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Interview mit Survival-Experte Rüdiger Nehberg: Der Mann, der tausend Kilometer ohne Nahrung marschieren kann

Auch im hohen Alter noch Abenteurer: Rüdiger Nehberg

Auch im hohen Alter noch Abenteurer: Rüdiger Nehberg

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dpa

Rüdiger Nehberg ist ein drahtiger Mann, dem es schwerfällt, sitzen zu bleiben. Immer wieder springt er auf und zeigt mir, wie man an Armen und Beinen gefesselt im Wasser schwimmt oder wie er sich die Larven der Dasselfliege aus den Beinen presste. Als Survival-Pionier hat er so einiges erlebt. Wir sind in seinem schönen Haus, eine ehemalige Mühle, in Rausdorf 22 Kilometer östlich von Hamburg. Nehberg hört aufmerksam zu, und er erzählt gerne. Er tut das sehr oft. Nicht nur in seinen Büchern, sondern auch in vielen Vorträgen. Nehberg, der in einem Monat achtzig wird. zeigt keine Spur von Müdigkeit. Im Gegenteil, je länger das Interview dauert, desto mehr kommt er in Fahrt.

Herr Nehberg, 25 Jahre lang waren Sie Chef einer Konditorei mit fünfzig Angestellten.

Die Konditorei existiert noch immer. In Hamburg, unmittelbar an der U-Bahn-Station Wandsbek Gartenstadt. Ich hörte damit auf, als der Konkurrenzdruck stärker wurde, ich mich also mehr hätte um das Geschäft kümmern müssen, mich aber stärker für die brasilianischen Yanomami-Indianer einsetzen wollte – da wählte ich die Freiheit und verkaufte den Laden. Ein Mitarbeiter übernahm ihn. Er macht das sehr gut. Ich muss mich wirklich nicht schämen. Es steht ja immer noch Konditorei Nehberg dran.

Wenn Sie nichts als diese Läden aufgebaut hätten, wäre Ihr Leben schon eine Erfolgsgeschichte. Sie haben sich aber außerdem noch um Menschenrechtsfragen gekümmert und in Deutschland das Thema Survival, die Kunst zu überleben, eingeführt. Heute ist das ein Branche. Das ist ein Vielfaches von dem, was in ein Menschenleben passt.

Mag sein. Irgendwie habe ich das aber wuppen können. Durch die vielen Bücher, die im Laufe meines Lebens zustande gekommen sind, war ich irgendwann mehr Buchladen als Konditorei. Jetzt habe ich dreißig Bücher veröffentlicht. Dadurch hatten die Läden natürlich ein besonderes Image. Das half auch beim Brötchenverkauf. Aber ich machte außerdem sehr besondere Werbeaktionen. In meinem Schaufenster stand zum Beispiel 1989 ein lebensgroßer Gorbatschow aus Marzipan. Ich hatte ihm den Nobelpreis umgehängt, als man das in Oslo noch nicht angedacht hatte. Oder ich verteilte ein paar Tage lang Zahnbürsten mit einem Informationsblatt. Sinngemäß: „Nicht der Konditor ist schuld an eurer Karies, sondern die mangelnde Pflege. Ein sauberer Zahn wird nicht krank!“ Die Aktion war mit der Zahnärztekammer und der Verbraucherzentrale abgestimmt und hatte eine große Medienresonanz. Der Laden brummte.

Sie haben halbe Kontinente auf dem Rad durchquert, sind über den Ozean im Tretboot – alles im Urlaub?

Schon als Lehrling dachte ich: So willst du nicht leben. Fünfzig Wochen arbeiten, jede Woche 80 Arbeitsstunden, zwei Wochen Ferien. So war das ja nach dem Krieg. Ich habe mir darum immer unbezahlte Urlaube ausbedungen. Das funktionierte. Ich saß am längeren Hebel: Bäcker und Konditoren waren immer knapp. Außerdem gab es in vielen Läden Zeiten, in denen viel zu tun und solche, in denen nichts los war. Da war ich unterwegs. Auch als Selbstständiger. Meine Kollegen schüttelten den Kopf. „Dein Laden geht pleite, wenn du Urlaub machst.“ Aber diese Einstellung war niemals meine Philosophie. Deshalb achtete ich sehr darauf, Mitarbeiter zu haben, die bestens ohne mich auskamen. Ich musste mir nie Gedanken machen, der Laden könnte pleite sein, wenn ich nach vier Monaten wiederkam. In meiner Angestelltenzeit hatte ich in erbärmlichen Bruchbuden gearbeitet. Dort habe ich gelernt, wie man Mitarbeiter auf keinen Fall führen sollte.

