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Leben in Gemeinschaft: Ein Bauernhof für die freie Liebe

„Diese Art Offenheit macht uns freier.“ Konstantin Stavridis und Saskia Mieszkalski auf dem Hof, auf dem sie seit einem Jahr leben.

„Diese Art Offenheit macht uns freier.“ Konstantin Stavridis und Saskia Mieszkalski auf dem Hof, auf dem sie seit einem Jahr leben.

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Paulus Ponizak

Berlin -

Das Experiment – Konstantin Stavridis würde wahrscheinlich sagen: die Vision – wohnt auf einem idyllischen Hof im Süden Berlins. Ein großes Wohnhaus, Speicher, kleinere Anbauten, ein Hektar Land, hier ist Raum für Ideen, auch unkonventionelle. Konstantin Stavridis lebt hier mit seiner Freundin Saskia Mieszkalski und bald einem Dutzend anderer Menschen. Sie sind alle befreundet und einige praktizieren ein Beziehungskonzept, das, so formuliert es Stavridis, „die Befreiung des erotischen Selbst“ beinhaltet. Sprich: die freie Liebe.

Vor genau einem Jahr sind die beiden auf den Vierseithof gezogen, dessen genaue Lage sie lieber nicht geschrieben sehen wollen. Nicht alle Bewohner des Hofs legen Wert auf Öffentlichkeit. Konstantin Stavridis, Jahrgang 1969, Sohn griechischer Einwanderer, und seine neun Jahre jüngere Freundin Saskia Mieszkalski haben hier den Ort gefunden, an dem sie ihre Vision verwirklichen wollen: ein selbstbestimmtes Leben mit eigenem Obst und Gemüse, eigenen Hühnern und einem Hofladen – aber auch mit erotischen Beziehungen zu mehr als einem Menschen.

Das Interesse an ihrer Idee und den angebotenen Seminaren sei jetzt schon größer, als das Raumangebot des Hofes tragen kann, sagt Stavridis. Er könne sich vorstellen, dass sich Gleichgesinnte auch in nahe gelegenen Wohnungen, Einfamilienhäusern und Nachbarhöfen ansiedeln.

Keine Kommune

Den Begriff Kommune vermeiden sie. Der klingt zu sehr nach Alt-Achtundsechzigern, nach Kommune 1 und Rainer Langhans. Nach einem Liebes- und Beziehungsmodell, das sich nicht selten als ähnlich kompliziert erwies wie die Monogamie.

Auf die offene Liebe will sich die Gemeinschaft – diese Bezeichnungen haben sie gewählt – nicht reduzieren lassen, ihr Ansatz ist ganzheitlicher: Ihr Miteinander soll mehrere Generationen umfassen, hier soll geboren, gelebt und gestorben werden, „ohne Pflegeheime und Einsamkeit“, sagt Stavridis. Und es soll ein Leben sein, in dem Besitz keine große Rolle spielt: „Die Konsumindustrie weckt ständig neue Bedürfnisse, von denen sich unglückliche Menschen Befriedigung versprechen“, fährt Stavridis fort. „Aber wirklich glückliche Menschen brauchen keine materielle Ersatzbefriedigung.“ Viel wichtiger sei ein authentischer Umgang mit Liebe, der die gelebte Praxis und nicht die offiziellen Beziehungsverhältnisse widerspiegele.

Kurz und ernüchternd also: Wer von sich sagt, in einer monogamen Beziehung zu leben, belügt meistens sowieso entweder sich selbst oder den anderen. So in etwa müsste man Stavridis’ eloquente und mitunter nicht für jeden eingängig formulierte Beziehungsanalyse wohl zusammenfassen. Das Modell, das für sie beide aus dieser Erkenntnis resultiert, sieht so aus: Mieszkalski und Stavridis wollen heiraten, sie haben eine zweijährige Tochter, sie haben aber auch Geliebte und pflegen erotische Freundschaften. Mieszkalski hat zurzeit einen Geliebten und eine erotische Freundschaft, Stavridis eine Geliebte und drei erotische Freundschaften. Man muss Stavridis hier kurz unterbrechen, wo genau liegt da der Unterschied? Erotische Freundschaft ziele weniger auf Beziehung ab und komme ohne Verliebtheit aus, sagt er. Nicht selten kennt man sich untereinander oder lernt sich kennen. Erst vor ein paar Wochen hatte die Ehefrau von Mieszkalskis Geliebtem die Idee zu einer gemeinsamen Geburtstagsfeier. „Das Wochenende gab uns viel Kraft“, so das nicht unbedingt erwartbare Fazit der beiden.

Für konventioneller lebende Menschen irritierend ist nicht nur das Lebenskonzept des Paares, sondern auch, wie sachlich, geradezu akademisch sie darüber reden. „Offene erotische Begegnungsräume sind ein bedeutendes Kulturgut, das uns zu großen Teilen verloren gegangen ist“, sagt Stavridis, „Monogamie ist weder Dogma noch gängiges Verhaltensmuster menschlicher Gesellschaften.“ Dann zählt er Kulturen und Gemeinschaften auf, in denen Beziehungen mit mehreren Partnern und polygame Ehen gesellschaftlich akzeptiert waren und sind.

