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2500 Jahre alte Statue im Meer : Der göttliche Fang von Gaza

Der Fischer Juda Abu Ghurab will die Statue im Meer gefunden haben.

Der Fischer Juda Abu Ghurab will die Statue im Meer gefunden haben.

Foto:

afp/said khatib

Gaza -

Vielleicht steht der Gott irgendwo in Gaza in einer Besenecke. Genauso gut kann es sein, dass er gut vermummt in einer Kiste liegt, so lang und breit wie ein Sarg. Sein genaues Versteck kennen nur die Eingeweihten, hochrangige Mitglieder aus den Kassem-Brigaden, dem bewaffneten Flügel der Hamas. Sie sind Experten der Heimlichkeit. Von antiken Kunstschätzen allerdings haben sie vermutlich keine Ahnung.

Auch das könnte dem Apollo schlecht bekommen, der angeblich vor gut einem halben Jahr vor der Küste des Gazastreifens einem Fischer ins Netz ging. „Ein Sensationsfund“, mutmaßen namhafte Archäologen anhand von Fotos, auf denen der griechische Gott der Musen in Jünglingsgestalt mit lockigem Haarkranz abgebildet ist. Sein Alter wird auf 2500 Jahre geschätzt, sein Wert laut einschlägigen Kunsthändlern auf 20 bis 100 Millionen Dollar. Kleine Apollo-Statuen aus Bronze gibt es viele, in Lebensgröße dagegen sind sie sehr selten. Leibhaftig gesehen haben nur die Wenigsten die mit grüner Patina überzogene Skulptur. Denn so unvermutet, wie sie auftauchte, ist sie von der Bildfläche verschwunden – geraubt, gekidnappt oder auch nur „in Gewahrsam“, wie Vertreter der Hamas-Regierung glauben machen möchten.

Nur ein Zubrot

Die Geschichte beginnt am 16. August 2013. Es ist ein heißer Freitagvormittag, und Juda Abu Ghurab schwimmt mit einem Netz hundert Meter ins Meer hinaus, um Seebrassen zu fangen. Seitdem er seine Arbeit als Bauarbeiter verloren hat, versucht der 26-jährige Palästinenser öfters, auf diese Weise ein Zubrot zu verdienen. Seine bevorzugte Stelle ist ein Küstenabschnitt direkt vor Dir al-Balah, in der Mitte des Gazastreifens, wo Ghurab mit seiner Frau und zwei kleinen Söhnen in einer ärmlichen Behausung lebt. Das Meer ist hier flach und aus dem sandigen Grund ragen kantige Felsen. „In den Spalten tummeln sich oft kleine Fische“, weiß Ghurab aus Erfahrung. Als er zum letzten Mal in das vier Meter tiefe türkisklare Wasser taucht, um das Netz einzuziehen, trifft es ihn wie ein Schock. Plötzlich sieht er eine Hand, dann einen Oberkörper, der untere Teil steckt im Sand. „Auf den ersten Blick dachte ich, es ist eine Leiche.“ Aber als er sie berührt, fasst er an Metall.

Seine Cousins fischen in einiger Entfernung. Aufgeregt ruft Ghurab sie herbei. Es dauert seine Zeit, bis sie die fast 450 Kilo schwere Statue mit Seilen hochgehievt haben. Doch die Männer scheuen keine Anstrengung. „Das Ding hat im Wasser so geschimmert, ich hielt es für Gold“, berichtet Ghurab und streicht sich über seinen kurz gestutzten Vollbart. Sie vertäuen die Skulptur und ziehen sie in Booten an den Strand.

Dutzende Male hat Ghurab seit jenem denkwürdigen Tag das Abenteuer vom „Fang seines Lebens“ geschildert. Jedes Details ist ihm gegenwärtig. Etwa der Schreckensschrei seiner Mutter, als sie mit der Statue auf dem Eselskarren zu Hause ankamen. „Haram“, rief sie beim Anblick des nackten Mannsbilds aus. Der Vater riet, ihm zumindest eine Unterhose überzuziehen. Körperliche Zurschaustellung gilt im Islam als Sünde. Ghurabs Bruder holte einen Hammer herbei, um von der Hand der Skulptur, der ohnehin zwei Glieder fehlten, den Daumen und den kleinen Finger abzuschlagen. Ein Edelmetallhändler sollte prüfen, ob sich ein Einschmelzen lohnen würde. Dass die Männer eine archäologische Entdeckung von unermesslichem Wert an Land gezogen hatten, ahnte keiner von ihnen.