Ökonomisch hatten Sie nie Sorgen?

Ich lebe nicht anspruchsvoll. Als ich den Laden verkauft hatte, hielt ich einfach mehr Vorträge. Die Bücher verkaufen sich gut, ich gab Survival-Kurse … Wichtig war mir immer, mich nicht von einer einzigen Einnahmequelle abhängig zu machen.

Das Haus hier, ein großes Grundstück …

Das habe ich mir 1980 von den Tantiemen meines Bestsellers „Überleben ums Verrecken“ gekauft. Ursprünglich war dies ein Mühlengrundstück. Das Haus war völlig heruntergekommen. Zweimal hatte man es mir schon angeboten. Zweimal hatte ich abgelehnt. Dann hatte ich mehr Fantasie. In einer großen Wanne voller Mürbeteig habe ich mir die Landschaft vorgeformt: Bäche, Wasserfälle, Teiche; Bäume, Findlinge. Ich konnte mir plötzlich vorstellen, was man daraus machen konnte.

Wie kommt man auf die Idee, Survival-Experte zu werden?

Ich wollte nie Survival-Experte werden. Den Beruf gab es ja noch gar nicht. Das hat sich einfach entwickelt. Zum einen hat mich die Kriegszeit geprägt. Ich bin 1935 geboren. Ich habe den Krieg also noch bewusst miterlebt, Flucht, zwei Jahre Internierung in Dänemark, dann zurück ins zerstörte Deutschland, die Notzeiten nach dem Krieg, vor allem den Hunger. Zum anderen war ich besessen von der Leidenschaft, allein zu reisen. Zunächst orientierten sich diese Reisen noch an Straßen und Bequemlichkeiten der Zivilisation. Ich träumte aber immer von den Einsamkeiten der Erde. Wüsten, Dschungel, Ozean. Da wagte ich mich anfangs nicht hin. Bis ich in den Sechzigerjahren in den USA auf das Wahnsinnsthema Survival stieß. Ich war begeistert. Es ist die Rückbesinnung auf Urinstinkte und Urfertigkeiten, wie jedes freilebende Tier sie besitzt. Das Überleben notfalls komplett ohne Ausrüstung, allenfalls mit improvisiertem Steinmesser und Grabstock, aber mit Insekten oder dem Verzehr der eigenen Körpersubstanz. Ich kann tausend Kilometer ohne Nahrung marschieren und verliere dann pro Tag ein Pfund Körpergewicht. Das habe ich bewiesen mit meinem Marsch von Hamburg nach Oberstdorf. Am Ziel angekommen, sah ich aus wie mein eigener Leichnam. Durch verschiedenste solcher Selbstversuche wurde ich für viele Menschen zum Ratgeber.

Lesen Sie weiter, wie Rüdiger Nehberg seine ersten harten Erfahrungen in der marokkanischen Wüste macht, zurück nach Deutschland kehrt, nur um dann seine Atlantiküberquerung zu starten - mit einem Tretboot.

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Internierung in Dänemark?

Ich bin in Bielefeld, in Westfalen geboren. Mein Vater war Banker. Er wurde nicht eingezogen, weil er – ein Geburtsfehler – ein kürzeres Bein hatte. Nachdem die deutschen Truppen Danzig besetzt hatten, wurde er dorthin versetzt. 1945 flohen wir vor den Russen von Danzig nach Dänemark in die Gefangenschaft. Dort ging es uns sehr gut. Die Dänen waren freundlich. Es gab zu essen. Das war, als wir zurück nach Deutschland kamen, deutlich anders. Ich verdiente Geld als Steineklopfer. Ich schlug den Zement ab, sodass man die Steine wieder verwenden konnte.

Ihr erster Job war Trümmerfrau.

