blz_logo12,9
Berliner Zeitung | Bela B. zu Bye und Abserviert: „Ich betrachte mich als unangepasst“
03. April 2014
http://www.berliner-zeitung.de/1208814
©

Bela B. zu Bye und Abserviert: „Ich betrachte mich als unangepasst“

Hat sich inzwischen selbst gefunden: Bela B. alias Dirk Felsenheimer.

Hat sich inzwischen selbst gefunden: Bela B. alias Dirk Felsenheimer.

Foto:

Imago/T-F-Foto

Superpünktlich erscheint Bela B. (51) zum Interviewtermin im Büro seines Hamburger Booking-Agenten. Er ist bestens gelaunt und redet wie ein Wasserfall über Fußball, Frauen und sein an diesem Freitag erscheinendes Album „Bye“. Obwohl der Schlagzeuger der Ärzte durch Punk berühmt wurde, ändert er musikalisch nun seine Richtung. Auf seiner neuen CD kann man viel Americana aber auch eine Prise Country heraushören.

Bela, Ihre CD heißt „Bye“. Wollen Sie etwa aus dem Musikgeschäft aussteigen?

Keine Angst. Ich schreibe schon wieder neue Songs. Das Musikmachen ist mir viel zu wichtig, als dass ich da ein Ende einläuten möchte. Trotzdem ist jede Platte, besonders diese, ein Abschied von Altem, weil ich mich und meine Beziehung zur Musik neu ordne.

Auf diesem Album gibt es das Lied „Abserviert“. Es handelt davon, sich von dem zu verabschieden, was einem nicht guttut.

Genau. Von Zeit zu Zeit sollte man sein Leben mal entschlacken, Ballast abwerfen, sich von falschen Freunden trennen. Ich bin ein Glückskind, das seinem Erfolg demütig gegenübersteht. Wenn mir jemand anfangs mit Neid oder Missgunst begegnet, verstehe ich das durchaus. Schließlich fragen sich die meisten Menschen: Wie hat der es wohl nach oben geschafft? Das wird nicht ohne Ellenbogenmentalität funktioniert haben. Auf so etwas reagiere ich extrem tolerant, überhaupt verzeihe ich sehr viel. Es dauert wirklich lange, bis es jemand bei mir verschissen hat.

Auch Ihre Zuneigung zu Ihrem Lieblingsfußballverein scheint nichts erschüttern zu können. Warum wird ein gebürtiger Berliner ausgerechnet St.-Pauli-Fan?

Ein St.-Pauli-Spiel ist ein Stück weit ein Event. Darum bin ich nach meinem Umzug nach Hamburg alle zwei Wochen mit meinen Freunden ins Stadion gegangen. Da lief Punkrock, da hingen Totenkopffahnen, da wurde gekifft – das hat mir gefallen. Der Fußball selbst war mir zunächst gar nicht wichtig, erst nach und nach habe ich die Spielernamen auswendig gelernt. Jetzt besitze ich eine Dauerkarte, weil ich von den Möglichkeiten, die so ein Underdog-Verein hat, begeistert bin. Natürlich hoffe ich auf eine Relegation gegen den HSV.

Haben Sie sich auch mal für einen Berliner Fußballverein begeistert?

Bestimmte Hertha-BSC-Fangruppierungen, unter denen ich als Punk sehr gelitten habe, hatten mir den Fußball verleidet. Bis es dann mal ein Pokalspiel zwischen Bremen und Dortmund in Berlin gab. Da habe ich dann gesehen, dass Fußballfans richtig nett zueinander sein können.

Mit Frauen scheinen Sie dagegen nie ein Problem gehabt zu haben. Sie tun sich regelmäßig für ein Duett mit einer Kollegin zusammen.

Erstens bin ich mit Großmutter, Mutter und Schwester in einem Frauenhaushalt groß geworden. Das ist vermutlich der Grund dafür, dass ich mich in Gegenwart des weiblichen Geschlechts so wohl fühle. Und zweitens mag ich Frauenstimmen wahnsinnig gerne. Ein Duett mit einer Sängerin, das ist für mich das musikalische Äquivalent dafür, eine schöne Frau aufzureißen.

Ist Ihr Publikum eigentlich auch überwiegend weiblich?

Es gibt stets einen hohen Frauenanteil. Ich weiß nicht, ob das an meinem Charme liegt. Inzwischen tauge ich ja schon zur Vaterfigur und nicht mehr so sehr zum feuchten Traum.

Mit dem Stück „Sentimental“ treffen Sie bestimmt viele Frauen mitten ins Herz.

Das ist so ein pathetisches Liebeslied über einen Menschen, der wie ein Hund leidet. Früher war es für mich ganz schlimm, wenn mich ein Mädchen verlassen hat. Ich habe meinen Schmerz mit meinem Selbstmitleid immer weiter angefeuert.

Es fällt Ihnen offenbar nicht schwer, zu Ihren Gefühlen zu stehen. Aber wie rebellisch sind Sie heutzutage noch?

Das Rebellieren ist vor allem die Domäne der Jugend. Es gehört zur Persönlichkeitsfindung dazu. Nun habe ich meine Persönlichkeit längst gefunden. Insofern reizt es mich nicht mehr so sehr wie einen 18-Jährigen, bei einer Demo auf die Randale zu warten.

Heißt das, Sie sind ein braver Bürger geworden?

Ich betrachte mich als unangepasst. Darum scheue ich mich nicht, Wagnisse einzugehen. Vor allem als Künstler. Immerhin habe ich mit „Bye“ eine Platte gemacht, die von den Ärzten ziemlich weit weg ist. Sie hat noch weniger Punkrock als ihre Vorgänger.

Der Sound orientiert sich teilweise an den 60ern oder 70ern. Hätten Sie damals gerne auf der Bühne gestanden?

Ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich Punkrock direkt miterlebt habe. Als Jugendlicher auf einem Black-Flag- oder Dead-Kennedys-Konzert gewesen zu sein, wo Skindheads den Laden stürmten, und danach halbwegs unversehrt nach Hause zu kommen, das war schon etwas.

Interview: Dagmar Leischow


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?