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Bootsflüchtlinge: Im Reich der Toten

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In einer Halle der Nato-Basis von Melilli arbeitet das Team.

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AFP

MELILLI/MAILAND -

Ihre hellen Augen sind an Grausiges gewöhnt. Leichen in allen Phasen der Verwesung, zerfallendes menschliches Fleisch, zerstückelte und verbrannte Körper, Opfer von sexueller Gewalt und Mord gehören seit zwanzig Jahren zum Alltag von Cristina Cattaneo. Aber es gibt Dinge, die auch eine Forensikerin immer noch berühren. Kleinigkeiten. Diese mit Erde gefüllten Säckchen zum Beispiel, die sie eingenäht in den Hemden oder Hosennähten der toten Afrikaner findet. Eine Handvoll Heimat, die junge Männer mit sich getragen haben auf der ungewissen Reise nach Europa.

Die Sonne strahlt an diesem Nachmittag auf die Bucht von Augusta an Siziliens Ostküste, wo graue Militärschiffe ankern. Cristina Cattaneo hat sich mit ihrer Truppe aus Medizinern, Anthropologen und Zahnärzten an einem Tisch vor der Kantine des Nato-Stützpunkts von Melilli niedergelassen. Etwas Wärme und die frische Meeresbrise tun gut nach einem Tag im Reich der Toten. Die blassgrünen Plastikkittel, die Handschuhe und den Mundschutz haben sie abgelegt, alles ist desinfiziert. Die Überreste der 13 Ertrunkenen liegen nicht mehr im Tiefkühl-Lkw, sondern in Särgen. Und die Task Force, die sie untersucht hat, sitzt noch einmal zusammen, bevor sie abreist, zurück nach Mailand, Palermo, Messina und Catania. Wenn sie sich das nächste Mal in der Nato-Basis treffen, irgendwann im Mai, wird es ein Großeinsatz sein.

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Cristina Cattaneo trägt immer solch ein dickes Holzfällerhemd unter dem Kittel. Es ist kalt in den  Zelten, in denen die Seziertische stehen.

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Regina Kerner

Cristina Cattaneo, die Chefin der Truppe, ist Italiens bekannteste Gerichtsmedizinerin. Sie gilt auch als die beste. An der Universität Mailand leitet sie das Labor für forensische Anthropologie und Zahnkunde, kurz Labanof. Wenn es besonders schwierige Kriminal- und Mordfälle zu lösen gilt, ziehen Ermittler und Richter sie als Expertin hinzu. Viele Italiener kennen die Frau mit den rotblonden Locken aus dem Fernsehen, aus der Sendung „Chi l’ha visto“, einer Art „Aktenzeichen XY ungelöst“, wo es um Vermisste geht. Auch Bücher hat sie geschrieben, mit Titeln wie „Tote ohne Namen“. Rein äußerlich würde die 53-Jährige gut in die unzähligen forensischen Krimis und Serien passen, von „CSI“ bis „Bones“, mit Helden wie Dr. David Hunter und Temperance Brennan.

Geborgen aus 400 Metern Tiefe

Kaum bekannt ist, woran sie außerdem arbeitet, mit vollem Einsatz: Sie versucht, namenlosen toten Bootsflüchtlingen ihre Identität wiederzugeben. Humanitäre Forensik nennt sie das. Es ist ein italienisches Modellprojekt, einzigartig in Europa. Es könnte als Vorbild dienen für viele Länder dieser Welt – falls der politische Wille dazu da ist. Cristina Cattaneo hat es selbst entwickelt und kämpft dafür.

Allein im Jahr 2015 starben nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration fast 3 800 Menschen im Mittelmeer. Sie ertranken oder sie erstickten in überfüllten Schiffsladeräumen. Viele liegen am Meeresgrund. Sie bleiben ebenso anonym wie die meisten Leichen, die an Land gebracht werden. Flüchtlinge haben selten Pässe dabei, und wenn, dann sind sie oft vom Wasser zerstört oder gefälscht. Auf süditalienischen Friedhöfen tragen viele Gräber Holzkreuze mit Inschriften wie: „Unbekannter Nummer drei. Männlich. Zwischen 20 und 30 Jahre alt. Ertrunken.“ Keiner weiß, wer diese Menschen waren, wovon sie träumten, wen sie liebten. Ihre Väter, Mütter, Brüder, Schwestern, Frauen, Männer, Kinder werden nie richtig Abschied nehmen und trauern können.

„Wir dürfen nicht zulassen, dass es Tote erster und zweiter Klasse gibt“, lautet Cristina Cattaneos Kernsatz. Um zu verstehen, was sie meint, muss man sich vor Augen halten, was passieren würde, wenn ein Kreuzfahrtschiff mit Hunderten Touristen an Bord im Mittelmeer versänke. Kein Aufwand wäre zu groß, um die Toten zu bergen, ihre Identität festzustellen, sie zu beerdigen, ihrer zu gedenken.

