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Pädophilie im "Centrepoint" in Neuseeland: Wenn Opfer von sexuellem Missbrauch sprechen

Falsche Idylle auf der Baustelle: Dieses Foto aus der Frühzeit von Centrepoint zeigt Bert Potter, den Guru der Gemeinschaft, inmitten einiger Anhänger.

Falsche Idylle auf der Baustelle: Dieses Foto aus der Frühzeit von Centrepoint zeigt Bert Potter, den Guru der Gemeinschaft, inmitten einiger Anhänger.

Foto:

North & South Magazine Bauer NZ

Inseln, Sekten und Gruppen haben mich immer fasziniert: kleine Welten mit eigenen Gesetzen. Als ich vor zwölf Jahren ans andere Ende der Welt zog, wusste ich nichts von Centrepoint, Neuseelands größter alternativer Gemeinschaft, von Neuseelands „Sex-Kult“ rund um den Guru und Therapeuten Bert Potter.

Durch Zufall fiel mir in meiner neuen Heimat „Inside Centrepoint“ in die Hände, ein Buch aus dem Jahr 1986 mit fröhlichen Menschen in Strickpullis auf dem Cover. Im Inneren Schwarz-Weiß-Fotos von Babys, die vor der gesamten Gruppe geboren werden, Kinder auf Trampolinen unter großen Bäumen, eine halb nackte Frau in Farmerschürze, Umarmungen auf Kissenlandschaften. Freiherzig beschrieb der Autor Len Oakes, dass die Toiletten in der Gemeinschaft ebenso offen seien wie die Liebesbeziehungen. Und dass Männer eine spezielle Form des Cunnilingus lernen, „blowing off“ genannt.

Nur wenige Jahre nach diesem begeisterten Bericht aus dem scheinbaren Idyll der Antibürgerlichkeit stürmte die Polizei Centrepoint. Der damals 67 Jahre alte Bert Potter wanderte zusammen mit sieben weiteren Frauen und Männern wegen Kindesmissbrauchs und Drogenherstellung ins Gefängnis – ein Skandal, der Neuseeland, den verschlafenen Vier-Millionen-Staat, erschütterte. Erst im Jahr 2000 wurde die Community endgültig geschlossen. Aufgearbeitet ist ihre Geschichte nicht.

Wie konnten eine gemeinsame Utopie zum kollektiven Albtraum werden und normale Menschen zu verurteilten Pädophilen? Für Hunderte von Neuseeländern – zeitweise lebten dort über 300 Menschen – galt die Gemeinschaft einst als ein glückliches Zuhause; sie sahen es als Chance, ihr Leben zu verbessern. Etliche Psychologen und Therapeuten fanden sich in den 22 Jahren des Bestehens von Centrepoint in Bert Potters Workshops ein.

Vom Gründungsmitglied zur schärfsten Kritikerin

Ich will ein Buch darüber schreiben, habe bereits einen internationalen Verlag. Erst seit Potters Tod 2012 sind einige seiner Opfer bereit zu reden. Die Erinnerungen der Centrepoint-Familien könnten der Versöhnung dienen, außen wie innen. Was ich nicht ahne, ist, dass ich eine Lawine aus Wut, Trauer und Schmerz lostreten werde, die mich an meine Grenzen bringt.

Len Oakes, der Autor von „Inside Centrepoint“, lebte jahrelang mit seiner Familie in der Community nördlich von Auckland. Jetzt ist er als Therapeut im australischen Melbourne registriert. Ich rufe ihn an. „Ich habe mit keinem Journalisten aus Neuseeland gesprochen und werde das auch nie tun“, sagt er, jedes Wort abwägend. 1991 verließ er das Land überstürzt. Er hatte damals einen Meineid geleistet und nicht vor, jemals zurückzukehren.

„Warum reden Sie dann mit mir?“, frage ich. „Weil Sie Außenstehende sind“, sagt er. „Aus Deutschland.“ Also besteige ich ein Flugzeug nach Australien, um meinen ersten Insider zu treffen.

Oakes macht uns Tee. Seine Frau liegt krank im Bett, ich bekomme sie nicht zu sehen. Er hat weitere Bücher über Gurus und Psychokulte geschrieben. Sexueller Missbrauch wird nirgendwo erwähnt. Stundenlang nähern wir uns vorsichtig dem Thema, das er am liebsten aussparen möchte. Der Akademiker will nichts von der Studie der Massey Universität in Auckland wissen, laut der jedes dritte Kind bei Centrepoint sexuellen Übergriffen ausgesetzt war.