Von alternativen Aussteigertypen sind Stavridis und Mieszkalski tatsächlich weit entfernt. Sie investieren viel Zeit und Geld in den Hof, Geld, das Stavridis mit seiner Großhandelsfirma verdient, er importiert Schmuck und Edelsteine aus Indien. Die gelernte Betriebswirtin Mieszkalski ist ergebnisorientiert, kann Projekte leiten und organisieren. Erst vor ein paar Tagen kam Stavridis aus Jaipur zurück, wo er mit einer indischen Firma kooperiert. Nicht ohne Stolz spricht er vom beantragten Fair-Trade-Siegel, weil sie ohne Kinderarbeit und umweltschädliche Substanzen in der Produktion arbeiten, die 20 Goldschmiede überproportional und mit Jahresbonus bezahlen und die Manufaktur für einen Monat im Jahr geschlossen bleibt

Vor fünf Jahren lernten sie sich kennen: der langhaarige kreative Freigeist, studierter Chemiker, der gern philosophiert, und die eher distanziert wirkende, strategisch denkende frühere Managerin, die bei Leipzig groß wurde. Schnell merkten sie, dass sie im anderen einen Seelenverwandten gefunden hatten. Inspiriert von „Die Kunst des Liebens“, dem zum Klassiker gewordenen Buch des Psychoanalytikers Erich Fromm, gründen sie mit Gleichgesinnten das sogenannte Liebeskunstnetzwerk.

Sie geben Seminare mit Titeln wie „Wer und wo ist die Liebe deines Lebens?“, „Intimität & Freiheit“ oder „Die Suche nach dem authentischen Selbst“. Es geht um Liebe, Beziehung und Sexualität – und nicht, das ist ihnen wichtig, um Sex. „Wir sind weder Tantriker noch Swingerclub noch eine religiöse Angelegenheit. Rituale und Räucherstäbchen sind nicht unsere Welt und wir therapieren nicht. Uns geht es um Grenzerfahrungen und Selbsterkenntnis, um Liebe und Verantwortung – und um Gemeinsinn“, sagt Stavridis.

Dass sie mit gesellschaftlichen Normen nicht viel anfangen können, haben beide als junge Erwachsene gemerkt. Stavridis, der in Dortmund aufwuchs, hielt es nach seinem Chemiestudium nicht am Max-Planck-Institut, er meditierte lieber in einem indischen Ashram und lebte vier Jahre in einer offenen Beziehung. Saskia Mieszkalski brach ihr Kunststudium ab, weil sie keine Lust hatte, die eigene Kreativität zu verkaufen. Sie wechselte zu Betriebswirtschaft und wurde Qualitätsmanagerin in einem Software-Unternehmen. Als sie auf dem Jakobsweg pilgerte, blieb sie ein halbes Jahr lang in einer alternativen Gemeinschaft hängen. Sieben Jahre lang hatte sie zuvor eine monogame Beziehung geführt, „eine Zeit, in der ich nicht besonders glücklich war.“ Als ihre erste große Liebe fremdging, reagierte sie weder panisch noch ängstlich: „Ich dachte einfach, okay, es war im Urlaub.“

Als sie während der Schwangerschaft keine Lust auf Sex hatte, schlug sie Konstantin Stavridis von sich aus vor, sich mit einer anderen Frau zu treffen. Er tat es. „Diese Art Offenheit macht uns freier und verändert uns positiv“, sagt Saskia Mieszkalski. Misstrauen von außen begegnet sie routiniert. „Natürlich knurren wir uns manchmal an, sind eifersüchtig und verletzt. Aber darin unterscheiden wir uns nicht von anderen Paaren.“

Liebeskunst auf Samos

Bei Tee und Keksen in der gemütlichen Wohnküche fühlt man sich dann auch nicht, als sei man bei einer ungewöhnlichen Familie zu Gast. Saskia Mieszkalski weiß, dass sie in erster Linie nicht als Familienmensch wahrgenommen wird. „Dabei habe ich ein großes Bedürfnis nach familiärer Nähe. Ich liebe auch meine Rolle als waschende, kochende Frau und seine Rolle als Versorger.“ Wenn sie Konstantin Stavridis morgens den Kaffee ans Bett bringt, dann reden sie ein bis zwei Stunden lang – über sich, ihre Beziehungen, über den Hof und ihr demnächst anstehendes Liebeskunstseminar auf der griechischen Insel Samos.

Auch wenn ihnen gemeinsame Gespräche mit ihren „Geliebten“ und in der Gemeinschaft auch wichtig sind, ihre Beziehung sei es noch mehr, sagt Saskia Mieszkalski. Im Moment jedenfalls: „Was ist, das ist. Und was kommt, das kommt.“