Genau! Mein Vater wollte dann unbedingt einen Banker aus mir machen. Er steckte mich in die Kreissparkasse Münster, dort sollte ich eine Probezeit absolvieren. Es war schrecklich. Ich kann nicht stundenlang still auf einem Stuhl sitzen und fremder Leute Konten verwalten. Stillsitzen kann ich nur, wenn es um eigene Anliegen geht. Schließlich hatte meine Mutter die zündende Idee: „Du hilfst mir immer so gut in der Küche. Wie wär’s denn mit Bäcker?“ Ich war sofort einverstanden. Ich bekam eine Lehrstelle, musste keinen Hunger mehr leiden und konnte meinen Eltern Brot und Briketts mitbringen. Ich war richtig stolz, mit fünfzehn schon meine Familie versorgen zu können.

Wie kamen Sie aus der Bäckerei zum Abenteuer?

Anfang der Fünfziger öffneten sich die Grenzen. Man konnte in Europa herumreisen. Mit 17 erzählte ich meinen Eltern, ich würde nach Paris gehen. Ein Freund schickte von dort aus im Voraus von mir geschriebene Ansichtskarten, während ich mit dem Fahrrad nach Marokko fuhr. Das Rad hatte ich mir aus Resten, die ich bei einem Schrotthändler gekauft hatte, zusammengebaut.

Warum Marokko?

Ich wollte Schlangenbeschwörung lernen. Ich hatte immer schon einen Tick mit Schlangen. Ich war entsetzt, als ich sah, dass man ihnen die Münder zugenäht hatte. Eine Schlange kommt lange ohne Lebensmittel aus. Starb sie, wurde eine neue beschafft, ihr wurde der Mund zugenäht oder die Zähne gezogen und so ging es fort. Ich hatte nur eine Mark pro Tag zur Verfügung. Ich schlief im 1 000-Sterne-Hotel unter freiem Himmel und aß Brot und Tomaten. Die Reise war sehr eindrucksvoll, anstrengend, ja qualvoll. Mein Hintern war wund. Die Arme waren vereitert, weil ich die Ärmel aufgekrempelt hatte. Ich wurde krank unterwegs. Araber nahmen mich sehr freundlich auf, kurierten mich und stellten mich nach zwei Tagen wieder auf die Beine. Als ich zurück nach Hause kam, waren meine Eltern überrascht, entsetzt und schließlich erfreut. Von da an hatte ich Narrenfreiheit. Ich wechselte oft meine Arbeitgeber, wollte möglichst viele unterschiedliche Betriebssysteme kennenlernen. Irgendwann ging ich dann nach Hamburg. Das internationale Treiben war genau meine Welt. In Münster hatte es nur Beamte, Studenten und Geistliche gegeben. Da war ich ein Außenseiter. In Hamburg war ich Kosmopolit wie viele Hamburger. Vor allem gab es Volkshochschulen mit Angeboten, die einen Katalog von der Dicke eines Telefonbuchs füllten. Ich war dort Dauerkunde.

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Hatten Sie von Heinz Helfgen „Ich radle um die Welt – Von Düsseldorf bis Burma“, erschienen Anfang der Fünfzigerjahre, gelesen?

Natürlich. Das war der Auslöser für meine Fahrraditis. Er war der Erste gewesen, der nach dem Krieg solche Touren gemacht hatte und darüber schrieb. Ich dachte: Mensch, mit dem Fahrrad! Mehr braucht man nicht! Das musst du auch mal probieren. So kam es zu der Marokko-Tour und anderen.

Wie kommt man auf die Idee, den Atlantik mit einem Tretboot zu überqueren?

Hannes Lindemann hatte 1956 den Atlantik in einem Faltboot überquert. Das hatte mir sehr imponiert. Aber die ganze Zeit nur auf dem Hintern sitzen im schmalen Boot – das war nichts für mich. Dann hatte ich die rettende Idee mit dem Tretboot. Da bewege ich die Beine, ich kann mich auch mal hinstellen und „spazieren“ gehen. Lindemann hat eine große Pionierleistung erbracht und ist ein großes Risiko eingegangen. Bei mir war das vergleichsweise risikolos, idiotensicher. Mein Boot war unsinkbar. Ich hatte eine wetterfeste Kabine und genug zu essen und zu trinken. Auch die Fahrzeuge meiner anderen Ozeanüberquerungen – ein Bambusfloß und der massive Baumstamm – waren völlig sicher. Ich bin kein Ingenieur, also habe ich alles ausprobiert. Ich machte mir Modelle und testete sie auf meinem Bach. Ich drehte die Schleusen meines Sees auf und zauberte Sintfluten. Wenn ich merkte, das kentert zu leicht, machte ich es breiter. So einfach ist das.

