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„Joy“ im Kino: In Jennifer Lawrence' Kindheit drehte sich alles ums Holzhacken

Jennifer Lawrence ist kein Püppchen, sondern ein Hollywoodstar mit Ecken und Kanten.

Jennifer Lawrence ist kein Püppchen, sondern ein Hollywoodstar mit Ecken und Kanten.

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REUTERS/Luke MacGregor

Mit streng zurückgekämmten Haaren betritt Jennifer Lawrence die Interview-Suite im Londoner Nobelhotel Claridge’s. Sie sieht müde aus, was kein Wunder ist, schließlich hat die 25-Jährige 2015 viel gedreht, die „Tribute-von-Panem“-Saga erfolgreich zu Ende gebracht und rührt nun die Werbetrommel für ihren neuen Film „Joy“, der gerade in den deutschen Kinos angelaufen ist und der die Erfolgsgeschichte von Joy Mangano erzählt, die zu einer der erfolgreichsten Unternehmerinnen der USA wurde.

Miss Lawrence, Regisseur David O. Russell hat Sie mit „Silver Linings“ zum Oscar geführt, nun haben Sie für „Joy“ schon zum dritten Mal mit ihm gedreht. Was bedeutet Ihnen die Arbeit mit ihm?

Für mich ist das jedes Mal die Gelegenheit, aus nächster Nähe Kino-Brillanz zu erleben. Ich war schon ein großer Fan von Davids Filmen, lange bevor ich selbst mit ihm gedreht habe. Eigentlich ist er für mich eine lebende Legende – und mit denen kann man ja nicht jeden Tag zusammenarbeiten.

Gehören dazu auch Meinungsverschiedenheiten? Beim Dreh zu „Joy“ sollen zwischen Ihnen gehörig die Fetzen geflogen sein.

Wie zu jeder engen Freundschaft gehört es auch zu unserer, dass man mal streitet. Ich kann Dinge zu ihm sagen, die ich nicht meine. Er weiß ja, wie sehr ich ihn liebe. Als er mich mal wieder dazu bringen wollte, vor der Kamera zu singen, habe ich ihm mit Sicherheit an den Kopf geworfen, dass er ein Arschloch sei.

Das Singen haben Sie doch schon in „Die Tribute von Panem“ gehasst. Trotzdem mussten Sie in „Joy“ diesbezüglich wieder ran.

Singen gehört einfach zu den ganz großen Ängsten in meinem Leben. Wenn ich singen muss, fühle ich mich unglaublich verletzlich und schäme mich geradezu. Zum Glück haben wir bei „Joy“ eine verträgliche Lösung gefunden, bei der meine Neurosen nicht die Oberhand gewonnen haben. Während des Drehs dieser schönen Szene, zu der nun einmal Gesang gehörte, musste ich nur die Lippen bewegen. Der echte Gesang entstand nachträglich im Aufnahmestudio, wo mich zum Glück außer dem Techniker niemand hören konnte.

Die Rolle der Joy hat Ihr Freund Russell Ihnen auf den Leib geschrieben. Konnten Sie Einfluss auf die Gestaltung der Figur nehmen?

Ich sitze nicht neben ihm und diktiere meine Wünsche. Aber wir verbringen viel Zeit zusammen und reden. Es liegt dann an ihm, was er davon ins Drehbuch einfließen lässt und was nicht. Manchmal behauptet er ja, ich würde ihn inspirieren. Doch ich glaube, das sagt mehr über ihn aus als über mich. Davids Vorstellungskraft läuft einfach permanent auf Hochtouren.

Also sehen wir auf der Leinwand keine Szene, für die Sie direkt Pate standen?

Doch, eine gibt es. Und zwar die, in der ich als Joy Umzugskisten auspacke. David hat mir ja in den letzten fünf Jahren mehr oder weniger beim Erwachsenwerden zugeschaut. Dazu gehörte auch, dass er miterlebte, wie ich aus der kleinen Eigentumswohnung meiner Eltern auszog und mir mein erstes eigenes Apartment suchte. In diesem Zusammenhang war er dabei, als ich Kisten auspackte und plötzlich Erinnerungsstücke aus meiner Kindheit wiederfand.

Sie …

Halt, ich wollte kurz noch etwas klarstellen. Nicht, dass wieder Falschmeldungen die Runde machen. Ich bin nicht erst mit Mitte 20 bei meinen Eltern ausgezogen. Die Wohnung, aus der ich damals auszog, gehörte ihnen nur, wir wohnten da nicht zusammen. Das wäre ja doch eher peinlich.

Okay, ist notiert. Aber zurück zur Frage: Sie spielen immer wieder starke Frauen. Steckt eine Methode dahinter?

Nein, das glaube ich nicht. Ich gucke nicht gezielt, ob die Rollen, die ich spiele, starke Frauen sind. Mir ist nur wichtig, dass mich ein Projekt interessiert, und das kann ohne Frage auch bei einer schwachen Person der Fall sein.

Trotzdem lassen Sie sich auch in der Öffentlichkeit nicht die Butter vom Brot nehmen – und sind damit für Millionen von Mädchen auf der ganzen Welt ein Vorbild.

Daran dürfte meine Kindheit schuld sein. Meine Mutter war immer schon eine unglaublich starke Frau, also kenne ich gar nichts anderes. Davon abgesehen war ich das erste Mädchen, das seit 50 Jahren in unsere Familie geboren wurde. Die Lawrences sind alles Jungs, bis heute übrigens. So etwas geht nicht spurlos an einem vorüber. Ich glaube, die Art und Weise, wie ich aufgewachsen bin, unterscheidet sich gehörig von der vieler meiner Kolleginnen. Bei mir drehte sich alles darum, im Wald Löcher zu graben und Holz zu hacken.

Eine letzte Frage zu Ihrem bekanntermaßen großen Hobby, dem Reality-Fernsehen: Was reizt Sie so sehr an den Kardashians und Co.?

Moment, nicht die Kardashians. Was ich am liebsten gucke, sind die „Real Housewives of Beverly Hills“. Von denen bin ich besessen. Yolanda ist an Lyme-Borreliose erkrankt, ganz tragisch … Ach, was soll ich sagen? Nichts lenkt mich besser ab. Bei Filmen oder Serien weiß ich, wie es hinter den Kulissen zugeht, da ist die Magie für mich ein wenig abhandengekommen. Dagegen habe ich null Ahnung, wie solche Doku-Soaps eigentlich entstehen, was daran echt ist und was nicht. Herrlich!

Das Interview führte Patrick Heidmann.