28.01.2012

Nasa: Jäger der Mondsteine

Von Sebastian Moll
Mondstein ist heiß begehrt - die Nasa vermisst momentan 517 Gesteinsproben aus dem All.
Mondstein ist heiß begehrt - die Nasa vermisst momentan 517 Gesteinsproben aus dem All.
Foto: dpa

Viele Gesteinsproben der Nasa sind verschwunden und finden sich an den seltsamsten Orten wieder – unter Kopfkissen, auf Fischerbooten oder in Bill Clintons Bürokiste.

Es war einer der gewagtesten Raubüberfälle der vergangenen 20 Jahre. Er war so spektakulär, dass daraus gerade ein Film gemacht wird. Angefangen hat es als romantische Verrücktheit: Der Student Thad Roberts wollte seiner Angebeteten Tiffany Fowler ein Stück vom Mond schenken. Weil beide ein Praktikum im Johnson Raumfahrtzentrum in Houston, dem Hauptquartier der Raumfahrtbehörde Nasa absolvierten, war die Idee nicht so versponnen, wie sie klingt.

So spazierten Roberts und Fowler am 20. Juni 2002 unbehindert mit einem 276 Kilo schweren Safe aus dem Johnson Center hinaus. Im Safe befanden sich 101 Gesteinsproben von den Apollo-Expeditionen zum Mond. Die beiden mieteten sich in ein Motel ein, brachen den Safe auf und sortierten in Ruhe die Steine. Einen davon legten sie sich unter das Kissen. „Ich bin der einzige Mann, der Sex auf dem Mond hatte“, prahlt Roberts heute. Es war ein wunderbarer verliebter Spaß. Doch als sie sich überlegten, was sie nun mit den Steinen anfangen sollen, wurde die Sache bitter ernst.

Der 51. US-Staat

US-Amerikaner pflegen spätestens seit dem 21. Juli 1969 ein intimes Verhältnis zum Mond, als um 2:56 Uhr (UTC) Neil Armstrong als erster Mensch die Mondoberfläche betrat.
Newt Gingrich, einer der republikanischen Präsidentschaftskandidaten in den USA hat nun der Liebe seines Volkes zum Mond mit neuer Hingabe gehuldigt. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Florida unweit des Kennedy-Space-Centers erklärte der Republikaner, er würde als Präsident der Vereinigten Staaten bis 2020 den Aufbau einer US-Kolonie auf dem Mond betreiben. Wenn es dort dann 14 000 Bewohner gäbe, so Gingrich, könnten die Amerikaner den Beitritt des Mondes zu den Vereinigten Staaten beantragen: der Mond als 51. US-Staat.
Der Vorschlag wurde auch bei dem TV-Duell am Donnerstag mit dem Konkurrenten Mitt Romney zum Thema. Dieser fand die Kolonialisierung des Mondes eine „vielleicht große, aber keine gute Idee. Wenn ein Manager zu mir käme und sagen würde, ich will ein paar Hundert Milliarden Dollar für eine Kolonie auf dem Mond ausgeben, würde ich sagen: ‚Sie sind entlassen.‘.“


Für Mondgestein, das erfuhr Roberts erst jetzt, gibt es einen funktionierenden Schwarzmarkt. Der Inhalt des Safes war 21 Millionen Dollar wert. Als er die heiße Ware panisch auf der Website eines belgischen Mineralogie-Clubs zum Verkauf anbot, schöpfte ein Sammler Verdacht und verständigte das FBI. Zur geplanten Übergabe der Ware tauchten statt eines zahlungskräftigen Kunden zwei Agenten mit Handschellen auf. Roberts wanderte für acht Jahre ins Gefängnis. Tiffany sah er nie mehr wieder.

517 Gesteinsproben aus dem All werden vermisst

Roberts war weder der erste noch der einzige, der ein Stück vom Mond verschwinden ließ. Die Nasa schätzt, dass 517 Gesteinsproben aus ihrem Raumfahrtprogramm vermisst werden. Je nach Herkunftsplaneten werden dafür 1000 bis 5000 Dollar pro Gramm bezahlt.