Die Atlantikwellen konnten Sie aber in Ihrem Hausbach schlecht simulieren.

Okay, die sind anders. Auf dem Ozean kommen sie auf einen zu: gewaltig, weit ausholend. Ach du Scheiße, denkt man. Aber dann ist man, bevor man Scheiße zu Ende gesprochen hat, ganz oben. Sie haben sich unter dem Schiff hindurchgeschoben und es sanft in die Höhe gehoben. Von dort blickt man erhaben wie der Meeresgott Neptun in die Weite, geht mit der Welle nach unten und mit der nächsten wieder nach oben. Riesenradmäßig. Das ist gewöhnungsbedürftig. Richtig gefährlich aber ist es erst, wenn man sich dem Land nähert. Da überschlagen sich die Wellen und begraben einen unter sich. Wenn man Pech hat.

Wie sind Sie an Land gekommen?

Nach zweieinhalb Monaten sah ich vor mir die Küste Brasiliens. Gischt, Gischt, Gischt. Ich sehe durchs Fernglas: immer noch Gischt, Gischt, Gischt. Nichts wie weg! Ich bin nicht mehr auf die Küste zugetreten, sondern habe das Boot parallel zur Küste bewegt. Auf einmal war es zwischen zwei kleinen Inseln ruhiger. Da bin ich durchgestrampelt. Wo genau ich angekommen war, wusste ich nicht. Ich navigierte bei der ersten Reise noch per Sextant. Und weil ich, auch aus Angst, ständig seekrank war, waren die Werte nur sehr ungenau. Aber das spielte keine Rolle. Amerika oder auch Brasilien kann man nicht verfehlen. Es erstreckt sich mit voller Dreistigkeit von Nord bis Süd.

Sie haben den Ozean auf einem Tretboot überquert mit Angst vor Wasser?

Ich bin kein Wassertyp. Ich werde sofort hektisch und kriege Schnappatmung. Deshalb sah ich in den Überquerungen auch Herausforderungen, den inneren Schweineschnapphund zu besiegen. Ich hatte von Lehrgängen der Marinepiloten bei Cuxhaven und der Kampfschwimmern in Eckernförde gehört. Sie lernen das richtige Verhalten beim Absturz ihrer Flugzeug ins Meer. Oder wie man aus Menschen Delfine macht. Die Erlaubnis zur Teilnahme war ihr Beitrag zur Unterstützung der Yanomami-Indianer. Ich lernte, mich stundenlang über Wasser zu halten, ohne dass das Kraft kostet. Erste Regel: Unbedingt den Overall anbehalten, ihn oben am Hals dicht zuschnüren und Luft hineinblasen. So bildet sich auf dem Rücken ein dickes Luftpolster, das einen trägt. Bei einer anderen Übung lernten wir, was wir zu tun hatten, wenn das Cockpit unter Wasser gerät. Wenn man das ein paar Mal gemacht hat, wird es ganz einfach. Ich bin nicht über den Atlantik gefahren, sondern hinübergegangen. Durch das Training hatte der Ozean Balken bekommen.

Sie waren bei den Ozeanüberquerungen mit dem Baumstamm und mit dem Tretboot immer ganz allein. Fühlt man sich da nicht einsam? Nur beim Bambusfloß wurden sie von der Seglerin Christina Haverkamp begleitet.

Nein. Es gab immer zu tun. Navigieren, angeln, kochen, einmal die Woche mit Norddeich Radio telefonieren, Tagebuch schreiben, Reparaturen ausführen. Ich habe sogar Überstunden gemacht. 24 Stunden pro Tag. Wie soll da Langeweile aufkommen?

Im nächsten Abschnitt lesen Sie, wie Nehberg allein und ohne Ausrüstung den Dschungel des Amazons durchquerte, wie er zum Glauben steht und welche Pläne er für sein Ableben hat.

Warum haben Sie das alles getan?

Abenteuer mit Sinn – das wurde meine Lebensphilosophie. Die richtige Kombination von verrückt, abenteuerlich, ein bisschen riskant, aufregend. Das Sinnvolle war, einen Brief von Amnesty International und Greenpeace über den Ozean zu strampeln und ihm Gehör zu verschaffen. Ein Appell an den Staatspräsidenten, die Yanomami-Indianer zu schützen, wie es ihm sein Grundgesetz vorschreibt. Per Post wäre der Brief garantiert „verloren“ gegangen.

