17.01.2012

«Döner-Morde» ist «Unwort des Jahres»

Polizeibeamte untersuchen nach einem Mord in Dortmund einen Kiosk auf Spuren. Foto: Nils Foltynowicz/Archiv
Polizeibeamte untersuchen nach einem Mord in Dortmund einen Kiosk auf Spuren. Foto: Nils Foltynowicz/Archiv

Darmstadt. Die Bezeichnung «Döner-Morde» für eine rechts-terroristische Mordserie an acht türkisch-stämmigen Menschen und einem Griechen ist das «Unwort des Jahres» 2011. Das gab die Sprecherin der «Unwort»-Jury, Sprachwissenschaftlerin Nina Janich, in Darmstadt bekannt.

«Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechts-terroristischen Mordserie werden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt», begründete Janich das Urteil. Die Jury kritisierte außerdem die Formulierungen «Gutmensch» und «marktkonforme Demokratie». Zum «Wort des Jahres» war zuvor von einer anderen Jury, angesiedelt bei der Gesellschaft für deutsche Sprache, der Ausdruck «Stresstest» gewählt worden.

Durch die Beschreibung der Verbrechen als «Döner-Morde» seien die Opfer «aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert» und in höchstem Maße reduziert worden», sagte Janich. Polizei und Medien hätten den unpassenden Begriff geprägt - noch bevor herkam, dass die Morde von einer rechtsextremistischen Terrorgruppe begangen worden waren.

Mit «Döner-Morde» wählte die unabhängige sechsköpfige Jury den mit 269 Nennungen klaren Favoriten unter den 923 vorgeschlagenen Wörtern. Dieses Mal gab es 2420 Einsendungen, so viele wie noch nie seit der Wahl des ersten Unwortes 1991.

Das Zentrum für Türkeistudien in Essen begrüßte die Entscheidung. «Denn nicht "Döner", sondern Menschen sind getötet worden», sagte der wissenschaftliche Direktor Haci-Halil Uslucan in einer Mitteilung. «"Döner-Morde" ist ein unpassender Begriff mit geringschätzigem Unterton», sagte der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, Ludwig Eichinger. Der Begriff enthalte etwas Rassistisches, bestätigte der Literaturwissenschaftler und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, Heinrich Detering.

Die «Unwort»-Jury kritisiert in diesem Jahr außerdem die Formulierung «Gutmensch». Mit dem Ausdruck «wird insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des "guten Menschen" in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren». Über die Reihenfolge zwischen «Döner-Morde» und «Gutmensch» sei lange diskutiert worden, sagte Janich. «"Döner-Morde" ist aber aktueller, präsenter.»

Aufgespießt wurde auch der Begriff «marktkonforme Demokratie», den Bundeskanzlerin Angela Merkel benutzt habe. Es handele sich um eine «höchst unzulässige Relativierung» und stehe für «eine bedenkliche Entwicklung der politischen Kultur».

In Anlehnung an das «Unwort des Jahres» wählt die Börse Düsseldorf am Dienstag auch ein «Börsen-Unwort»: «Euro-Gipfel» war es 2011. Die Begründung: Diese Treffen sollten wirklich Gipfel «mit Maximum-Ergebnissen» werden.

Die «Unwort»-Jury besteht aus vier Sprachwissenschaftlern sowie dem Journalisten Stephan Hebel von der «Frankfurter Rundschau». Das jährlich wechselnde Mitglied war in diesem Jahr der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler. (dpa)

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