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Münsteraner Pfarrer geht aus Protest ins Kloster

Thomas Frings will nicht nur Dienstleister sein – doch kaum etwas anderes erwarten die Menschen von ihm.

Thomas Frings will nicht nur Dienstleister sein – doch kaum etwas anderes erwarten die Menschen von ihm.

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Michael Bönte

„Ich liebe Beerdigungen“, sagt er. Thomas Frings steht in der Kapelle auf dem Münsteraner Zentralfriedhof, die Urnenbeisetzung an diesem Morgen ist eine seiner letzten Amtshandlungen als Pfarrer der katholischen Gemeinde Heilig Kreuz im Norden der Altstadt. Vor ein paar Wochen hat er verkündet, dass er geht. Auf vier eng beschriebenen Seiten begründete er seinen Schritt. „Kurskorrektur“ schrieb er darüber, ein Fragezeichen davor, ein Ausrufezeichen dahinter. Im Text steht, dass er es nach 30 Dienstjahren leid ist: immer nur Negatives, Schwund, Rückgang und Abbau. Weniger Gottesdienstbesucher, weniger Taufen, weniger Trauungen; immer weniger Glaubenspraxis und Lebendigkeit des Glaubens, stattdessen allerdings steigende Serviceansprüche – bei immer größerem Abstand vom Sinnangebot der Kirche.

Der Geistliche berichtete von einer Braut, die im Gottesdienst das Mikrofon an sich gerissen und einen Schlager geträllert hatte. Danach titelte die Bild-Zeitung: „Helene Fischer treibt Pfarrer Frings ins Kloster.“ Die Briefe und Mails, die er danach bekommen hat, zähle er inzwischen nach Hunderten, sagt Frings. Endlich rede einer Klartext, das ist der Tenor. Wie weit sollen Seelsorger den Menschen entgegenkommen? Wo biedern sie sich an, machen sich gar zum Affen? Diese Fragen treiben Frings um.

„Im Namen des Vaters und des Sohnes …“ Seine Stimme ist weich, sonor – und kein bisschen pastoral. Nicht dieser Singsang, den Rowan Atkinson als Father Gerald in „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ so umwerfend karikiert hat. Der echte Pfarrer fühlt sich wohl mit seiner Rolle und der Situation. In der Sakristei der Friedhofskapelle hat er zuvor die liturgische Kleidung angelegt: schwarzer Talar, weißes Chorhemd und eine Stola darüber – lila-schwarz, die Farben der Trauer und der Buße.

Gott als Raumausstatter

„Es gehört zum Schönsten meines Berufs, Trauerbesuche zu machen“, damit eröffnet er seine Ansprache. Er erzählt, wie er die Wohnung des Verstorbenen erlebt hat: total vollgestopft, und das bei einem Raumausstatter. Die Zuhörer schmunzeln. Und nicken gerührt, als Frings die Familienfotos erwähnt, all die Erinnerungen an gemeinsam gelebtes Leben. „Gott ist auch ein Raumausstatter. Er bereitet für uns den Himmel vor.“ Thomas Frings liebt das Beerdigen nicht nur, er kann es auch. Und er weiß, dass er es kann.

Aber jetzt soll Schluss sein damit. Am Ostermontag feiert er die letzte Messe in Heilig Kreuz. Danach geht er mit 55 Jahren nach Holland in einen Benediktiner-Konvent bei Doetinchem. So abgeschieden, dass nicht mal eine richtige Straße hinführe, erzählt Frings im Wohnzimmer seines halb leer geräumten Pfarrhauses. Nach einem ersten Impuls, alles zu verkaufen oder zu verschenken, ist er dann doch auf Stand-by gegangen. Einen Teil seiner Möbel lagert er ein, der Erlös wertvoller Grafiken – unter anderem von Alfred Hrdlicka – könnte Grundstock einer neuen Existenz werden, wenn es mit dem Mönchtum nichts wird. Aus heutiger Sicht beteuert er: „Ich bin gerne Priester, und ich bleibe Priester.“ Aber wer weiß, ob er nicht irgendwann doch einen Plan B brauchen wird? Die Wetten stünden schlecht für ihn, sagt er und lacht.

Weniger zum Lachen zumute ist ihm beim Blick auf die Kirche. Alles darin, so komme es ihm vor, habe ein Verfallsdatum in nicht allzu weiter Ferne. „Ich habe den Glauben daran verloren, dass der Weg, auf dem ich als Gemeindepfarrer mit Freude und Engagement gegangen bin, ein zukunftsweisender ist.“ Der Pfarrer, der so gern beerdigt, will nicht Kirchen-Bestatter sein, keinen Nachruf aufs eigene Leben als Priester halten müssen. „Immer der Letzte. Immer einer, für den es keinen Nachfolger mehr gibt; immer der, der das Licht ausmacht. Nee, das ist nicht schön. Und dabei habe ich mich bemüht, wirklich bemüht.“ Den Satz wird er noch ein paar Mal wiederholen.