Wie lange dauerten denn die Fahrten?

Mit dem Tretboot 72 Tage, mit dem achtzehn Meter langen Baumstamm und Segel brauchte ich nur 43 Tage. Die längste Reise war die mit dem Bambusfloß und Christina als Kapitänin: von Senegal bis vors Weiße Haus in Washington. Viereinhalb Monate. Allerdings mit Zwischenlandungen.

Warum musste es ein 350 Jahre alter Baumstamm sein?

Er musste nicht. Er war es. Ein Schweizer Förster schenkte ihn mir. Er sagte: „Wenn dieser Baum mit Ihrer Aktion seine Baumgeschwister im Regenwald drüben auf der anderen Seite des Ozeans zu retten hilft, dann ist das doch eine schöne Sache.“ So kam ich zu dem Baum.

Sie waren seekrank, sagten Sie.

Ja. Ich bin der Weltmeister in dieser Disziplin. Die Fische duzen mich längst. Bestimmt fragen sie sich inzwischen: „Wo bleibt denn dieser Bäcker, der uns dreimal täglich gefüttert hat?“ Durch die Krankheit hatte ich ständig Fische um mich herum. Sie schnappten meine milde Gabe, ich harpunierte mir einen von ihnen, aß ihn auf, spuckte ihn zurück. Kreislauf der Natur.

Mögen Sie sich?

Ich kann mich ja nicht ändern. Jeder mag sich doch.

Sie waren 68, als Sie sich mit dem Hubschrauber mitten im Regenwald des Amazonas absetzen ließen. Ohne Ausrüstung.

Davon hatte ich Jahre geträumt. Als ich bei den Yanomami war, nahmen die mich mal mit auf die Jagd. Sie sahen Affen, die sie mit Pfeil und Bogen schießen wollten. Ich wollte das fotografieren, trat einen Schritt zurück. Auf einen Ast. Knack, und die Affen waren weg. Die Indianer waren stocksauer und schickten mich zurück. Ich sagte, ich finde den Weg zurück nicht. „Aber jeder Baum sagt dir doch, wo es nach Hause geht!“ – „Mir sagen die Bäume nichts!“ Ein kleiner Knirps lief vier Stunden vor mir her und brachte mich sicher ins Dorf zurück. Das war natürlich eine sympathische Demütigung. Ein unvergessliches Lehrstück. Und ich dachte: Das möchte ich auch mal können. Ohne alles im Urwald überleben! Wie jedes Tier. Ich hatte das immer wieder zurückgestellt. Aber als ich 68 wurde, merkte ich, dass meine Kräfte nachlassen. Ich musste es also jetzt machen, oder ich würde es nie machen können.

Wo landeten Sie denn?

Wir landeten nicht, sondern ich ließ mich an einem langen Seil hinab. Von oben hatte der Landeplatz ausgesehen, als sei es sehr flaches Gestrüpp. In Wahrheit landete ich in einem Dornendickicht. Ich blutete, und Heerscharen von Fliegen stürzten sich auf meine Wunden und legten dort ihre Eier ab. Am nächsten Tag tat mir alles weh. Es entwickelten sich Furunkel. Es kam aber kein Eiter heraus. Erst nach ein paar Tagen kamen Larven aus den Schwellungen. Eine habe ich noch hier. Groß wie ein Engerling. Das ist die Larve der Dasselfliege. Die Indianer nehmen, das erfuhr ich dann später, eine Speckschwarte und binden sie fest auf die Wunde. Der Larve wird die Luftzufuhr abgeschnitten, sie kehrt um in Richtung Speckschwarte, frisst sich hinein und kann so gefangen werden.

Woher wussten Sie, wohin Sie gehen müssen?

Das war supi einfach nach der Faustregel: Alle Flüsse Nordbrasiliens fließen in den Amazonas. Weit vorher trifft man auf Menschen. Ganz simpel.

Glauben Sie an Gott?

Ja. Manchmal liegt man im Urwald in einer Hängematte, denn auf dem Boden sollte man lieber nicht schlafen, und denkt: Alles hat seine große Bedeutung. Ob Fußpilz oder Malariamücke. Ich würde die Malariamücke zum Weltkulturerbe erklären. Ohne sie hätte der Mensch schon alle Wälder abgeholzt. Ich glaube an diese große Kraft, die sich das Ganze, das Universum, die Welt, den Menschen ausgedacht hat.

