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Kommentar: Warum unsere Kinder so viel mehr über den Mord von Herne wussten

Fahndungsplakat Marcle H mit Pixl

Mit diesem Plakat suchte die Polizei nach Marcel H.

Foto:

dpa

Vor dem Frühstück hatte ich noch geglaubt, dass meine Söhne und ich in der gleichen Welt leben. Danach wusste ich es besser.

Fünfzehn Minuten haben meine Kinder morgens Zeit zum Frühstücken, bevor sie zur Schule aufbrechen. Fünfzehn Minuten haben genügt, um eine Gewissheit für immer zu zertrümmern.

Zugang zum Darknet

Der Moment der Wahrheit kam mit den Sieben-Uhr-Nachrichten. Im Radio wurde der Fall des Gewalttäters von Herne besprochen, der einen Neunjährigen getötet haben soll und der sich der Polizei gestellt hatte. Der Nachrichtensprecher verlas noch einmal die Umstände der Tat. Und dass der 19-Jährige ein Video von der Tat im sogenannten Darknet veröffentlicht haben soll. Einem Teil des Internets, das für den „normalen“, also durchschnittlichen Internetbesucher eher unzugängliches Gebiet ist. Wie der Name schon nahelegt, werden hier die dunklen Geschäfte abgewickelt, Waffenhandel und Drogendeals etwa. Der Täter von Herne passt, nach allem, was von ihm zu lesen war, gut dorthin. In den bösen Teil des Internets. Den Teil, zu dem meine Kinder keinen Zugang haben. Ich war naiv.

Informationen über WhatsApp

Mit der beiläufigen Herablassung, zu der vor allem 16-Jährige fähig sind, erklärte mein älterer Sohn, dass an dem Radiobericht ziemlich viel falsch sei. Es gebe kein Tatvideo, sondern Bilder. Diese seien nicht nur im Darknet, sondern auch auf der ziemlich populären Plattform 4chan hochgeladen worden. Wie sich herausstellte, ist der Kriminalfall unter seinen Freunden und Klassenkameraden in den vergangenen Tagen ausführlich diskutiert worden.

Grundlage waren die Informationen aus erster Hand, die die Jugendlichen über WhatsApp teilten. Mein Sohn kannte Äußerungen des Täters, die noch in keiner Zeitung standen. Das Foto mit dem Opfer hatte er nicht gesehen, sagte er. Auch der Jüngere schüttelte den Kopf. Aber vielleicht wollten sie mich auch nur schonen, weil sie sahen, wie fassungslos ich war. Ich bin es noch.

Die Ahnungslosigkeit der Eltern

Es gibt den Werbespot einer EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz. Da öffnet eine arglose Frau Rechtsradikalen, Kinderschändern und bis an die Zähne bewaffneten Mutanten die Haustür und erklärt ihnen auf Nachfrage („Wo ist Klaus?“) den Weg ins Kinderzimmer. Ich fühle mich im Moment, als wäre ich diese ahnungslose Mutter im Spot.

Ein 19-jähriger mutmaßlicher Gewalttäter kommuniziert mehr oder weniger direkt mit meinen Kindern, und ich kriege es nicht mit. Der Werbespot der EU-Initiative endet mit der Mahnung: „Im richtigen Leben würden Sie Ihre Kinder auch schützen“ und rät zu – ja, zu was eigentlich?

Eltern sind immer einen Schritt hinterher

Auf der entsprechenden Webseite klicksafe.de werden Initiativen vorgestellt, wie man Kinder dabei unterstützt, wenn sie sich „Schritt für Schritt“ dem Internet nähern. Das eigentliche Problem aber scheint eher zu sein, dass Kinder ihren Eltern in Sachen Internet immer einen Schritt voraus sind.

Natürlich haben Jugendliche nicht gerade viel Lust, sich ihren Eltern zu erklären. Hatten wir ja damals auch nicht. Aber wir hätten beim heimlichen Rauchen oder Knutschen noch erwischt werden können. Den Digital Natives zu folgen, ist für Eltern erheblich schwieriger.

Sind Kontrollen die Lösung?

Sie kommunizieren mit ihresgleichen vor allem in WhatsApp-Gruppen und auf Internetforen, die mal aufpoppen und dann wieder verschwinden – wie die sogenannten Beichtseiten, über die wir in dieser Woche berichtet haben. Einige Schulen haben aufgrund dieser Berichterstattung Diskussionsrunden mit ihren Schülern veranstaltet. Gut möglich, dass diese Seiten bald schon wieder out sind. So ist es ja immer – wenn wir Erwachsene etwas mitkriegen, ist der Trend im Internet schon am Abflauen.

Zu Grundschulzeiten gab es mal einen Elternabend, in dem darauf hingewiesen wurde, dass WhatsApp Mobbing fördere. Einige Mütter erklärten, dass sie die Nachrichten ihrer Kinder kontrollierten und regten an, das Gleiche zu tun. Ist das die Lösung? Permanente Überwachung? Gibt man bei Youtube den Suchbegriff „Internetsperre“ ein, wird einem „Internetsperre umgehen“ angeboten. Zu diesem Thema gibt es 3750 Ergebnisse. Kinder, wir müssen reden.