21.02.2012

Hochgebirge: Messner will die Bergwelt absperren

Extrembergsteiger Reinhold Messner.
Extrembergsteiger Reinhold Messner.
Foto: dpa

Für Reinhold Messner war das Bergsteigen eine Auseinandersetzung mit sich selbst, sagt er. Messner beobachtet: Die neue Generation hat andere Ziele, es geht ihnen vor allem um das Erreichen von Rekorden.

Früher galten hohe Berge als Sitz der Götter, als Treppen in den Himmel, als magische Orte. Heute sind sie Sportplätze, sagt Reinhold Messner. „Mein Leben am Limit“ hat er seine vor einigen Jahren erschienene Autobiografie genannt. Und ein solches hat Messner tatsächlich geführt.

Herr Messner, alle Berge sind bezwungen. Gibt es heute überhaupt noch so etwas wie Limits?

Natürlich. Jeder Mensch hat seine eigenen Limits. Sie werden im Laufe eines Lebens größer, nicht kleiner. Ich konnte mit 20 ganz andere Schwierigkeiten klettern, größere Höhen erreichen, als heute mit Mitte 60.

Die Frage zielte eigentlich in eine andere Richtung…

Auch wenn Sie auf Höchstleistungen anspielen, gibt es keine festen Grenzen. Es ist schon richtig, die jungen Bergsteiger haben nicht mehr die Möglichkeit, an unbestiegenen Bergen ihr Können zu zeigen. Die Besten kennen alle Berge der Welt auch auf den schwierigsten Routen. Aber es gibt weiter die Möglichkeit, über das Erreichte hinauszugehen.

Eine Ihrer Thesen lautet, das Unkonventionelle im Alpinismus sei passé. Was meinen Sie damit?

Der Alpinismus war früher kein Sport, er war eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Die Gefahren, die auch tödlich sein konnten, waren Teil des Spiels. Die Möglichkeit des Todes machte das Leben intensiver. Das war mein Zugang zu den Bergen, aber ich behaupte nicht, dass es der einzig Richtige ist. Weil die jungen Menschen sich heute so nicht mehr an der Grenze des Möglichen ausdrücken können, wird das Bergsteigen immer mehr zum Sport. Und Sport drückt sich über Zahlen und Rekorde aus.

Zahlenalpinismus

28 Menschen haben alle 14 Achttausender bezwungen, darunter drei Frauen. Zwölf davon kamen bei den Besteigungen ohne Flaschensauerstoff aus. Als erster Achttausender wurde 1950 die Annapurna von Franzosen erklommen.

Der 7804 m hohe Nuptse East galt lange Zeit als unbesteigbar, die besten Alpinisten der Welt scheiterten an seinen technischen und klimatischen Schwierigkeiten. Das „letzte ungelöste Problem“ des Extremalpinismus wurde allerdings im November 2003 gelöst: Die Russen Valery Babanov und Yuri Koshelenko erreichten den Gipfel.

Schnelligkeit ist inzwischen das Ziel. Im Februar 2005 schaffte „Skyrunner“ Christian Stangl zehn Sechstausender innerhalb einer Woche. Ein Jahr später bezwang er den Mount Everest in 16 Stunden und 42 Minuten. Und im April 2011 durchstieg der Schweizer Extrem-Alpinist Daniel Arnold die Eiger-Nordwand in den Alpen allein und ungesichert in 2:28 Stunden. Die Erstbegeher brauchten 1938 noch drei Tage dafür.

Und die Bergromantik bleibt auf der Strecke. Bedauern Sie das?

Nein. Tatsächlich kann ich mit dem Begriff Bergromantik nicht viel anfangen. Ich rede lieber von Respekt vor den Bergen und der hat mit Romantik nicht viel zu tun. Respekt wächst aus dem Wissen, dass die Berge auch lebensgefährlich sein können. Zum Respekt gehört die realistische Erkenntnis, dass wir im Gebirge nie alle Unwägbarkeiten, alle Gefahren bannen können.