Kümmert diese große Kraft sich um Sie?

In Form zahlreicher Schutzengel hat mein Schöpfer sich sehr um mich gekümmert. Ich habe 26 bewaffnete Raubüberfälle überlebt. Die Hälfte mit Survival-Wissen, die anderen mit Glück.

Sie werden, haben Sie erklärt, sich umbringen, bevor sie pflegebedürftig werden.

Ich habe verschiedene Vorsorgen getroffen, damit ich nicht unwürdig ans Bett gefesselt, vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln und zum Nutzen profitorientierter Mediziner dahinvegetiere. Dazu gehört die Patienten-Verfügung. Meine Frau Annette hat mir versprochen, dass mein Leben nicht künstlich verlängert werden wird. Und darüber hinaus habe ich mein Wissen um das Final Survival, den selbstbestimmten Kompostierungsprozess. Meine indianischen Freunde im Regenwald Brasiliens haben mir gesagt, komm zu uns, wenn du siehst, dass es zu Ende geht. In Äthiopien haben mir die Afar-Nomaden das gleiche Angebot gemacht. Beide Völker sind mir sympathisch. Vielleicht teile ich mich vor dem Tod. Es gibt für mich viele Möglichkeiten, unnötigem Siechtum zu entgehen. Aber keine Sorge! Noch habe ich sehr viel vor.

Im Jahr 2000 gründeten Sie die Organisation Target, um den Kampf gegen die Genitalverstümmelung aufzunehmen.

Target will nicht eine bestimmte Sicht des Westens auf einen orientalischen Brauch exportieren. Target möchte denen in den islamischen Ländern helfen, die in der Genitalverstümmelung der Mädchen ein Verbrechen, ein Verbrechen auch gegen ihren Glauben sehen. Wir helfen bei der Verbreitung dieser Einsichten. Der Widerstand gegen die Genitalverstümmelung muss aus diesen Ländern selbst, muss von den Betroffenen kommen. Sie müssen reden und ihre Kollegen überzeugen. Wir sind nur die Vermittler.

Was ist das hier für ein Buch?

Im November 2006 hatten wir eine Konferenz an der Al-Azhar-Universität in Kairo organisiert. Die Schirmherrschaft hatte der ägyptische Großmufti Ali Gum’a übernommen. Bei diesem Treffen verurteilten die führenden islamischen Rechtsgelehrten die Praxis der Genitalverstümmelung. Dieses kleine grüne Buch, wir nennen es das Goldene Buch – hier sehen Sie den Goldschnitt und die wertvolle Aufmachung –, dokumentiert die Reden auf Arabisch, Französisch und Englisch. Es gibt eine andere Ausgabe, da ist auch Deutsch dabei. Das Buch ist gedacht als Predigtvorlage für die Imame dieser Welt. Wir sind jetzt damit beschäftigt, die Reden in die verschiedensten Stammessprachen zu übertragen, sodass überall in der islamischen Welt die Menschen sehen, dass die Verstümmelung der Mädchen kein islamischer Brauch ist, nicht einer göttlichen Vorschrift, sondern lokalen Traditionen folgt und Sünde ist für wahre Muslime. Im März 2009 hat eine der größten Autoritäten des sunnitischen Islams, der in Katar lebende Yusuf al-Qaradawi, auf unsere Initiative hin eine Fatwa ausgesprochen, in der er die genitale Verstümmelung von Mädchen als Teufelswerk verurteilt. Sie sei unter allen Umständen verboten, sie verstoße gegen die Ethik des Islams.

Wie geht es weiter?

Im Juni eröffnen wir beim Volk der Afar ein medizinisches Zentrum für Mädchen und Frauen in der Danakilwüste. Das Goldene Buch soll eine Homepage erhalten und irgendwann in allen Sprachen abrufbar sein. In Mekka möchte ich, zusammen mit dem saudischen König, ein Transparent über der Kaaba spannen: „Weibliche Genitalverstümmelung ist Sünde. Sie beleidigt Allah und den Islam.“ Jedenfalls habe ich mehr Pläne als Restlebenszeit und als Sie Platz haben in Ihrer Zeitung. Es lebe die Vielfalt und das Risiko!

Das Interview führte Arno Widmann.

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