Die Leit- und Schreckensfigur der Gemeinschaft interesssiert mich weniger als das Umfeld. Die mächtigen Therapeutinnen an Potters Seite, „Gedankenpolizei“ genannt; seine naiven Geliebten, die um den Platz in seinem Bett stritten; Mütter, die ihre pubertierenden Töchter vom „spirituellen Führer“, um die sechzig damals, entjungfern ließen. Was dachten sie sich dabei? Und wie kommen sie und ihre Kinder zwei Jahrzehnte später mit diesen Erinnerungen zurecht? Len Oakes, der distinguierte Kultexperte in Melbourne, will mir Zugang zu ehemaligen Mitgliedern verschaffen, wenn ich „aufgeschlossener“ sein kann. Nach unserem Gespräch schickt Oakes mir das unveröffentlichte Manuskript über sein Leben an Potters Seite. Ich darf mich frei bedienen. Eine Goldgrube. Doch hinter den nächsten Türen, die sich öffnen, liegen Abgründe.

Barri Leslie war eines der Gründungsmitglieder von Centrepoint. Als Redakteurin des CP Magazine war sie jahrelang Bert Potters Sprachrohr. Heute ist die 73-Jährige eine der schärfsten Kritikerinnen des gescheiterten sozialen Experiments. Ihr öffentlicher Kampf bis vor Gericht hat sie den Kontakt zu ihren Töchtern gekostet. Nichts an der zierlichen, grauhaarigen Dame im Twinset lässt auf die Vergangenheit in einer Sex-Sekte schließen. „Bert hat mich immer als blockiert bezeichnet“, sagt sie mit einem halb ironischen Lächeln. „Wir sind alle Opfer. Wir alle haben diese kostbaren Familienjahre verloren.“

Barri Leslie ist ein wandelndes Archiv. Nach jedem Treffen trage ich Stapel an Fotokopien und Dokumenten davon. Ich arbeite mich durch die alten CP-Pamphlete und zeichne Diagramme der verflochtenen Patchwork-Familien. Jedes Paar, das zu Centrepoint stieß, hat sich dort getrennt. In all dem Material finde ich auch drei Mini-Discs. Es ist die Autobiografie eines führenden Centrepoint-Therapeuten, der zum Whistleblower wurde und die Polizei einschaltete. Ein unbesungener Held, seitdem von der Bildfläche verschwunden. Als ich ihn nach wochenlanger Suche aufspüre, ist seine Reaktion blanke Panik: ein Anfall von posttraumatischem Stress. Ich soll das Manuskript sofort von meinem Computer löschen. Er droht mit seinem Anwalt. Ich habe „Bertland“ betreten – ein Sumpf aus Widersprüchen und ungelösten Konflikten.

Wand des Schweigens

Nur wenige hatten bisher den Mut, sich zu äußern. Eine junge Schauspielerin, die mit zwölf Jahren von ihrer Mutter in Bert Potters Arme getrieben wurde und später Anzeige erstattete, outete sich in den Neunzigern. Ihre Karriere habe darunter gelitten, sagt sie mir und weint. Nach einer Stunde verlässt sie aufgelöst das Café. Am nächsten Tag schreibt sie, dass sie das alles nicht kann. Ich soll sie nicht mehr kontaktieren. Es ist nicht das letzte Mal, dass ich von ihr höre.

Die ersten Reaktionen auf meine Aussendungen sind ebenfalls entmutigend. „Ist 20 Jahre her, alles Vergangenheit, lass uns in Ruhe.“ Oder: „Ich habe kein Interesse, dieses Thema mit Ihnen zu besprechen.“ Ich werde gewarnt, dass zwei frühere CP-Mädchen „ausrasten“, falls ich sie anspreche. „Do not send any such e-mails to me“, schreibt mir eine Mutter. Schicken Sie mir nicht solche E-Mails. Eine andere: „Ich will, dass endlich über die guten Sachen berichtet wird!!!“ Ihr Sohn habe eine wunderbare Kindheit gehabt – „bis er CP verließ und starken Vorurteilen begegnete. Jetzt schämt er sich dafür, dort groß geworden zu sein.“