Doch sicherheitshalber verständigte die Familie einen Verwandten, der zum bewaffneten Arm der Hamas gerechnet wird. Noch in der Nacht schafften seine Leute den Apollo nach Beit Lahia, in den Norden des Gazastreifens. Elektrisiert reagierten auch die Behörden von Hamas-Premier Ismael Hanija. Der heidnische Gott aus dem griechischen Olymp, so hoffte man dort, könnte als magischer Türöffner zum Westen dienen. Denn international unterliegt die Hamas als Terrororganisation einem Kontaktverbot, verhängt von Israel, den USA und der EU nach dem Putsch der Islamisten vor sieben Jahren in Gaza. Der Louvre in Paris soll auch zunächst Interesse bekundet haben, den Bronzegott zu konservieren und als Leihgabe auszustellen. Aber das Museum hat dann doch abgewinkt. Der Fall ist zu brisant, als dass die französische Regierung eine Genehmigung erteilt hätte.

In den Händen der Hamas

Mittlerweile verweigert auch das Hamas-Ministerium für Tourismus und Antiquitäten jeden Interviewwunsch. Zu gegebener Zeit, heißt es dort lapidar, werde man die Statue nach erfolgter Restauration den Medien präsentieren. Palästinenser, die sich in Archäologie auskennen, halten das für keine gute Nachricht. Bedeutende Antikenstätten gibt es zwar in Gaza. Doch unter der Hamas sind sie verkommen. Der Ausgrabungsort Anthedon, die erste Hafenstadt von Gaza, in der Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen und Römer Halt machten, dient den Issedin-Brigaden als Schießplatz. Zutritt verboten. Das mit Sand zugeschüttete Gelände wird streng bewacht.

Kein Geheimnis ist, dass auch sie überall im Gazastreifen graben – allerdings eher, um unterirdische Schächte und Bunker für die nächste militärische Eskalation mit Israel auszuheben. Gut möglich, dass die Brigaden dabei auf den Apollo stießen. Experten jedenfalls hegen Zweifel, dass die Bronzestatue wirklich für lange Zeit im Mittelmeer versunken war. Sonst, meint Fadel al-Utehl, müssten typische Spuren wie Krustenbildung oder vom Salzwasser angefressenes Metall zu erkennen sein. Al-Utehl verwaltet die Sammelstelle für archäologische Funde in Gaza-City, die zur Ecole Biblique, einem französischen Archäologieinstitut in Jerusalem, gehört. Das Lager ist eine vergessene Schatzkammer. An den Wänden stapeln sich Kartons voller Tonscherben und Mosaikteile bis unter die Decke. Jede Menge bauchiger Wasserkrüge und uralter Ölkaraffen in Drahtkorsetten füllen den schummrigen Raum. Al-Utehl setzt sie in mühseliger Arbeit zusammen, soweit er das alleine schafft.

Er ist kein studierter Archäologe, hat aber in zwanzig Jahren und ebenso vielen Ausbildungsgängen ein enormes Wissen erworben. Schon deshalb lässt er sich in Sachen Apollo nicht für dumm verkaufen. Er glaube zwar, dass die Statue in Gaza gefunden wurde. „Aber die Geschichte drumherum ist fabriziert.“ Kann man ein solches Urteil auf Basis eines Fotos fällen? „Ach was“, platzt es aus al-Othel heraus, diesem eher scheuen Mann. „Ich habe die Statue mit eigenen Augen gesehen.“ Im Oktober sei das gewesen, als Hamas-Leute sie verkaufen wollten.

Das scheint ihnen freilich nicht geglückt zu sein. Seit dem Militärputsch in Kairo ist der Gazastreifen auch von ägyptischer Seite verriegelt. Überdies dürfte es selbst auf dem Schwarzmarkt schwer sein, ein solch einzigartiges Kulturgut zu verkaufen. Und wie schließlich wollte ihr jetziger Besitzer, eine Hamas-Größe, die Insider sogar beim Namen nennen, sicherstellen, dass sich am Ende nicht die Ägypter des Apollos bemächtigen? Alles spricht dafür, dass der Gott noch in Gaza ist, als Faustpfand in Händen der Hamas. Ghurab, der die Skulptur aus dem Wasser fischte, wird auf die erhoffte Belohnung noch warten müssen. So wie das kunstinteressierte Publikum auf einen lebensgroßen Apollo.