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Oktoberfest München: Sexuelle Übergriffe gehören zum Wiesnalltag

Maß für Maß. Ohne Bier läuft nichts auf dem Oktoberfest.

Maß für Maß. Ohne Bier läuft nichts auf dem Oktoberfest.

Foto:

AP/DPA/Matthias Schrader

München -

Als ein Typ dir von hinten in den Schritt greift, kommst du gerade vom Klo zurück ins Festzelt. Du schreist auf, drehst dich um. Ciao Bella! Der Typ trägt eine dieser Billiglederhosen, grinst dir in den Ausschnitt und taucht wieder im Menschenknäuel unter. Du versuchst, ihn zu packen, wirst in die andere Richtung gespült, einfach zu viele Menschen. Wieder eine fremde Hand an deinem Arsch. Die Band spielt „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer, und die Biertrunkenen rasten aus.*

15 Stunden vor Oktoberfestbeginn. Kristina Gottlöber, Typ blonde Powerfrau, Jeans und Daunenweste, bringt zusammen mit ihren Kolleginnen zwei Sessel in den Raum, in dem sie später Frauen betreuen werden. Jedes Jahr um die 160 verwirrte, aufgelöste, belästigte und vergewaltigte Frauen. Gottlöber sagt: „Ich freu mich das ganze Jahr auf die Wiesn.“ Hier zu helfen, nennt sie ihre „Herzblutangelegenheit“.

Das Dirndl ist dreckig

Das Münchener Oktoberfest ist das größte Volksfest der Welt. Viele kommen zum Saufen, sie drängeln und schieben, die Lichter der Fahrgeschäfte blinken, überall Musik und Lärm. Chaos. Eine Stadt im Ausnahmezustand.

Du liegst alleine im Gras, als du aufwachst und dich umsiehst. Um dich herum schlafen Bierleichen ihren Rausch aus. Du warst gerade am Feiern im Zelt, wolltest kurz an die Luft, weg von den vielen Leuten, vom Lärm und vom Bier. Durchatmen. Hast dich auf die Wiese gelegt. Und dann? Eingeschlafen? Der Kopf drückt. Das Dirndl ist dreckig, deine Brüste quellen aus der offenen Bluse, die Schürze liegt zwei Meter weiter im Matsch. Die Knie brennen, aufgeschürft. Wie viel Uhr ist es? Was zur Hölle ist die letzten vier Stunden passiert?

„Schuld ist immer der Täter, nie das Opfer“, sagt Kristina Gottlöber. „Egal, wie betrunken ich bin, egal, was ich anhabe.“ Sie spricht vom „Missbrauch von widerstandsunfähigen Personen“ und sitzt jetzt auf einem der blauen Sessel im „Security Point“ der Aktion „Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen“. In zwei Stunden beginnt ihre erste Schicht dieses Jahr. Auf Tischen stehen Kaffeekannen, daneben liegt Obst und Infomaterial. Es gibt in dem etwa zwanzig Quadratmeter großen Raum auch Aspirin, Tampons und Regenschirme. „Manchmal ist schon ein Schokoriegel ein kleines Paradies für die Frauen“, sagt sie. „Wenn man den ganzen Tag im Zelt ist und das Essen so teuer ist, unterzuckert man schnell.“ An der Wand hängt das Plakat der Aktion: eine lachende Frau im Dirndl. Sie zwinkert. Darüber die Schrift: „I mog a Gaudi, koa Gfrett!“ Auf Hochdeutsch: „Ich möchte Spaß und keinen Ärger!“

Oase der Ruhe

Es ist ruhig hier im Keller des einzigen festen Gebäudes auf der Theresienwiese, in dem auch das Rote Kreuz und die Polizei untergebracht sind. Ein schwarzer Klotz, am Fuße der Bavaria, der kolossalen Bronzestatue von Bayerns Patronin. Die Rasenflächen hier gelten als besonders gefährlich für Frauen. Die Helferinnen beziehen den Raum nur zur Oktoberfestzeit, sonst arbeitet darin der TÜV. Am Vorabend schaffen die Freiwilligen daher Möbel heran, organisieren Telefonanschluss und Internet und schaffen „eine Oase der Ruhe“ im Wiesn-Wahnsinn.

Du bist mit deinem Freund auf dem Oktoberfest unterwegs. Kamst aus England, um das einmal zu erleben. Ihr habt getrunken, wenig gegessen. In den Zelten gefeiert, bis sie um elf schlossen. Ihr spaziert auf dem Gelände, habt hinter einem Lkw Sex. Ein guter Abend. Zwei Typen kommen auf euch zu. Der eine hält deinen Freund fest, der andere dich. Als du dich wehrst, lässt der Mann endlich von dir ab.

Durch einen dunklen Tunnel

Seit zwölf Jahren gibt es die Aktion, bei der Gottlöber arbeitet. „Wir waren schockiert über die Zahl der Übergriffe und wussten, wir müssen vor Ort sein“, sagt sie. Wir, das sind drei Vereine, die sich in München gegen Gewalt an Frauen einsetzen: Frauennotruf, Imma – Initiative für Münchner Mädchen und Amyna – Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch. Kristina Gottlöber ist seit elf Jahren dabei, zuerst als Praktikantin, seit letztem Jahr als Teil des Organisationsteams. Anfangs betreuten sie die Frauen in einem Wohnwagen mit einer Handvoll Mitarbeiterinnen, dann in einem Haus in der Nähe. „Auf dem Weg dorthin mussten die Frauen durch einen dunklen Tunnel, das war eine Katastrophe.“ Mittlerweile sind fünf Sozialpädagoginnen und Psychologinnen, dazu noch 45 Ehrenamtliche, meist Studentinnen sozialer und pädagogischer Fächer, im Einsatz.

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