Aber Flüchtlinge sind eben keine reichen Europäer, sondern Menschen, die im falschen Teil der Welt geboren wurden. Deshalb macht sich keiner die Mühe. „Es ist unsere moralische Pflicht, sie zu identifizieren“, sagt Cristina Cattaneo deshalb. „Sie haben ein Recht darauf, ihre Würde wiederzuerlangen. Und wir müssen ihren Angehörigen Respekt erweisen.“ Nicht zu wissen, was einem seiner Lieben zugestoßen ist, das sei vergleichbar mit Folter, sagt sie.

Die 13 Toten, die sie und ihre Kollegen an diesem Tag in Melilli untersucht haben, waren Opfer der bisher größten Flüchtlingstragödie im Mittelmeer. Sie waren auf einem Boot, das im April 2015 mit vermutlich mehr als 700 Menschen an Bord sank. Ähnlich wie nach dem Unglück vor Lampedusa im Herbst 2013 stand Europa kurz unter Schock. Aber schnell stritt die Politik wieder über die Verteilung des Migrantenstroms. Verärgert beschloss Italiens Regierungschef Matteo Renzi damals, dieses Mal die Toten nicht einfach dem Massengrab Mittelmeer zu überlassen. „Die ganze Welt soll sehen, was geschehen ist“, sagte er.

Dumpfer Verwesungsgeruch

So kam es, dass italienische Marineschiffe seit dem Sommer nach und nach 169 Leichen geborgen haben. Sie lagen verstreut um das in fast 400 Meter Tiefe gesunkene Wrack. Ein Tauchroboter mit Kamera und Greifarmen holte sie nach oben. Aber noch immer sind 400 bis 500 Tote im Inneren des Bootes zusammengepfercht, darunter viele Kinder. Der Roboter kann nicht hinein.

Als sich ihre Kollegen verabschiedet haben, zeigt Cristina Cattaneo den Einsatzort des Teams in einer Halle des Nato-Stützpunkts. Während der Arbeiten ist der Zutritt verboten. „Achtung“, warnt sie, „es könnte immer noch stark riechen.“ Tatsächlich steigt ein dumpfer Verwesungsgeruch in die Nase, den auch die Desinfektionsmittel nicht überdecken können. Das sei auch für sie immer noch das Unangenehmste, sagt Cristina Cattaneo. In der Halle stehen zwei Militärzelte, gleich daneben ein überlanger Kühl-Lkw des Roten Kreuzes. „Darin werden die Leichen nach der Bergung gefroren gelagert“, erklärt die Forensikerin. Sie trägt bei der Arbeit unter dem Kittel ein dickes Holzfällerhemd und warme Stiefel. Denn auch die Zelte, wo die Seziertische stehen, können bis auf zehn Grad heruntergekühlt werden. Sonst wäre der Geruch vor allem im Sommer nicht auszuhalten.

In den vergangenen acht Monaten ist Cattaneos zwanzigköpfige Task Force sechsmal nach Melilli gekommen, um nach und die 169 Leichen zu untersuchen. Manche sind nur noch Skelette, andere im Zustand fortgeschrittener Verwesung. Knochenbau, Gebiss, Tätowierungen und Narben werden fotografiert, Gewebeproben gesammelt. Die Kleidung der Toten wird eingehend nach Dokumenten, Handys oder Fotos durchsucht. Am Ende werden die Leichen in nummerierte Särge gelegt und an verschiedenen Orten Italiens beigesetzt.

Wenige Tage später ist Cristina Cattaneo wieder in Mailand. Ihr Universitätsinstitut, das Labanof, ist im selben klassizistischen Gebäude untergebracht wie das städtische Leichenschauhaus. Gewebeproben der toten Flüchtlinge sind hier eingefroren, für genetische Untersuchungen und DNA-Vergleiche. Eine junge Anthropologin ist seit Wochen dabei, alle verfügbaren Informationen über jeden einzelnen Toten in eine Datenbank einzugeben. Etwa, was in der Kleidung von Nummer 00307 gefunden wurde. Eine Lederhalskette mit hölzerner Friedenstaube und ein Stapel kleinformatiger Fotos, aufgeweicht und verblasst. Weniges ist erkennbar. Eins zeigt lachende Erwachsene und Kinder in Sonntagskleidung. Den Gesichtern und der Hautfarbe nach könnten es Eritreer sein. Cristina Cattaneo greift nach einem Säckchen, das ebenfalls in der Pappbox mit der Nummer 00307 aufbewahrt wird. Es ist walnussgroß, aus einem braunen Kunststoffband geschnürt. „Hier, sehen Sie, da ist Erde drin“, sagt sie. In ihrer Stimme klingt immer noch Erstaunen mit, angesichts dieser poetisch anmutenden Geste von Migranten.

