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Berliner Zeitung | Abzocke: Die Gewinnspielfalle
19. November 2011
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Abzocke: Die Gewinnspielfalle

In Istanbul gilt kein EU-Recht. Die Betrüger machen sich das zunutze.

In Istanbul gilt kein EU-Recht. Die Betrüger machen sich das zunutze.

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dpa

Meine Mutter rief aus Berlin an. „Junge“, sagte sie, „ich habe gewonnen.“ Mal wieder!, dachte ich. Meine Mutter gewinnt sehr viel: wertlose Kunstleder-Börsen, Billiguhren oder Rheumadecken, die sich in ihrer Abstellkammer stapeln. Aber mit ihren 85 Jahren ist sie jedes Mal wieder aufgeregt wie ein Teenager. „Stell dir vor, ich habe ein Auto gewonnen! Einen Audi für 52 000 Euro!“, sagte sie. „Das Auto ist aber in Istanbul. Sie haben gesagt, ich muss es selber abholen.“ „Hast du denen nicht gesagt, dass dein Sohn in Istanbul lebt und das übernehmen kann?“, fragte ich. „Natürlich, Junge. Aber sie haben gesagt, Dritte sind dazu nicht berechtigt.“

Stattdessen habe man ihr großzügig angeboten, Bargeld zu nehmen. 42 000 Euro. Da das Geld aus Istanbul überwiesen werde, müsse vorher eine Gebühr bei der „Zentralbank“ bezahlt werden. „Nur 500 Euro. Dafür kriege ich 42 000. Das ist doch toll“, sagte meine Mutter. Wenn sie die Summe bis zum nächsten Tag um 14 Uhr einzahle, sei der Gewinn ihr sicher, habe ihr die „Hauptnotarin“ Dr. Schuster vom „Lottoteam“ versichert. Die „Notarin“ habe auch eine Telefonnummer in der Türkei genannt und einen Empfänger des Geldes in Istanbul – „das wirkt doch alles sehr seriös“. An das Gewinnspiel selbst könne sie sich nicht erinnern. „Aber die kannten meine Adresse und mein Geburtsdatum.“

Gebrauchte Autoteile verkauft

Ich empfahl ihr, nichts zu zahlen, sondern erst etwas Schriftliches zu verlangen. Frau Dr. Schuster stimmte zu und gab meiner Mutter für Rückfragen noch die Telefonnummer einer Anwältin in Hamburg. Als bis Mittag des Folgetages aber keine E-Mail kam und meine Mutter unruhig wurde, riet ich ihr nachzuhaken. Nun machte Frau Dr. Schuster Druck. Die E-Mail sei abgeschickt, es blieben nur noch zwei Stunden, dann verfalle der Gewinn. Ob sie das denn wolle? „Kannst du nicht mal dort anrufen, Junge?“, fragte mich meine Mutter. Zuerst nahm ich mir Dr. Schuster in Istanbul vor. Genauer: Ich rief ein Handy des türkischen Mobilfunkanbieters Turkcell an. Die „Hauptnotarin“ sprach Deutsch mit türkisch-berlinerischem Zungenschlag. Ich fragte sie, ob wir uns nicht gleich hier in Istanbul treffen könnten. „Das tut mir jetzt leid, aber ich bin gerade auf dem Weg zum Flughafen, um nach Hamburg zu fliegen“, sagte sie. Zudem sei sie nur die „Vermittlerin“, die meiner Mutter „die gute Nachricht überbracht“ habe. Wenn jetzt nicht bald Geld komme, werde der „Ersatzgewinner“ benachrichtigt. Und die E-Mail? „Den Wunsch habe ich an die Gewinnermittlungsstelle und die Spedition weitergeleitet.“ Wo die denn säßen? Sie nannte mir eine Adresse in Istanbul.

Ich fuhr hin. Unter der genannten Anschrift verkaufte ein Laden gebrauchte Autoteile. Es gab keine Lottostelle, kein Autohaus, keine Spedition. Nur den schnauzbärtigen Chef, der darum bat, nicht namentlich genannt zu werden: „Wir sind ein kleines Familienunternehmen.“ Daraufhin rief ich die angebliche Anwaltskanzlei in Hamburg an. Ob meine Mutter nun gewonnen habe oder nicht, wollte ich wissen. „Sie hat den Gewinn abgelehnt, deshalb wurde der Ersatzgewinner benachrichtigt“, erklärte die „Anwältin“ und beendete das Gespräch. Später war sie nicht mehr erreichbar.

„Natürlich ist da kein Auto“, sagt Edda Castello von der Verbraucherzentrale in Hamburg, als ich ihr den Fall schildere. „Es geht nur darum, die 500 Euro zu kassieren. Das Geld ist verloren, und eine Strafanzeige bringt nichts, denn es fährt niemand nach Istanbul, um dort Recherchen anzustellen. Das unterscheidet die Lage zum Beispiel von EU-Ländern wie Spanien, wo solche Betrüger früher oft operierten.“

Meine Mutter war zwar immer noch nicht überzeugt, gab sich aber geschlagen. Das war vor drei Wochen. Vor wenigen Tagen aber klingelte wieder das Telefon bei ihr. Ein Mann meldete sich mit „Polizei Berlin“, es liege eine Anzeige vor, weil die Gebühren für die Überführung eines Autos von Istanbul nach Berlin nicht bezahlt worden seien. 2 000 Euro seien fällig. „Ich bin alt, aber nicht dämlich“, sagte meine Mutter, legte auf und rief die echte Polizei an, wo man von einer Anzeige gegen sie – natürlich – nichts wusste.

Neue Betrugsmasche

Inzwischen warnt die Polizei vor der neuen Betrugsmasche. Es lägen zahlreiche Anzeigen vor, sagt ein Berliner LKA-Ermittler. „Die Täter erzeugen eine Hochstimmung und bauen Druck auf wie jeder Trickbetrüger. Sie rufen gezielt ältere Menschen an. Sie geben sogar Rückrufnummern in der Türkei, in Berlin und Hamburg an, bei denen sich tatsächlich ein angeblicher Notar oder Anwalt meldet.“ Die Nummern führten oft zu Internetcafés in der Türkei und seien für die Polizei bisher nicht nachzuverfolgen.

Es gebe verschiedene Varianten des Tricks, immer aber würden 500 bis 1 000 Euro Gebühr für Überführung, Geldwechsel oder einen türkischen Anwalt gefordert. Für die Gauner sei das Geschäft fast risikolos. Nur hundert Einzahler genügten, um 50 000 Euro zu erbeuten. „Deshalb sind die auch so hartnäckig. Und weil sie im Ausland arbeiten, ist die Gefahr, erwischt zu werden, so gut wie Null.“ Leider sei eine Kooperation mit der türkischen Polizei bisher nicht zustande gekommen, sagt der Kriminalbeamte. Mir war es inzwischen gelungen, den Inhaber der türkischen Mobilfunknummer zu identifizieren. Ein Name aus Istanbul, vermutlich ein Strohmann. Seine Adresse bekam ich nicht heraus. Als ich wieder anrief, um ihn oder Frau Dr. Schuster noch einmal zu sprechen, war die Nummer stillgelegt. „Der Teilnehmer ist gegenwärtig nicht erreichbar“, sagte eine Frauenstimme auf Türkisch.

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