Einige der Kinder der führenden CP-Mitglieder haben Karriere gemacht. Ich stoße auf eine Wand des Schweigens. Das Stigma sitzt so tief, dass auch die positiven Erinnerungen nur zögerlich mitgeteilt werden. Zwei Interviews werden am Tag nach der Zusage zurückgezogen. Ich soll Identitäten ändern, Inhalte aussparen, die einen schonen, die anderen nicht. Jede Geschichte ist mit einer anderen verwoben – ein Geflecht, das bald zum Dschungel wird.

Eines Abends rufe ich Brian Roberts* an, früher CP-Therapeut. Er kämpfte vor Gericht gegen den Vorwurf der sexuellen Belästigung einer Minderjährigen – und wurde freigesprochen. „Ich bin ein prozesssüchtiger Fiesling“, warnt er mich. Ich habe das Wort „Sexualverbrechen“ in meiner ersten E-Mail benutzt. „Das ist ja schon mal ein großer Haufen Mist!“, bellt er mich durchs Telefon an und droht mir kurz darauf: „Ich kann beißen. Ich habe Zähne, verstehen Sie?“ Barri Leslie, die ältere Aktivistin und Archivarin, erklärt mir später, dass ich das erlebt habe, was man bei Centrepoint unter „Feedback“ verstand: „Reine Schikane.“

Ich treffe mich dennoch mit Brian Roberts in seinem Haus. Der kolossale Mann verschwendet keine Nettigkeiten. Als ich mich auf eine Jugendliche beziehe, die ihn „schmierig“ fand, will er mich rauswerfen. Meine Nerven sind stundenlang unter Hochspannung.

Eine junge Frau, die gegen Roberts ausgesagt hatte, wurde später heroinsüchtig und arbeitete als Prostituierte, wie einige der CP-Mädchen. Bert Potter hatte sie seit ihrem dritten Lebensjahr missbraucht. Nach unserem ersten kurzen Gespräch bekommt sie eine Panikattacke. Ihr Vater hatte sie vorher bedrängt, doch die „guten Zeiten“ nicht zu vergessen. Ich werde tagelang in die fragile Familiendynamik hineingezogen.

Danach fühlt der Besuch bei Ulrich Schmid sich fast wie ein Kurzurlaub an. „Üli“ war der berüchtigte Chemiker von Centrepoint und maßgeblich an der Herstellung von Ecstasy und LSD beteiligt, das in Familiengruppen genommen wurde. Der gebürtige Schweizer lebt auf einem 81 Hektar großen Traumgrundstück mit Olivenhain und Meerblick hoch im subtropischen Norden von Neuseeland. Schmids neun Kinder aus verschiedenen Ehen hatten feindselig auf mich reagiert. Der schmächtige Mann überschüttet mich dagegen mit Freundlichkeit: „Willst du was essen, hier schlafen? Kein Problem.“

Eine Sechsjährige in pinkfarbenen Boxershorts trippelt in hochhackigen Frauenschuhen kichernd in die Küche, wo mir „Papi“ – sein Spitzname bei Centrepoint – geschmorte Pilze auftischt. Ich verdränge, dass ihr Vater an die aktive Sexualisierung von Kindern glaubte und noch immer meint, die Mädchen, die ihn und andere angezeigt haben, hätten das nur in der Hoffnung auf Schmerzensgeld getan. Anstatt mir seine Verschwörungstheorien anzuhören („Freie Gruppen werden überall auf der Welt zerstört.“), sollte ich lieber härter nachbohren, denke ich. Aber auch der charmante Ulrich Schmid will nicht über Centrepoint reden. Jeder Löffel Pilze ist wie ein Pakt mit dem Feind.

Es tat scheußlich weh

Und dann stoße ich auf Louise. Zuerst in einem alten Artikel, anonym: eine Zwölfjährige, die allein in einem Wohnwagen auf dem weitläufigen Centrepoint-Gelände lebte. Niemand weiß, wo sie ist, was sie macht. „Sie ist abgetaucht“, höre ich, „verloren.“ Ihre Mutter war eine von Bert Potters Lieblingsfrauen, später dann ein spirituelles Medium. Vor acht Jahren starb sie.