"Komplexeste Katastrophe in der Geschichte der Forensik“

Mit dem Thema Flüchtlingsidentifizierung beschäftigt sich Cristina Cattaneo schon seit Jahren. Sie ist forensische Beraterin des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes. „Das Massensterben im Mittelmeer ist die komplexeste Katastrophe in der Geschichte der Forensik“, sagt sie. Nach einem Flugzeugabsturz beispielsweise seien Identifizierungen viel einfacher. Da gibt es Passagierlisten und Zahnarzt-Unterlagen. Flüchtlingsboote haben keine Listen. Und wo sollte man nach Verwandten und Bekannten der Opfer suchen? In afrikanischen und arabischen Diktaturen auf keinen Fall, das könnte Familien in Gefahr bringen, erklärt sie. „Wir haben hier im Labanof eine Frau mit verbranntem Gesicht untersucht. Sie wurde in Eritrea gefoltert, weil ihr Mann geflüchtet war.“

Trotz aller Schwierigkeiten hat eine Pilotstudie bewiesen, dass Identifizierungen möglich sind. Es handelte sich um Opfer des Flüchtlingsunglücks vor Lampedusa vom Oktober 2013. Die Polizei sammelte damals erstmals Daten über die fast 400 Toten. Sie waren Grundlage für Cattaneos Experiment, das im März 2014 anlief. Botschaften und Hilfswerke verbreiteten Aufrufe in Europa. 62 Angehörige vermisster Flüchtlinge meldeten sich, zumeist waren es Syrer und Eritreer. Ihnen wurden Alben mit Fotos und Habseligkeiten der Toten vorgelegt.

Bisher sind 16 der Lampedusa-Opfer mit Sicherheit identifiziert, bei 20 weiteren fehlt eine letzte Bestätigung, bis auch sie wieder Namen haben. „Natürlich ist das eine vergleichsweise winzige Zahl“, sagt Cristina Cattaneo. „Aber unser Modell funktioniert. Wir haben eine Standardprozedur entwickelt, die überall in Europa angewendet werden kann und nicht viel kostet.“

Cattaneos Ziel ist eine europäische Datenbank, in der Angaben über vermisste Flüchtlinge gesammelt und alle Daten über anonyme Tote katalogisiert werden. „Es bräuchte dafür eine europaweite Koordination“, sagt sie. „Es müssten in Ländern wie Deutschland Büros geschaffen werden, an die sich Angehörige wenden können.“

Kaum Aussicht auf Unterstützung

Das Problem ist nur, dass bislang kein Interesse besteht. Selbst in Italien mangelt es an Unterstützung. Für die Bergung der Leichen des Unglücks vom April 2015 gibt die Regierung Renzi 15 bis 20 Millionen Euro aus, für deren Identifizierungen keinen einzigen Cent. „Es ist paradox“, sagt Cristina Cattaneo. Finanziert wird ihr Projekt einzig von den beteiligten Universitäten. Die Einsätze der Forensiker in der Nato-Basis sind freiwillig, im Dienste der Menschlichkeit. Sogar die Flüge nach Sizilien zahlen Cristina Cattaneo und ihre Kollegen aus eigener Tasche. Kein Wunder, dass sie ein bisschen müde klingt, wenn sie über die Zukunft des Projekts spricht. „Wir liefern ein funktionierendes Modell auf dem Silbertablett. Eine Politik, die das nicht nutzt, wäre blind und ungerecht.“

Ihr wichtigster Verbündeter ist Präfekt Vittorio Piscitelli. Der Mann im eleganten dunkelblauen Anzug hat sein Büro nahe des römischen Bahnhofs Termini. Er ist Italiens Beauftragter für vermisste Personen, dem Innenministerium unterstellt. Piscitelli ist genau wie die Forensikerin von Europa enttäuscht. „Die EU überlässt das Problem Italien“, sagt er, „dabei betrifft es alle Länder.“ Bald schon könnte es im Mittelmeer wieder sehr viel mehr Bootsflüchtlinge und Ertrunkene geben – dann, wenn der Landweg über den Balkan blockiert ist. Piscitelli glaubt an das Projekt der Identifizierungen. Erst kürzlich habe er dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York darüber berichtet. „Das Interesse war groß“, sagt er. Schließlich gibt es auch in anderen Teilen der Welt Flüchtlingsströme.

Dann erklärt er, wie es jetzt weitergeht. Im Frühjahr soll das 24 Meter lange Wrack mit den bis zu 500 Toten darin aus dem Meer geholt werden, und zwar im Ganzen. Es erinnert ein wenig an die Bergung der Costa Concordia. Ein Rahmen werde hinabgelassen, erklärt Piscitelli, und unter dem Boot Hydraulik-Träger ausgefahren. Dann wird es hochgehievt und nach Melilli geschleppt. Ein Riesen-Kühlzelt soll darüber errichtet werden, wegen des Geruchs. Die verkeilten Leichen werden Feuerwehrleute in Schutzanzügen einzeln aus dem Bootsinnern ziehen müssen. Einen Monat könne das dauern, sagt Piscitelli.

Irgendwann im Mai soll dann in der Nato-Basis der Großeinsatz der Forensiker beginnen. Viermal so viele wie bisher müssen es sein, der Präfekt wirbt in Italiens Universitäten dafür. Geld wird es auch künftig nicht geben. Cristina Cattaneo und die anderen werden Flüge und Unterkunft in Sizilien wieder selbst bezahlen. Weil sie der Überzeugung sind, dass auch tote Flüchtlinge Menschenrechte haben.