 'n bisschen manipulieren konnte.Wie haben Sie beide sich kennengelernt?Knorr: Durch die "Pardon", da hab ich geschrieben .Waalkes: . und ich hab die Texte von Knorr und Gernhardt und denen gelesen und fand die so wahnsinnig, dass ich die gleich auf der Bühne gebracht hab.Knorr: Worauf es dann Leute gab, die ihn bei uns verpetzten, die sagten: Der klaut. Und wir sagten: Der darf das, das ist doch toll .Waalkes: Darauf hab ich dann mal mit Robert telefoniert, und wir haben uns getroffen, Robert, Pit, ich und Rolf Spinnrads.Knorr: Der war Redakteur beim WDR-Fernsehen und hat die ersten Otto-Shows angeschoben.Waalkes: Rolf Spinnrads, ja, Gott hab ihn selig. Ist auch nur 38 geworden. Haben nicht viele überlebt von damals.Knorr: Nein.Waalkes: Die erste Show war improvisiert, mit vielen Gästen, kam aber erstaunlicherweise an.Knorr: Vor der zweiten haben wir uns zusammengesetzt, Gernhardt, Eilert, Otto und ich, und haben ein Konzept gemacht und die Texte geschrieben, richtig durchstrukturiert, ohne Fremdtexte. So entstanden dann alle Shows.Und die Schallplatten.Knorr: Für die wir aber partout keinen Vertrieb finden konnten.Waalkes: Ja, man sagte: Das ist nicht marktgerecht.Knorr: Komik geht nicht in Deutschland, so hieß es.Waalkes: Genau. Da haben wir eben unsere eigene Plattenfirma gegründet - "Rüssl Räckords" -, und ich hab das Cover an meiner Kunsthochschule gesiebdruckt.Knorr: Dann haben wir 500 000 Stück verkauft. Und bei dem Buch war das genauso.Waalkes: Ja, das wollte erst auch kein Verlag haben, und dann haben wir Millionen verkauft.Knorr: Dieses Buch war wirklich etwas Neues, ganz anders als die anderen Komiker-Bücher, die es gab. Die druckten entweder einfach ihre Witze ab, oder wenn sie mal grafisch anspruchsvoller arbeiteten, wie bei Monty Python, wurde das gleich selbstverliebt. Gernhardt, Eilert und ich - wir hatten ja auch Zeitschriftenerfahrung von "Pardon" und der damals gerade gegründeten "Titanic" - sind da aber ganz analytisch rangegangen. Wir haben genau überlegt, wie man die Bühnennummern in Bild-Text-Formen übersetzt. Es gab Fotomontagen, Fotoromane mit Sprechblasen wie im Comic .Haben Sie Comics gelesen?Waalkes: Na (deutet auf Knorr), der Herr Hochliterat hier natürlich nicht, aber ich hab alles gelesen, was ich in die Finger kriegte: "Sigurd", "Akim", "Nick", "Der heitere Fridolin", "Micky Maus", später die Underground-Comics. Robert Crumb! Das war eine ganz große Orientierung für mich.Kennen Sie das Buch "Kotflügel Kotflügel - Sprechmaschine nackt im Damenjournal"?Waalkes: Scheißschwinge, Kotflügel . ne, das kenn ich nicht .Das ist von Bazon Brock.Waalkes: Bazon Brock, mein Professor! Ja, bei dem hab ich Malerei studiert, an der Kunsthochschule am Lerchenfeld. Bin oft in seinen Vorlesungen gewesen, hab aber nie ein Wort verstanden.Knorr: Das war ein Glück.Gab es am Anfang eigentlich große Unterschiede zwischen Ihnen zu überwinden? Hier die Ostfriesen, stolze Seefahrernation, dort die Hessen, das Volk von Äppelwoi und Joschka Fischer. und dann noch: 68er und Nicht-68er.Waalkes: Ich hab halt immer ein bisschen langsamer geredet, wenn wir zusammenkamen. Nein, im Ernst: Ich bin ja auch vorher mal vor studentischen Minderheiten aufgetreten, bei den Hamburger Latein-Tagen zum Beispiel.Knorr: Probleme hatten wir nur mit unseren Frauen, wenn die Witze unter die Gürtellinie gingen.Waalkes: Ja, wie in "Gute Nacht, Señorita": "Mach doch mal Kaffee, oder kannst du das auch nicht."Knorr: Da kamen die dann ganz emanzenmäßig drauf.Waalkes: Wir konnten aber immer alles erklären.Wegen eines Papstwitzes mussten Sie sich sogar einmal bei Helmut Schmidt entschuldigen.Waalkes: Helmut Schmidt?Der Bundeskanzler damals.Waalkes: Ach so, stimmt: "Der Papst hat sich umgebracht, er wollte sich beruflich verbessern." Da hat der Kanzler kostenlose Werbung für uns gemacht. Ach, damals gab es noch richtige Tabus, das können sich die jungen Leute heute gar nicht mehr vorstellen.Das Gespräch führte Jens Balzer.------------------------------"Ach, damals gab es richtige Tabus. Das können sich die jungen Leute heute gar nicht mehr vorstellen." Otto Waalkes------------------------------Foto: "Das war ein Schweinkram, kann ich Ihnen sagen": Peter Knorr (l.) und Otto Waalkes beim Gespräch in Berlin.