Als ich endlich an Louises Handynummer komme, ist diese abgemeldet. Ihr Bruder meint, sie würde zu Weihnachten vielleicht beim Vater auftauchen. Kann ich dort unangemeldet anrufen und sie auf das ansprechen, was ihr dunkelstes Geheimnis sein könnte? Mittlerweile bin ich vorsichtiger geworden. Doch Louise kommt ans Telefon. „Wie hast du mich gefunden? Ich habe meinen Namen so oft geändert.“ Sie lacht auf, doch ihre Stimme zittert. „Ich kann mich gut verstecken.“ Das Mädchen aus dem Wohnwagen hat später fünf Personen angezeigt. Eine Frau und drei Männer wurden verurteilt. „Ich habe noch niemandem meinen Fall erzählt.“ Jetzt ist sie so weit. Bevor wir auflegen, fragt sie mich: „Bist du sicher, dass du das tun willst?“

Wieder fliege ich nach Auckland. Louise ist 45, sieht aber älter aus – kein Make-up, graublondes Haar im schlichten Pferdeschwanz, ein schüchternes Lächeln. An ihrem Schlabberpulli hängen Katzenhaare. Ihr Zuhause und ihre Arbeit hat die Computer-Fachfrau gerade verloren, sie wohnt bei Nachbarn. Wir laufen zu einem Spielplatz. Louise ist nervös, trotz Beruhigungspillen. Ich frage sie, ob sie jemals in Therapie war. „Vor vielen Jahren bin ich in eine Beratungsstelle gegangen“, sagt sie. „Die Frau dort musste sich nach dem ersten Gespräch übergeben. Das war's.“ Ein Schulterzucken und lakonisches Lächeln. „Ich habe dich gewarnt.“

Louise Winn war eine nierenkranke, unterentwickelte Zehnjährige mit roten Haaren, als ihre Familie zu Centrepoint stieß. Die Eltern kümmerten sich dort ab sofort nicht mehr um sie. Louise liebte das große Trampolin im Freien. Einen Monat nach ihrer Ankunft kam Potters Frau Margie aus der Küche und fragte das Kind, ob es zu Berts Hütte kommen wolle. Louise fühlte sich geehrt. Sie ahnte nichts.

An das erste Mal kann sie sich nicht mehr erinnern. Aber es lief immer gleich ab. Margie befriedigte Potter und Louise musste ihn ebenfalls anfassen. Dann stimulierte er sie beide oral. Es tat scheußlich weh. Margie besänftigte Louise und lächelte permanent. Louise zog in einen der Wohnwagen. Er hatte kein Schloss. Abends krochen Männer zu ihr ins Bett. Sie floh hinter die Hütten und in den Wald rund um das Gelände. Niemand vermisste sie oder suchte nach ihr. Sie wusch sich nicht mehr, um abstoßend zu sein. Dachte, es sei nur sie. Keine Option, „nein“ zu sagen. Angst davor, dass sie in einem Workshop enden würde, wo sie nackt den Raum 24 Stunden lang nicht verlassen dürfte. Also verbrachte sie ihre Zeit mit Büchern und in der Töpferei. Dort wurde sie befummelt, als sie um eine Kopfmassage gegen ihre Migräne bat.

„Ich habe mich so allein gefühlt“

Louise verbarrikadierte sich in ihrem Caravan mit Gerümpel – ein Labyrinth, über das die Eindringlinge im Dunkeln stolperten. Nachts hörte sie Ratten im Müll. Bert Potter stellte fest, dass er keinen Finger in sie einführen konnte und sprach mit dem Arzt der Kommune darüber, ihr Jungfernhäutchen entfernen zu lassen. In dem Jahr versuchte Louise, sich umzubringen. Als ihre Mutter sie mit aufgeschnittenen Pulsadern fand, brachte sie sie in ihrer Hilflosigkeit zu Bert, dem Übervater. Er verlangte, dass Louise zur Besserung jeden Tag nach der Schule in seine Hütte kommen solle. Niemand half ihr.