Auf der Fensterbank liegt die Totenmaske des Großonkels, Kardinal Josef Frings (1897–1978), einst Erzbischof von Köln. Vor einem halben Jahrhundert brachte der auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil Kirchenreformen mit in Gang – Gemeinden, Gläubige und Priester waren von Aufbruchstimmung erfüllt. Doch die Protagonisten der Ära Frings senior sterben aus. Und Frings junior sieht die Lebenden als Totengräber oder bestenfalls als Nachlassverwalter. Eines Nachlasses obendrein, an dem immer weniger Erben Interesse haben. Frings illustriert das mit selbst erlebten Geschichten, sie sprudeln förmlich aus ihm heraus. Von den Messebesuchern, denen er erklären muss, dass sie die Hostie doch bitteschön „in den Mund stecken“ sollen. Von den Eltern, die nach „schlechten Erfahrungen mit der Kirche“ ausgetreten sind, jetzt aber partout ihr Kind taufen lassen wollen. „Wieso denn?“, hat er sie gefragt. „Warum soll Ihr Kind bei etwas mitmachen, das Sie selbst ablehnen? Soll es auch Ihre schlechten Erfahrungen machen?“

Die Fragen sollen zeigen, dass Thomas Frings die Menschen ernst nimmt, wenn sie kommen und um die Sakramente bitten. Aber ihnen nimmt er die Ernsthaftigkeit nicht mehr ab. „Die Leute wollen ihr Fest. Das kann ich gut verstehen. Nur wollen sie mit der Kirche nichts zu tun haben. Wir aber tun so, als ob. Und machen immer weiter. Wir spielen ‚Dinner For One‘ auf Katholisch. ‚The Same Procedure As Every Year‘.“

Die Gemeinden seien oft strukturkonservativ bis auf die Knochen. „Nicht experimentierfreudig, an Betriebsabläufen orientiert, milieu-verengt“, analysiert der Bochumer Pastoraltheologe Matthias Sellmann die Situation. Frings beschreibt es so: „Sobald sich was ändern soll, kommt Gegenwind.“ Als er zu Weihnachten eine Playmobil-Krippe in der Kirche aufbauen will, muss das zweimal in den Pfarrgremien erörtert werden.

In seiner Gemeinde kommt er sich vor wie der Leiter einer Kaufhaus-Filiale. Der ganze Konzern steht auf der Kippe – bloß das eigene kleine Haus floriert. Davon hat er aber nichts, weil er weiß: Wechselt er, geht auch noch seine Filiale den Bach runter.

Im kaufmännischen Bereich, sinniert Peter Schwarze, „würde man so was einen Burn-out nennen“. Der 72-Jährige ist mit seiner Frau am Sonntag vor Ostern zur Palmprozession mit anschließender Familienmesse gekommen. „Ich bin ganz traurig, dass er geht“, sagt Schwarze. „Aber die ganze Entwicklung in unserer Kirche ist traurig.“ Nur die 70 Jahre alte Mechthild Steinheuer sagt etwas trotzig: „Es gibt ein Leben nach Pfarrer Frings.“

Dass manche in der Gemeinde sich von ihm im Stich gelassen sähen, das könne er verstehen, sagt Frings. Nachvollziehbar findet er auch, dass Mitbrüder den Kopf schütteln. Sie sagen: Den Kirchenbesuch gesteigert, den Altersschnitt auf den niedrigsten Wert im ganzen Bistum Münster gesenkt, jede Menge Zuspruch als Seelsorger. Was will der Frings denn eigentlich noch? Manche halten seine Lagebeschreibung für depressiv, andere nennen ihn spitzzüngig „unsere Drama-Queen“.

Helene Fischer und die Folgen

Was der Münsteraner Bischof Felix Genn von alledem hält, darüber gibt er keine Auskunft. Der Fall werde intern weiter besprochen, lässt Genn ausrichten. „Der Bischof will nicht öffentlich in ein Gegenüber gebracht werden“, sekundiert der Personalchef Hans Bernd Köppen und stellt zumindest seine Sicht der Dinge dar: „Was Thomas Frings beschreibt, erleben wir Priester heute doch alle. Aber die meisten von uns deuten es anders.“

Thorsten Schmölzing zum Beispiel, Pfarrer in Rhede am Niederrhein und davor in der „Jugendkirche Effata“ des Bistums tätig. Er kommt wieder mit dem Schlager-Beispiel. „Wenn ein Brautpaar Helene Fischer haben will, finde ich die Frage nach der Sehnsucht spannend, die dahinter steckt“, sagt Schmölzing. In Fischers Song „Fehlerfrei“ stünden folgende Verse: „Lasst uns versprechen,/ auf Biegen und Brechen,/ wir feiern die Schwächen!“ Bei so was werde er hellhörig, sagt Schmölzing. „Ich muss das ja nicht unterschreiben, aber wenn wir es sofort ablehnen, sind wir oberflächlicher als die Leute selbst.“ Er warne davor, in der Kirche „vom Verhalten der Menschen immer gleich auf ihre Haltung zu schließen“.

Eigentlich ist Thomas Frings gar keiner von den Engstirnigen. In der Bistumszentrale am Domplatz nennen sie ihn „einen unserer Begabtesten“, bekannt für ungewöhnliche, animierende Aktionen. An eine erinnert sich Personalchef Köppen besonders gut. Da hat Frings die Bänke aus der Kirche räumen lassen. Die Gläubigen sollten sich Stühle mitbringen. Die Botschaft: Jeder Christ ist heute selbst verantwortlich für seinen Platz in der Kirche und der Welt. Gut so, findet Köppen. „Aber wenn ich lese, was Thomas Frings zu seinem Abschied schreibt, kommt es mir so vor, als hätte er insgeheim doch am liebsten die fest geordneten Bankreihen zurück.“ Die aber sind zerlegt, zersägt, verfeuert. Keine Zwischenlagerung. Kein Plan B. Der Raumausstatter oben im Himmel hat anderes im Sinn mit seiner Kirche. Nur was?


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