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Fauxpas von Gianis Varoufakis: Typologie des Stinkefingers

Da kann er noch so freundlich lächeln: Der Finger sagt alles.

Da kann er noch so freundlich lächeln: Der Finger sagt alles.

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dpa

Köln -

Es ist nur eine Geste, eigentlich. Millionenfach wird jeden Tag die Faust geballt und mit dem emporgereckten Mittelfinger kühn dem Gegenüber entgegengestreckt. Eine von vielen nonverbalen Beleidigungen; so einfach, so alltäglich.

Manchmal aber hat diese Geste auch die Macht, die Gemüter ganzer Nationen zu erhitzen.

Besonders groß kann die Aufregung bei prominenten Fingerstreckern werden – gerade besonders schön zu sehen am Fall des griechischen Finanzminister Gianis Varoufakis und der Frage: Hat er oder hat er nicht den Deutschen bei einer Konferenz im Jahr 2013  den Stinkefinger gezeigt, so wie es ein nun aufgetauchtes Video suggeriert?

Nun mag es Menschen geben, die angesichts dieses Themas nur gelangweilt mit den Schultern zucken. Und damit die potenzielle Sprengkraft der Geste weit unterschätzen:

Ex-Fußballprofi Stefan Effenberg flog wegen des gezeigten Fingers einst aus der Nationalelf, SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück schlug 2013 quasi per Mittelfinger den letzten Nagel in den Sarg seiner politischen Karriere und Popstar Miley Cyrus reckt gerne zwei Mittelfinger gleichzeitig in die Höhe und provoziert damit wahlweise Paparazzi, ihre Eltern oder Amerikas konservative Sittenwächter.

Besonders beliebt ist der Stinkefinger als Ventil für überschäumende Emotionen in Fußballkreisen. Effenbergs Entgleisung gegenüber den deutschen Fans bei der WM 1994 war da nur der Auftakt einer regelrechten Tradition. Kaum ein Rasenstar, der im Laufe seiner Karriere seinen Unmut nicht gelegentlich mit Hilfe eines Mittelfingers kundgetan hätte. Der ehemalige englische Nationalspieler David Beckham bemühte diese Geste ebenso wie Thomas Helmer und Jens Lehmann.

Unübersichtlich wird es in popkulturellen Kreisen, wie das Beispiel von Miley Cyrus zeigt.  Denn hier steht der gereckte Mittelfinger nicht immer für eine Beleidigung, zumindest nicht für eine, die dem Gegenüber gilt. Er soll vielmehr Ausdruck von Unangepasstheit sein, von Rebellion und Freiheitsdrang. „Mir doch egal, was ihr von mir denkt!“ sagt der Rocker-Mittelfinger im Gesicht der Fotografen.

Politiker und ihre Handzeichen

Auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hoffte wohl auf ein cool-rebellisches Image, als er beim Fotointerview „Sagen Sie jetzt nichts“ des SZ-Magazins auf die Frage nach seinen Kritikern den Stinkefinger in die Kamera hielt. Das besagte Foto landete auf dem Titel der Ausgabe und bescherte Steinbrück reichlich Aufmerksamkeit, allerdings keinen Job im Kanzleramt.

Dass Politiker generell besser beraten sind, ihre Finger unter Kontrolle zu halten, zeigt auch das Beispiel Christian Wulffs. Der CDU-Politiker machte um einen Mittelfinger-Eklat immer erfolgreich einen Bogen und bediente sich bei seiner Wahl zum niedersächsischen Ministerpräsidenten lieber einer international sichereren Geste: dem V, geformt aus Zeige- und Mittelfinger, Symbol der Siegessicheren dieser Welt.

Leider nahm Wulff es mit der Handhaltung nicht so genau, und drehte auch mal den Handrücken zum Betrachter. In den USA hätte Wulff mit dieser Geste immerhin noch zwei Bier in der Bar bestellen können, während man ihn im englischen Pub wohl eher vermöbelt hätte: Auf der Insel bedeutet das Handrücken-V das gleiche wie andernorts der Stinkefinger.

Angesichts der Allgegenwart der Handzeichen in Politik und Popgeschäft könnte man sich nun berechtigterweise die Frage stellen, was das ganze Theater um Gianis Varoufakis‘ Finger eigentlich soll.  Schließlich war Varoufakis damals noch nicht Finanzminister eines strauchelnden Staates, sondern einfach ein Wirtschaftsdozent, der vielleicht nur ein bisschen cool und rebellisch sein wollte. Und genau das hätte er auch sagen können, anstatt rundweg zu behaupten, das Video sei eine Fälschung (was ihm ohnehin niemand so recht glauben will).

Eine ganz besondere Erklärung für das Eigenleben ihrer Finger hat übrigens die Kanzlerin. Eine Mittelfinger-Entgleisung ihrerseits ist zwar nicht bekannt, doch auch ihre Gesten bewegten die Nation, vor allem die bekannteste. Auf die Frage aber, was die berühmte Raute vor ihrem Bauch denn nun eigentlich ausdrücken sollte, antwortete Angela Merkel in einem Interview einmal schlicht, irgendwo müsse sie ja schließlich hin mit ihren Händen.

So einfach ist das manchmal.