Nach der Apollo 17-Mission hatte der US-Präsident Nixon jedem Staatsoberhaupt der Welt sowie den Gouverneuren der 50 US-Staaten ein kleines Stück Mond geschenkt. Zudem hatte die Nasa zahlreiche Proben an unabhängige Labore zur Forschung heraus gegeben. Von diesen Hunderten Mondsteinen werden heute viele Dutzende vermisst.

In Umlauf kommen die Steine über die skurrilsten Wege. So suchte etwa der Staat Alaska fast 30 Jahre lang nach seinem Stein. Im vergangenen Jahr meldete sich nun einen Krabbenfischer, der ihn all die Jahre auf seinem Boot aufbewahrt hatte. Er hatte 1973 als Jugendlicher nach einem Brand des Verkehrsmuseums in Juneau in den Trümmern gestöbert und den Stein gefunden.

Schlamperei und gezielte kriminelle Energie

Auch der Staat Arkansas konnte lange seinen Stein nicht wiederfinden. Erst, als der Archivar des Ex-Gouverneurs und Ex-Präsidenten Bill Clinton die Papiere seines Chefs sortierte, tauchte er wieder auf. Clinton hatte das fünf Millionen Dollar teure Stück schlicht verschlampt.

An anderer Stelle steckte hinter dem Verschwinden der Himmelskörper nicht Schlamperei, sondern gezielte kriminelle Energie. So wurde 1995 ein Mondstein beim New Yorker Auktionshaus Philips, Son & Neale zum Verkauf angeboten. Die Besitzer behaupteten, ihr Vater habe den Stein als persönliches Geschenk vom Astronauten John Glen erhalten, der damals bei der Nasa gearbeitet hatte. Später stellte sich heraus, dass der Stein Teil einer Postsendung der Nasa an ein kalifornisches Labor war. Der Umschlag war jedoch nie angekommen.

Kurz nach dem New Yorker Vorfall setzte die Nasa einen Agenten darauf an, das Geschäft mit dem Mond zu unterbinden. Unter dem Decknamen Tony Coriasso schaltete der Nasa-Rechtsanwalt Joe Gutheinz eine Anzeige in der Tageszeitung USA Today. Die Überschrift lautete schlicht „Moon Rock Wanted“ – Mondstein gesucht, darunter stand ein Foto der ersten Mondlandung und eine Telefonnummer.

Fünf Millionen Dollar für einen Stein

Kurz darauf erhielt er einen Anruf von einem Anbieter, der einen Stein für fünf Millionen Dollar verkaufen wollte. Man traf sich in einer Bank in Miami zur Übergabe. Der vermeintliche Bankangestellte, der den Stein aushändigen sollte, war jedoch ein Zollagent. Es stellte sich heraus, dass das Stück das Geschenk von Präsident Nixon an Honduras war. Der Stein wurde in einer Zeremonie dem honduranischen Präsidenten Ricardo Maduro zurückgegeben.

Gutheinz ist mittlerweile im Ruhestand doch die Jagd nach den Steinen hat er nicht aufgegeben. Als Dozent an der Universität von Phoenix setzte er seine Studenten darauf an, nach vermissten Steinen zu jagen. Gutheinz glaubt, dass von 135 Steinen, die Nixon verschenkt hat, höchstens zwei Dutzend in Sicherheit sind. So fand einer seiner Studenten heraus, dass der Mondstein von Malta aus dem maltesischen Museum für Naturgeschichte entwendet wurde. Der Student fahndet derzeit nach dem Stein.

Als 1995 das Nationalmuseum von Afghanistan geplündert wurde, verschwand auch der afghanische Mondstein. Der Stein, der Zypern versprochen wurde, ist dort nie angekommen, und der Stein, den General Franco bekam, wurde von seinem Enkel schlicht verloren. Thad Roberts, für den der Mondstein einst die Welt bedeutet hat, träumt unterdessen noch immer vom Himmel. Seit seiner Entlassung arbeitet er an einer Doktorarbeit, in der er ein elfdimensionales Modell des Universums entwirft. Ein passendes Thema für den einzigen Mann, der je Sex auf dem Mond hatte.

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