30.01.2012

Mager-Model Twiggy: "Früher sah ich seltsam aus"

Alles very british: Twiggy plus Mini.
Alles very british: Twiggy plus Mini.
Foto: dpa

Das ehemalige Topmodel Twiggy krempelte in den 60er Jahren das Schönheitsideal komplett um - von kurvig zu spindeldürr. Jetzt ist Twiggy 62, modelt immer noch und präsentiert ihr neues Album. Im Interview spricht sie über ihre Figur, Diäten und ihre glückliche Kindheit.

In den 60er Jahren revolutionierte Lesley Lawson als "Twiggy" die Modelwelt. Plötzlich waren kurvige Figuren á la Marilyn Monroe out, superdünn und fast schon jungenhaft war en vogue. Heute geht Twiggy als Magermodel längst nicht mehr durch. Die 62-jährige Britin trägt jetzt Größe 40. Im Gegensatz zu vielen Kolleginnen steht sie zu ihren Falten. Ihre Natürlichkeit macht die Britin beim Gespräch in einem Berliner Hotel ebenso sympathisch wie ihr lautes Lachen. Auf ihrem neuen Album „Romantically yours“ kehrt die Sixties-Ikone dagegen ihre romantische Seite heraus.

Twiggy, Sie singen seit vielen Jahren. Auch Carla Bruni oder Eva Padberg haben CDs veröffentlicht. Warum zieht es Models immer wieder ins Musikgeschäft?

Es genügt in unserem Job nicht, nur schön zu sein. Wir brauchen Ausstrahlung, bei jedem Fotoshooting müssen wir eine gute Performance abliefern. Nichts anderes wird doch von einer Sängerin erwartet, die auf die Bühne geht. Oder von einer Schauspielerin. Insofern finde ich es ganz selbstverständlich, zwischen diesen Welten zu pendeln.

Sie verdanken Ihre Karriere Ihren legendären Aufnahmen aus den 1960ern. Waren Sie das erste Supermodel?

Ich glaube, dieser Begriff existierte damals noch gar nicht. Mein weltweiter Ruhm war eher die Ausnahme. Einzig meine Vorbilder Jean Shrimpton und Veruschka standen schon vor mir als Models in der Öffentlichkeit.

Twiggy - das Supermodel der 60er

Bildergalerie ( 8 Bilder )

Die beiden waren nicht so dürr wie Sie. Man hat Ihnen vorgeworfen, den Magerwahn der Models ausgelöst zu haben.

Ich habe nie gesagt: „Ihr müsst alle so aussehen wie ich.“ Das Schönheitsideal wird ohnehin von Designern und Modemagazinen festgelegt, nicht von mir. Ich hoffe, die Verantwortlichen bewahren die Mädchen künftig davor, dass sie sich zu Tode hungern. Andererseits leidet nicht jedes Model an einer Essstörung. Wer groß ist, hat oft von Natur aus einen extrem schlanken Körper.

Wie sehr mussten Sie sich quälen, um Ihre Figur zu halten?

Überhaupt nicht. Ich habe immer viel gegessen. Weder durch Süßigkeiten noch durch Kuchen nahm ich zu. Deshalb brauchte ich keine Diät zu machen.

Fanden Sie sich als Teenager eigentlich schön?

Ich sah mit meinen großen Augen und den dünnen Beinchen seltsam aus. Aber als Model habe ich von meinem einzigartigen Look profitiert.

In der Jury bei "America's Next Topmodel"

Waren Sie auf der Suche nach der nächsten Twiggy, als Sie bei „America's next Top Model“ in der Jury saßen?

Oh Gott, nein. Eine Kopie von mir fände ich langweilig. Ich habe mich bei jeder Kandidatin gefragt: Wie weicht sie vom Durchschnitt ab? Hat sie etwas Besonderes?

Sie wirkten als Jurorin ungewöhnlich sympathisch.

Die Rolle der Bösen habe ich von vornherein abgelehnt. In allem etwas zu suchen, gegen das man sein kann – so bin ich nicht. Ich trete zwar für meine Überzeugung ein. Aber zu rebellieren ist nicht meine Art. Ich bin eher eine friedliebende Konformistin.

Selbst in den Swinging Sixties galten Sie als brav. Mochten Sie keine Exzesse?

Zur Person
        

Twiggy im Jahr 1966.

Lesley Lawson, 62, wurde 1966 als Model entdeckt. Unter dem Künstlernamen Twiggy galt sie als Gesicht der Sixties. 1970 bekam die Tochter eines Zimmermanns und einer Verkäuferin ihre erste Hauptrolle in einem Film.
Mit ihrem zweiten Ehemann Leigh Lawson lebt sie in London und Suffolk. Ihr verstorbener Mann, der amerikanische Schauspieler Michael Witney, ist der Vater ihrer Tochter Carly.
Noch heute modelt sie und setzt sich dafür ein, dass sich Frauen mit über 60 noch modisch kleiden können.

Ich wollte nicht wild sein, sondern normal. Dass ich nicht ausgeflippt bin, liegt vermutlich an meiner glücklichen Kindheit. Ich bin sehr behütet aufgewachsen. Alkohol war bei uns verpönt. Mein Vater hat sich höchstens mal Weihnachten ein Bier gegönnt. Auch ich habe nie leichtfertig getrunken oder Drogen genommen.

Warum hat es ein so solides Mädchen wie Sie ausgerechnet ins Modelgeschäft gezogen?

Ich träumte nicht seit Kindheitstagen davon zu modeln. Meine Eltern gehörten ja zur Arbeiterklasse. Realistisch gesehen hatte ich also keine Chance, vor der Kamera zu stehen. Denn das war während meiner Jugend den höheren Töchtern aus der Mittel- oder Oberschicht vorbehalten. Bis ich zufällig entdeckt wurde und sich mir eine einmalige Gelegenheit auftat. Da habe ich natürlich nicht Nein gesagt.

Wie hart haben Sie den Konkurrenzkampf empfunden?

Ach, zu meiner großen Zeit war der Druck nicht so hoch. Das hat sich inzwischen geändert, weil jedes kleine Mädchen Kate Moss nacheifern will. Auf alle Jobs kommen viele Bewerberinnen, darum ist der Wettbewerb gnadenlos.

Sind Sie froh, dass Ihre Tochter Carly Lawson einen anderen Weg eingeschlagen hat?

Sie studierte Animation, jetzt arbeitet sie für Stella McCartney. Wenn sie sich fürs Modeln entschieden hätte, wäre das für mich völlig okay gewesen. Allerdings hätte sie es in diesem Metier ziemlich schwer gehabt. Es ist für die Kinder berühmter Eltern immer ein Wagnis, in die Fußstapfen ihres Vaters oder ihrer Mutter treten zu wollen.

Das Gespräch führte Dagmar Leischow.

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