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Autobomben-Mord: Mesut T. hatte sich mit den Falschen angelegt

Autobomben-Attentat in Berlin

Spurensicherung am Tatort auf der Bismarckstraße in Berlin (15.03.2016).

Foto:

imago/Stefan Zeitz

Das Haus, in  dem Mesut T. wohnte, steht keine 300 Meter entfernt von der Stelle, an der er am Dienstag kurz vor 8 Uhr getötet wurde. Der 43-Jährige starb, als er mit einem VW-Passat im morgendlichen Berufsverkehr in der Nähe der Deutschen Oper auf der Bismarckstraße  fuhr, und eine Bombe unter seinem Wagen explodierte.
Mesut T. zog dorthin, wo er nicht auffiel. Das Gebäude wurde in den 70er-Jahren gebaut, von den Wänden blättert die Farbe. Unten sind Läden für Handys, Matratzen und eine Spielothek – oben enge Flure, kaum Licht. Die Namen an den Klingelschildern sind international. Die deutschen Namen gehörten oft zu Russland-Deutschen, erzählt ein Nachbar.

Anonymes Wohnen

Die Spuren, die die Polizei an der Wohnungstür hinterlassen hat, sind klar zu erkennen. Das SEK hatte die Tür aufgebrochen und die Wohnung gestürmt.  Die Leute im Haus erzählen, dass sie über Mesut T. nichts wissen. „In diesem Haus kennt man sich nicht, hier wohnt man nur“, sagt eine Frau.
Am Vortag hatte die Polizei die gesamte Straße zwischen zwei Kreuzungen abgeriegelt.  Auch Anwohner durften nur in Begleitung eines Polizisten zu ihren Wohnungen. Am Morgen danach sind die Polizisten in Uniform weg. Aber die Kriminalisten der Mordkommission klappern die Wohnungen und Geschäfte ab und suchen Zeugen.

Video: Sprengstoff-Anschlag in Berlin
Am Dienstagmorgen gibt es einen lauten Knall in Charlottenburg. In einem Auto explodierte ein Sprengsatz. Ein Mann kam dabei ums Leben.

Die Ermittler versuchen, das Leben von Mesut T. und das Umfeld, in dem er sich bewegte, zu ergründen. Neben einem Aushilfsjob in einem Café hatte der 43-Jährige seine Hartz-IV-Bezüge offenbar auch mit Drogengeschäften aufgebessert. 2008 war er in Polen wegen Kokainhandels zu einer Haftstrafe verurteilt worden. 2013 kam er aus dem Gefängnis und fand eine Wohnung im Haus an der Bismarckstraße. Kontakte zur organisierten Kriminalität hatte er wohl nicht. Im vergangenen Jahr aber legte er sich offenbar mit den  Falschen an: Er und ein russischer Freund hatten eine Auseinandersetzung mit anderen Russen, als es um ein größeres Kokain-Geschäft ging. Dabei schoss einer von den beiden das Gegenüber nieder.

Die Ermittlungsbehörden äußern sich dazu nicht. „Wir müssen viele Puzzlesteine untersuchen“, sagt Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft. So fanden die Ermittler in dem zerstörten Passat Dokumente, die auf seinen russischen Freund hinweisen, der mit dem Auto regelmäßig unterwegs war. Möglich, dass der Anschlag diesem und nicht Mesut T. galt.

Augenzeuge berichtet von der Explosion
Am Dienstagmorgen explodierte in Charlottenburg ein Fahrzeug. Der Fahrer starb. Schüler Yunus K. (18) war vor Ort und berichtet vom Geschehen.

Vor allem die älteren Nachbarn von Mesut T. zeigen sich von der Art des Anschlags  geschockt. „Eine Autobombe! Es ist doch unglaublich, dass so etwas bei uns hier auf offener Straße passiert“, sagt die 75-jährige Rosie Klemke, die gerade in einen nahe gelegenen Friseur geht. „Das ist doch nicht mehr unser Charlottenburg.“  In der Umgebung gibt es auch russische Läden, in denen die Hauptsprache Russisch ist.

Parken vor dem Haus

Eine Verkäuferin sagt, dass sich seit zwei bis drei Jahren das Klientel jener Leute, die hier in die durchaus gehobenen Läden gehen, doch sehr geändert habe. „Früher war es hier bürgerlicher“, sagt die Frau, die ihren Namen nicht sagen will. „Nun ist die Lage deutlich angespannter.“ Die Verkäufer der Gegend achten inzwischen sehr genau darauf, wer in die Läden kommt, wie viele es sind, und ob sie eher zum Kaufen oder Stehlen kommen. Die Verkäuferin zeigt auf das Haus von Mesut T. und sagt: „Wenn man manche Leute dort sieht, muss man sich schon wundern: Die Wohnungen dort sind nicht gerade teuer für die Gegend hier, aber was die Leute teilweise für dicke Autos vor der Tür stehen haben,  überrascht schon.“

Mesut T. hatte kein dickes Auto. Der ältere VW Passat war, weil er Hartz IV bezog,  auf seine Schwester Arzu zugelassen. Er parkte ihn stets in der Nähe seines Hauses in der Bismarckstraße. So konnten der oder die Täter  den Sprengsatz relativ ungestört unter dem Auto anbringen.