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Falschmeldung über toten Flüchtling in Berlin: Chronik eines üblen Gerüchts

Kerzen am Lageos: Trauer für einen Toten, den es gar nicht gab.

Kerzen am Lageos: Trauer für einen Toten, den es gar nicht gab.

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AFP

5.16 Uhr: Die Helferin Reyna B. veröffentlicht auf Facebook einen Beitrag, in dem sie von einem toten Flüchtling schreibt. "Soeben ist ein 24-jähriger Syrer, der tagelang am Lageso bei Minusgraden im Schneematsch angestanden hat, nach Fieber, Schüttelfrost, dann Herzstillstand im Krankenwagen, dann in der Notaufnahme - VERSTORBEN."

7.30 Uhr: Bei Polizei und Feuerwehr weiß niemand von dem angeblich toten Flüchtling. "Moabit hilft" ist nicht zu erreichen.

9.12 Uhr: Die Deutsche Presseagentur veröffentlicht die Nachricht "'Moabit hilft': Flüchtling gestorben - Mit Fieber vor Lageso". Die Berliner Polizei prüfe den Fall, heißt es. Daraufhin entscheiden wir uns, die Meldung auf unserer Internetseite zu veröffentlichen.

10 Uhr: Spiegel Online macht mit der Meldung über den toten Flüchtling in Berlin auf. Der Tod eines 24-jährigen Syrers sei eine "direkte Folge von der Wartesituation am Lageso", wird dort Diana Henniges "Moabit hilft" zitiert.

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Gegen 10.30 Uhr: Grünen-Fraktionschefin Ramona Pop ist bei einem Termin im ICC, in dem viele Flüchtlinge untergebracht sind. Wenn sich der Fall bestätige, glaube sie nicht, dass Senator Czaja zu halten sei. "Er ist nicht schuldig, aber verantwortlich."

13 Uhr: Angeblich will sich der Helfer bei einer Pressekonferenz äußern. Zahlreiche Journalisten finden sich ein – auch Polizeibeamte, die den Mann als Zeugen befragen wollten. Der Helfer jedoch erschien nicht.

13.10 Uhr: Stattdessen äußert sich Diana Henniges von "Moabit hilft". Wir bemühen uns, schnellstmögliche Aufklärung zu schaffen“, sagte sie. „Das einzige, was wir herausgefunden haben, ist, dass Dirk V. sich in seiner Wohnung befindet und verbarrikadiert hat.“ Er wolle ausschlafen, sich zu gegebener Zeit äußern.

14 Uhr: Vor dem Lageso haben Flüchtlingshelfer und Asylbewerber mittlerweile Kerzen aufgestellt. „Wir weinen“ war auf dem schwarz umrandeten Zettel zu lesen.

Gegen 16 Uhr: Die Polizei hat die Adresse des Helfers ausfindig gemacht. Dirk V. öffnet den klingelnden Polizisten allerdings nicht die Tür.

Gegen 18 Uhr: Jetzt schafft es die Polizei, den Mann zur Rede zu stellen. Die Ermittler sind sich sicher, dass an dem Gerücht nichts dran ist.

22 Uhr: Die Polizei teilt mit, dass der Helfer in einer Befragung zugab, den toten Flüchtling nur erfunden zu haben.

23.52 Uhr: "Moabit hilft" veröffentlicht eine Stellungnahme auf Facebook. Darin heißt es: "Nach der Befragung Dirks durch die Polizei heute Abend ist davon auszugehen, dass die Geschichte vom Tod des 24jährigen Syrers erfunden ist. Wir sind sehr erleichtert darüber, denn niemand ist zu Schaden gekommen. Aber auch fassungslos über das Geschehene."


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