Zurück zum Sport. Die Schweizer Ueli Steck und Daniel Arnold klettern die Eiger-Nordwand allein und ohne Seil in weniger als drei Stunden. Die Huber-Brüder waren am El Capitan in Kalifornien ebenfalls unglaublich schnell. Ist das überhaupt noch Bergsteigen?

Der heutige Kletterer sagt nicht mehr: Ich bin eine bestimmte Route im alpinen Stil auf einen Gipfel gestiegen. Er sagt, ich bin in der Schwierigkeit 5.10 in 8 000 Metern Meereshöhe in sieben Stunden oben gewesen. Es ist alles in Zahlen ausdrückbar. Des Erlebnis tritt in den Hintergrund, der Rekord in den Vordergrund.

Ist das nicht schrecklich?

Nein, das ist schlicht eine Tatsache, auf die ich völlig unsentimental schaue. Wie soll sich ein junger Mann wie Ueli Steck ausdrücken, mit seiner Kondition, mit seiner Technik, mit seinem Kletterkönnen, wenn nicht durch eine schnelle Durchsteigung von extrem schweren Wänden? Ich nenne es, ohne es abzuwerten, Pisten- oder Zahlenalpinismus. Im Moment geht die Entwicklung eindeutig in Richtung Sport. Wie es in 20 Jahren sein wird, vermag ich nicht zu sagen.

Aber setzten solche Ausnahmeathleten nicht völlig falsche Maßstäbe? Alljährlich steigt die Zahl der Bergtoten. Sind die Besten nicht gefährliche Vorbilder für all die, die in den Bergen unterwegs sind?

Für mich gibt es weder falsche, noch richtige Vorbilder. Ich wollte selbst auch nie Vorbild oder gar Idol sein. Für mich war Bergsteigen immer nur die Form, mich auszudrücken.

Es scheint jedoch, als würden immer mehr Menschen immer größere Risiken eingehen.

Durch die vielen präparierten Wege oder auch die präparierten Klettersteige werden die Berge zu leicht genommen. Nicht von den Alpinisten, aber von den Leuten, für die die Wege präpariert worden sind. Man sollte Wege im Hochgebirge nicht präparieren. Wir haben nicht das Recht, die Berge zu verändern.

Aber das haben die Menschen doch längst getan. Auch schon vor dem Massentourismus.

Bis zu einer Meereshöhe von 2 000 bis 2 500 Metern lebt der Mensch tatsächlich schon seit Tausenden Jahren. Bis dahin hat er die wilde Naturlandschaft in eine Kulturlandschaft umgestaltet. Die muss er auch weiter bearbeiten und nutzen, sonst zerstört die Erosion diesen Bereich.

Seilbahnen führen weit höher, in Bereiche jenseits der 3 000 Meter.

Und das ist eine Fehlentwicklung. Tourismusmanager widersprechen. Sie behaupten, der Massentourismus sei wirtschaftlich notwendig, damit die Dörfer nicht aussterben.

Stimmt das denn nicht?

Eine völlig erschlossene Alpenregion wird früher oder später langweilig. Das zeigt sich doch schon: Die Manager müssen immer neue Attraktionen erfinden, die mit der Bergwelt überhaupt nichts zu tun haben, damit die Leute kommen. Solche Landschaften werden verbraucht. Und wenn sie verbraucht sind, werfen die Leute sie weg.

Was wäre denn die Alternative?

Man hätte die wilde Bergnatur wild belassen müssen. Eine wilde Berglandschaft hat eine viel größere Ausstrahlung, als eine vollständig erschlossene. Davon bin ich überzeugt. Wir können natürlich nicht alles wieder abbauen, weil dann tatsächlich viele Arbeitsplätze verloren gehen. Aber mein Vorschlag ist folgender: Dort, wo der Mensch schon immer gelebt hat, soll er weiter die Landschaft gestalten. Und wenn er klug ist, tut er das nachhaltig. Oberhalb von 2 500 Metern aber bleibt Wildnis.

Das Gespräch führte Frank Herold.

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