Tablet-Angebote und E-Paper

Mordfall Yangjie Li: Dessauer Polizeichef unter Vertuschungsverdacht

149170002F9A66DB

Spurensuche in Dessau

Foto:

dpa

Berlin -

Am Montag hat Holger Stahlknecht die Reißleine gezogen. Sachsen-Anhalts Innenminister untersagte dem Leiter des Dessauer Polizeireviers die weitere Ausführung seiner Dienstgeschäfte. Jörg S. werde „dem moralischen Anspruch und der Vorbildfunktion als Führungskraft in der Polizei nicht gerecht“, sagte Christdemokrat Stahlknecht. Der Mann und seine Frau Ramona S., die ebenfalls als Polizistin in dem Revier arbeitet, hatten am Freitag ein Gartenlokal wiedereröffnet und gefeiert – als Nebenerwerb und just einen Tag nachdem in der Stadt eine Trauerfeier für die ermordete chinesische Studentin Yangjie Li stattgefunden hatte. Als dringend tatverdächtig gilt kein Geringerer als der 20-jährige Stiefsohn des Polizeichefs. Er soll die Chinesin getötet haben, unterstützt von seiner Partnerin. Auch der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Sachsen-Anhalt, Uwe Petermann, kritisiert die Abberufung nicht. Die Feier sei „nicht tolerierbar“, findet er.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ausländer oder andere vermeintlich Randständige in Dessau und Umgebung ums Leben kommen. Es sind auch nicht die ersten Ungereimtheiten. Razak Minhel hat deshalb „ein bisschen Angst“. „Es gibt Unsicherheit bei den Migranten“, sagt der Leiter der Multikulturellen Zentrums in der 80000-Einwohner-Stadt, gepaart mit „Misstrauen gegenüber der Staatsanwaltschaft und der Polizei“. Er selbst fühle sich „nicht wohl“.

Der aktuelle Fall beginnt am 11. Mai. Damals war Yangjie Li in Dessau joggen gegangen – und nicht zurückgekehrt. Ihre Leiche wurde zwei Tage später im Stadtzentrum gefunden – schwer missbraucht. Am 23. Mai nahm die Polizei zwei Tatverdächtige fest, ein junges Paar, das in direkter Nachbarschaft zum Fundort wohnte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen gemeinschaftlichen Mord vor. Wie sich herausstellte, handelt es sich um den Sohn von Jörg und Ramona S. Gegen ihn wurde in der Vergangenheit wegen verschiedener Delikte ermittelt; die Rede ist von 40 Strafverfahren wegen Brandstiftung, Beleidigung, Sachbeschädigung und Körperverletzung. Die aktuelle Tat soll sexuelle Gründe haben. Am Körper von Yangjie Li wurden DNA-Spuren des Verdächtigen gefunden.

In die Ermittlungen eingegriffen?

Mittlerweile untersucht die Staatsanwaltschaft Magdeburg, ob es Anhaltspunkte dafür gibt, dass Mutter und Stiefvater des Verdächtigen in die Mordermittlungen eingriffen hätten. Beide gaben zu, beim Umzug des 20-Jährigen und seiner Freundin aus der Wohnung, in der sich das Verbrechen abgespielt haben soll, geholfen zu haben – bestreiten jedoch, sie hätten Beweismittel beiseite geschafft. Ramona S. räumte gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung überdies ein: „Ich habe bei Befragungen von Zeugen geholfen.“ Auch in vorangegangenen Fällen, als ihrem Sohn Brandstiftungen zugeordnet werden sollten, habe sie sich „zur Wehr gesetzt“.

Die Vorfälle werfen etliche Fragen auf

Gleichwohl und trotz der Tatsache, dass der Stiefvater des Verdächtigen Leiter des Polizeireviers war, sah die Staatsanwaltschaft Dessau zunächst nicht den geringsten Verdacht, dass Ermittlungen behindert worden sein könnten. Erst mit Verzögerung wurden die Ermittlungen von der Polizei in Halle übernommen. Jörg S. sitzt zudem als Fraktionsgeschäftsführer für die CDU im Dessauer Stadtrat und soll das Mandat nun ruhen lassen.

Die von dort stammende grüne Bundestagsabgeordnete Steffi Lemke sagte dieser Zeitung: „Die Vorfälle werfen sowohl mit Blick auf das Agieren des Innenministeriums als auch des Justizministeriums etliche Fragen auf. Sie lauten, warum der Polizeichef erst am Montag abgesetzt wurde und warum die Dessauer Staatsanwaltschaft anfangs erklärte, es gebe nicht den geringsten Verdacht gegen die Eltern, Ermittlungen behindert zu haben.“ Ihre Partei zumindest dränge darauf, „dass die offenen Fragen geklärt werden, damit nicht im schlimmsten Fall die Strafverfolgung des oder der Mörder darunter leidet“.

Dessau: Bekannt für Gewalt gegen Ausländer

Bekannt ist, dass sich in Dessau und Umgebung zahlreiche Fälle von Gewalt gegen Ausländer oder sozial Schwache ereigneten. Im Jahr 2000 wurde der aus Mosambik stammende Alberto Adriano von betrunkenen Rechtsextremisten im Dessauer Stadtpark Dessauer Stadtpark zusammengeschlagen. Er starb an seinen Verletzungen. 2005 kam der geduldete Flüchtling Oury Jalloh aus Sierra Leone in einer Zelle des Dessauer Polizeireviers ums Leben. Die Umstände sind weiterhin nicht geklärt. 2008 wurde in der Stadt ein Obdachloser getötet. Dabei hatte das Opfer in die Sitzfläche einer Parkbank beißen müssen – woraufhin man ihm von hinten auf den Kopf trat. 2012 wurde ein Mann aus China im benachbarten Köthen von fünf Männern misshandelt. Die Angreifer wurden verhört, durften aber wieder nach Hause gehen – woraufhin der Rektor der örtlichen Hochschule mit 2038 ausländischen Studenten wütend protestierte. Es bestehe Wiederholungsgefahr.

Der nun geschasste Polizeichef sagte übrigens kürzlich: „Wie es uns geht, das ist jetzt nicht so wichtig.“ Denn der Tod der Studentin sei „viel schmerzhafter, weil nichts wieder gutzumachen ist“. Bei der Feier hatte der eigene Schmerz dann wohl schon nachgelassen.

  1. Dessauer Polizeichef unter Vertuschungsverdacht
  2. Die Vorfälle werfen etliche Fragen auf
nächste Seite Seite 1 von 2