Louise rollt sich eine Zigarette. Die Sonne geht hinter dem Spielplatz unter. „Also sage ich immer, dass ich auf einer Farm groß geworden bin.“ Sie kann aus Angst vor „denen“ noch immer nicht Albany betreten – den Vorort, zu dem Centrepoint gehörte. Als sie im Autoradio hörte, dass Bert Potter gestorben sei, grinste sie die gesamten 125 Kilometer bis nach Auckland. Es habe sich unglaublich angefühlt, sagte sie.

Jetzt weint sie. Endlich. Ich wische über ihre Wange, ziehe dann verunsichert meine Hand zurück. Ich bin nicht Louises Retterin. Ist das alles kathartisch? Oder bohre ich nur in dreißig Jahre alten Wunden?

Auf meinem Schoß liegt eine Mappe mit Louises Anwaltsschreiben und Tagebucheinträgen. Darunter sind ihre Gedichte von früher, in Großbuchstaben geschrieben. „Mami/Ich habe Angest/ Mami/Es tut mir weh“. Am Ende finde ich eine Notiz der Mutter aus dem Jahr 1990 an ihre Tochter, nachdem die Polizei mit beiden gesprochen hatte: „Hoffe, alles ok bei dir. Xx“

Nichts ist okay, als ich sie zwei Tage später anrufe. Sie verbringt ihre Tage in der Bücherei. Hat kein Geld mehr und flüchtet sich in Fantasy-Romane. Barri Leslie fällt mir ein. Vielleicht kann die alte Veteranin Louise helfen, an Unterstützung vom CP-Treuhandfonds zu kommen, die Opfern wie ihr zusteht.

Abreagieren beim Unkraut zupfen

Barris Haus ist aufgeräumt und steril wie immer. Die beiden Frauen umarmen sich lange. Dann redet Barri nur von sich. Erklärt Potters Manipulation, die sexuelle Unterdrückung in jener Zeit, dass niemand die Zeichen für Missbrauch kannte. „Eine gute CP-Mutter ließ ihr Kind sexuell frei aufwachsen.“ Einmal sah sie eine weinende Frau, deren Tochter von Potter und seiner Frau mitgenommen worden war. Margie Potter sei bis zur Scheidung während des Gerichtsprozesses selbst ein tragisches Opfer von Gehirnwäsche gewesen. Und wo waren die Väter?

„Ich habe mich so allein gefühlt“, sagt Louise mit zitternden Lippen. „Es war furchtbar“, sagt Leslie, „ganz furchtbar.“ Sie schaut die andere dabei nicht an. Sie verpasst die Chance auf eine Entschuldigung. Doch sie hilft ihr, im Internet eine Therapeutin zu finden. „Ich habe genug Nächte wach gelegen, mich umbringen wollen“, sagt mir Leslie danach. „All die Schuldgefühle helfen niemandem. Ich muss Menschen informieren, damit es nicht wieder passiert.“ Dann geht sie Unkraut im Garten zupfen, um sich abzureagieren.

Auch Louise ist aufgewühlt. Mehr als das. Die Wut bricht sich endlich Bahn. Ich höre, wie sie sich am anderen Ende der Telefonleitung eine Zigarette ansteckt. „Weißt du was“, sagt sie, und ihre Stimme wird roh. „Ich will all die Centrepoint-Leute in einen Raum stecken und jedem ins Gesicht brüllen: ‚Wie konntest du nur?‘ Und es sie spüren lassen. Bis sie es kapieren.“

Ich möchte einige dieser Leute ebenfalls anbrüllen: „Wieso kapiert ihr es jetzt noch immer nicht?!“ Ich bin zu nahe herangerückt.

„Es tut mir leid“, entschuldigt sich Louise. „Ich habe dir nicht alles erzählt. Nicht mal der Polizei.“ Wieder bricht ihr fast die Stimme. „Wenn ich den Teil meiner Geschichte erzähle, zerfalle ich komplett. Es würde mich umbringen.“

Das ehemalige Centrepoint-Gelände gibt es noch immer

Meine Korrespondenz mit Len Oakes, dem Autor von „Inside Centrepoint“, verändert sich. Der Kultexperte ist mir gegenüber vorsichtiger, während mein Ton schärfer wird. Ich plädiere auf Reue und Einsicht. Der moralische Kreuzzug, zu dem meine Recherche mutiert ist, zehrt an mir. Ich bin wie besessen und gleichzeitig zutiefst erschöpft von den Erwartungen und Anschuldigungen, die ich mit mir herumtrage. Anstatt mich mit Louise Winn zu verbünden, sollte ich selbst Supervision bekommen.

