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Multiple Sklerose: Ein unverhoffter Schub

Seit fünf Jahren ohne MS-Schübe. Sven Böttcher in seinem Garten in Hamburg-Harburg.

Seit fünf Jahren ohne MS-Schübe. Sven Böttcher in seinem Garten in Hamburg-Harburg.

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berliner zeitung/Markus Wächter

Hamburg -

Das Sterben ist die lustigste Anekdote des Tages. Er lag also da, erzählt Sven Böttcher, auf diesem Bett, bei meiner Mutter, kein Gefühl in Armen und Beinen. Und das weiße, wunderschöne Licht, das hatte ich auch schon gesehen. Böttcher blickt durch die Glastür seines Wohnzimmers auf die Terrasse, die in den Garten führt. Ein Dschungel. Es regnet, die Tropfen verschwinden im Grün. „Da sagt meine Mutter: Bald bist du erlöst. Deine Schmerzen, die wären endlich vorbei. Ich: Ist lieb gemeint, danke. Ich hätte aber Bock, noch so’n bisschen am Leben zu bleiben.“

Sven Böttcher kichert. Er ist ein guter Geschichtenerzähler. Das Timing stimmt, die Pointe sitzt. Man muss mitkichern. Obwohl man sich die Geschichte anders vorgestellt hat. Trauriger. Ein Bestsellerautor, der Thriller und Fernsehfilme schreibt, der die TV-Talkshow „Beckmann“ mitentwickelt hat, erkrankt an Multipler Sklerose, MS. Die Krankheit verläuft so rasant, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Er weiß, er wird nicht sehen, wie seine drei kleinen Töchter aufwachsen. Er setzt sich hin und beginnt für sie aufzuschreiben, was wichtig ist im Leben. 150 Seiten „Quintessenzen“. Sätze wie: Liebe kennt kein Ego – Verliebtheit kennt nichts anderes. Oder: „Mach lieber Fehler, als gar nichts richtig.“ Böttcher blickt auf das Leben in dem Moment, in dem es vorbei scheint. Ein 150 Seiten langer Abschiedsbrief, geschrieben, wie Sven Böttcher erzählt: mit einem Gefühl für Timing und Pointe.

Sven Böttcher steht auf, geht zur Terrassentür und zieht sie auf. Hinter dem Garten erstrecken sich die Wiesen und Felder des Hamburger Vorortes Harburg. Er lehnt sich an den Türrahmen. Eine jungenhafte Gestalt, zu der Jeans und Zipper besser passen als die grauen Bartstoppeln. Er fummelt eine Zigarettenschachtel aus der Hosentasche. Nil, die Marke der Kreativen. „Rauchen soll man auch nicht mit MS, sagen die Ärzte.“ Sven Böttcher nimmt einen Zug und lässt seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Er betrachtet das Parkett, die orange Eckcouch, den großen Mac-Bildschirm auf dem Schreibtisch, die Bücherberge davor. „Manchmal stehe ich hier im Zimmer und denke: Alles war weg. Und seit zwei Jahren spiele ich wieder Tennis.“

„Ich kann das besser als ihr“

Sven Böttcher wird mitten hinein in die Sechzigerjahre geboren, die hier in der Hamburger Vorortschicht noch die Fünfzigerjahre sind. Eine Mutter, die ihre beiden Söhne über alles liebt. Ein Vater, der seine Söhne ebenfalls liebt, aber als Wirtschaftsprüfer auch Leistung. So sehr, dass er die finanzielle Unterstützung seines ältesten Sohnes von einem BWL-Studium abhängig macht. Sven fügt sich. Während er studiert, schreibt er Texte und schickt sie an eine Satire-Zeitschrift. Er sagt: „Ich kann das besser als ihr.“ Sein Studium beendet er nicht. Stattdessen steigt er in die Werbebranche ein. Es sind goldene Jahre.

Böttcher schiebt die Terrassentür zu. „Wie alt bist Du? 33? Möchte ich auch noch mal sein. Super Alter. Ich war in Deinem Alter zum ersten Mal Vater.“ In den „Quintessenzen“ schreibt er: „Wenn du ein ganzer Mensch werden willst, hast du keine Wahl – in dem Fall führt an eigenen Kindern kein Weg vorbei.“ Nebenher hat er Fernsehen in München gemacht und saß dauernd im Flugzeug. „War trotzdem eine schicke Zeit, wenn auch beruflich nicht Sinn stiftend.“ Das hat er damals schon gewusst?

„Man wird ja nicht krank und hat plötzlich eine Erleuchtung. Ich habe als Ausgleich zur Arbeit sogar einen Krimi geschrieben, über einen Werber, einen Hedonisten, der mit existenziellen Fragen des Lebens konfrontiert ist.“ Böttcher redet und fragt, er macht das Interview zum Dialog, er macht den Anderen zum Teil seiner Erfahrungen.

Draußen regnet es immer noch, ein warmer Sommerregen. Zwischen den Büschen stehen ein Fußballtor, ein Trampolin, eine Rutsche. Sven Böttcher hat drei Töchter von drei Frauen. Leben wächst nicht linear. Leben wuchert. Und man steht mittendrin.
Sven Böttcher ist erfolgreich. So erfolgreich, dass er sich 2005 ein Haus auf dem Land kauft, das er Stück für Stück renoviert. Er schleift, schabt, lackiert. Viel körperliche Arbeit. So viel, dass sein Hausarzt an einen eingeklemmten Nerv denkt, als Böttcher über kalte, taube Füße klagt.

Ich schicke Sie zum Neurologen, sagt der Hausarzt. Der beklebt Sven Böttchers Körper mit Elektroden und summt. At the Copa, Copacobana … Vorfreude auf eine Kreuzfahrt. Er sieht sich die Ergebnisse an. Sie haben Entzündungen im Körper, sagt der Neurologe. Was heißt das?, fragt Sven Böttcher. Dass Sie dachten, Sie seien gesund, aber Sie sind ein schwer kranker Mann. Ich schicke sie ins Krankenhaus.

Im Krankenhaus steckt ein Arzt eine Nadel in Böttchers Wirbelsäule. Dann wird sein Körper in eine Röhre geschoben, anderthalb Stunden. Die Ärzte sagen: Der Mann muss an den Tropf, er braucht Cortison. Er liegt drei Tage im Krankenhaus, die Ärzte erkennen die Krankheit nicht. Ein halbes Jahr voller Müdigkeit folgt, dann der nächste Schub und die Diagnose. Multiple Sklerose. Die Krankheit, die in Entzündungs-Schüben die Nervenbahnen zerfrisst, bis man gelähmt ist, bis die Organe versagen. Unheilbar. Drei Ärzte legen vier Präparate auf die Decke von Böttchers Bett. Suchen Sie sich eines aus, die Spritzschwester wird ihnen zeigen, wie man es injiziert. Sven Böttcher ruft seine Frau Katia an.

Er unterbricht seine Erzählung, im Garten kündigt sich der Nachmittag an. Mit Licht, das so grau ist, als wäre es auf seinem Weg durch die Wolken schmutzig geworden. „Hunger? Komm mit in die Küche.“ Aufrecht, fast federnd steht er auf, schneidet eine Scheibe Dinkelbrot ab, selbst gebacken. „Möchtest du Quittengelee drauf? Machen wir auch selbst. Hilft gegen die Endzeitstimmung.“ Er lacht. „Katia ist mein bester Kumpel. Wir sind jetzt seit zwölf Jahren zusammen, sie kümmert sich um den Haushalt, ich arbeite zu Hause und wir nerven uns trotzdem nicht.“

Was für eine komische Frage

Quintessenz? „Liebe ist, wenn du keinen Mangel empfindest, wenn du dich nicht in die Briefträgerin vor der Tür verliebst. Auch wenn du immer noch gerne mit ihr schlafen würdest.“ Er lacht wieder. Seine Frau weint am Telefon. Sie bleibt bei ihm. Auch als ein Bekannter sagt, dass sie zu ihm ziehen kann, sobald Sven komisch zu riechen beginnt. Auch als sie Sven die Gabel in die Faust drücken muss, weil er nicht mehr zu greifen vermag. Ihre Freundinnen fragen: Oh Gott, wie schaffst du das? Sie antwortet: Was ist das für eine komische Frage? Ich liebe den doch.

Sven Böttcher nimmt keines der Medikamente, die ihm die Ärzte auf das Bett gelegt haben. Er liest Studien und ruft Forscher an. Er sucht nach Ursachen. Ein MS-Statistiker gewährt ihm Einblick in die Datensätze, unter der Auflage, dass er nicht schreibt, was er liest. Der Statistiker fragt: Spritzen Sie sich eines dieser Medikamente? Nein, sagt Sven Böttcher. Sehr gut, sagt der Mann. Sven Böttcher sammelt die Fakten. Tausend bis 2 000 Euro pro Monat kosten MS-Medikamente. 9,6 Milliarden verdient die Pharmaindustrie damit 2011. „Obwohl niemand weiß, woher die Krankheit kommt, wie sie verläuft, was hilft. Obwohl langfristige Studien zeigen, dass die Medikamente keinen Unterschied machen.“

Böttcher sucht nach etwas, das helfen könnte. Er geht zur Naturheilkunde und zur Feldenkraistherapie, lässt sich Zähne ziehen und trinkt Kräutersud aus China. Er protokoliert Gedanken, Essen, Handlungen. Gibt es irgendwo Korrelationen? Er stellt seine Ernährung um. Weniger Fleisch und Alkohol und Milchprodukte. Stattdessen Leinöl und Haferflocken. Es hilft nichts. Die Entzündungen werden mehr. Sven Böttcher wird immer schwächer. Ende 2007 liegt er dann bei seiner Mutter auf dem Bett. Arme und die Beine sind gelähmt, auch Darm und Zwerchfell. Bis zum Tod ist es nur noch ein weiterer Schub.

„Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich bin gerne hier. Bewusstsein ist ein luxuriöser Zustand.“ Sven Böttcher lächelt. Vor dem Küchenfenster wachsen Minze, Rettich und Walderdbeeren. Gepflegt verwildert. „Kaffee? Oder lieber Pfefferminztee?“ Er schaltet den Wasserkocher ein. Hatte er eine Liste der letzten Dinge, die er noch erledigen wollte? „Ich habe alles gemacht, was ich wollte. Und der ultimative LSD-Trip kommt erst, wenn ich weiß, dass ich sterben werde. Die entscheidende Frage ist doch: Was für ein Mensch möchtest du gewesen sein?“

Der Schub bleibt aus, und Sven Böttcher ist noch da. Er stellt sein Leben komplett um. Nicht weniger, sondern gar kein Fleisch mehr, kein Alkohol, keine Milchprodukte. Er macht für 2 500 Euro eine Genanalyse . Sein Konto ist leer. Ein Freiberufler, der seit zwei Jahren nicht mehr voll arbeiten kann. Egal, es gibt Wichtigeres. Er muss ein Versprechen einlösen, dass er seiner ältesten Tochter gegeben hat: alles Wesentliche über das Leben aufzuschreiben. Damit ein väterlicher Rat da ist, auch wenn der Vater fehlt. Sven Böttcher beginnt einen Blog zu schreiben, sich mit Freunden auszutauschen, über Ideen, Kapitel, Sätze.

Es fehlen zwei Gene

Die Genanalyse ergibt, dass er das Holzschutzmittel aus dem renovierten Haus im Blut hat und Probleme, es abzubauen. Ihm fehlen zwei Gene. Eine Seltenheit. Sven Böttcher überlegt kurz. Dann lässt er los. 160 Quadratmeter voller Möbel, Klamotten, Platten und Büchern. „Ein ganzes Leben.“ Von Freunden in einen Container geworfen. Zwanzig Bücherkisten, zwei Taschen und einer Handvoll Platten bleiben. Die Familie zieht zu einem Freund. Drei Zimmer im Keller, eines davon nutzt Sven Böttcher als Büro. Dort setzt er sich hin, zwischen die Kisten und starrt die Wand an, bis er begreift, dass er wegfahren muss. Er fliegt nach Mallorca, drei Wochen lebt er allein auf der Insel.

„Dort hatte ich eine esoterische Begegnung mit mir selbst.“ Er zündet sich eine Zigarette an. „Mir wurde klar, dass ich nicht nur Narben im Rücken habe, sondern überall. Ich stand immer so im Wind.“ Er breitet die Arme aus. „Ich musste einsehen, dass ich auch mal was nicht kann.“ Die Erkenntnis des Kranken? „Ja. Ich habe sie in einem Satz zusammengefasst: Erzähle dich um!“ Der Satz steht über einem Kapitel in den „Quintessenzen“. Unter dem Satz steht: Sobald wir unsere Lebensgeschichte erzählen, ob anderen oder uns selbst, werden wir automatisch zu Autoren. Und je öfter wir die Story erzählen, desto sicherer und pointierter wird diese. Bei jeder Form von Lebensunwohlsein sind wir allerdings gehalten, die ganze Story versuchsweise dramatisch umzuschreiben.

Auf Mallorca beschließt Sven Böttcher, sich in Zukunft nicht mehr in den Wind zu stellen. Er bricht den Kontakt zu Menschen ab, die ihn Kraft kosten, beginnt als freier Autor zu arbeiten und beendet das Buch für seine Töchter. Er zieht aus dem Keller und mietet ein Haus. Monat um Monat geht es ihm besser. Ärzte können es nicht begreifen, aber sie freuen sich für ihn. Seit 2008 ist er schubfrei. Nur die tauben und kalten Hände und Füße sind geblieben und die Schmerzen. Vielleicht gehen sie weg, eines Tages. Wenn die Narben zuwachsen. Wer weiß.

Die Geschichte einer wundersamen Heilung? „Keine Ahnung. Aber ich bin inzwischen sicher, dass die Krankheit heilbar ist. Und das muss man den MS-Kranken sagen, das hilft so vielen.“ Auf einem der Bücherberge im Wohnzimmer liegt ein Buch, auf dem eine Parkuhr abgebildet ist. „Zeit ist Leben, Leben ist Zeit“, steht darauf. Daneben liegt eines, auf dem eine Bombe zu sehen ist: „Zeitbombe Medikament“. Sven Böttcher drückt die Zigarette aus, tritt auf die Terrasse, es hat aufgehört zu regnen. „Meine Geschichte ist die eines Mannes, der alles verliert und plötzlich erkennt, dass doch nicht alles weg ist. Denn er ist noch da, mit seinen Gedanken und Gefühlen.“ Böttcher schaut in den wuchernden Garten. „Eine Klischeegeschichte.“ Kann sein. Aber ein Leben.


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