„Wetten, dass sie bleich wird, wenn du meinen Namen erwähnst“, sagt Louise. Ich gehe Carol Hopps* interviewen. Die ältere Frau, die eine Hawaii-Blüte im Haar trägt, wirkt naiv. Sie hat damals ihrem Mann junge Mädchen zugeführt. Eine Zwölfjährige – als „Geschenk“ zum 40. Geburtstag – war die spätere Schauspielerin, mit der ich mich getroffen habe. „Ich dachte nicht, dass die Mädchen missbraucht wurden, weil alles sehr liebevoll geschah“, sagt Hopps mit großen Augen. Louise sei nicht darunter gewesen, versichert sie mir. Am nächsten Tag schreibt sie einen Brief, den ich Louise übergeben soll. Doch zuerst liest sie ihn mir vor. Will sie etwas gutmachen – oder nur gut dastehen?

Louise sieht zehn Jahre jünger aus, als ich sie wiedertreffe. Eine neue Haarfarbe, ein bunter Blumenrock. Barri Leslie und sie treffen sich jetzt öfters. „Mein Leben hat sich verändert“, sagt Louise. Ich gebe ihr den Brief von Carol Hopps. Sie liest ihn und schaut weg. Tränen steigen auf. „Das ändert gar nichts. Was ist mit den anderen 140 Erwachsenen? Wo waren die alle?“

Barri Leslie schlägt eine Wahrheitskommission zur Versöhnung vor, ohne juristische Implikationen. Eine der ehemaligen CP-Teenagerinnen, jahrelang selbst „Konkubine der Kommune“, möchte alle die ehemaligen Kinder für eine Aussprache in dem früheren Heim zusammenbringen. Aber Louise beispielsweise könnte diesen Ort nicht betreten, ohne wieder traumatisiert zu werden.

Das einstige Centrepoint-Gelände gibt es noch immer. Jetzt heißt es Kawai Purapura und ist ein Retreat-Zentrum für Yoga und Meditation, von üppigen alten Bäumen umgeben. Die ehemaligen Langhäuser, in denen viele Familien in einem Raum schliefen und offen Sex vor ihren Kindern praktizierten, sind in Einheiten unterteilt und vermietet. Ich schlafe im Anbau, der früher die Jugendlichen beherbergte. Man ist freundlich zu mir, aber ich höre auch, dass ich mit meinen Recherchen „schlechte Energie aus der Vergangenheit“ anziehe. Vor zwei Jahren versuchte sich hier eine junge Besucherin umzubringen. Sie war in Centrepoint aufgewachsen.

Es hat etliche spirituelle Reinigungsrituale gegeben. Die neuen Besitzer wollen mit der belasteten Geschichte nichts zu tun haben. Dennoch ließen sie eine der Topfrauen von Centrepoint mit ihrer Therapiepraxis bei Kawai Purapura einziehen. Ich stoße in der Gemeinschaftsküche auf sie: eine große Frau, die von oben herab redet und jede Frage abwehrt, als ob sie Fliegen verscheuche. Sie war Louises Vormund, da die Eltern in der Community von den Kindern getrennt wurden. „Nun, ich hoffe, dass ihr geholfen wird“, sagt sie kühl.

Emotionale Distanz

„The Glade“ ist eine Lichtung hinter den Häusern, auf der über hundert Menschen samt Jugendlichen zum ersten Mal zusammen Ecstasy nahmen. Hier treffe ich an einem sonnigen Morgen einen von Louises Peinigern: Bert Potters Sohn John. Der Mittvierziger kommt per Rad, sportlich, mit Ohrring. Statt Feindseligkeit spüre ich Neugier. Unser dreistündiges Gespräch ist wie ein Ausflug in ein unbekanntes Land mit einem Fremdenführer, der nichts über sich preisgeben will. John Potter hat nichts mehr zu verlieren, will aber den Ruf seiner zweiten Frau schützen, die früher Ärztin bei Centrepoint war und jetzt Professorin an der Medizinhochschule in Auckland ist. Das umstrittene Paar ist noch immer mit rund 200 Leuten von damals in Verbindung. Einige davon treffen sich regelmäßig – nicht für Sex, sondern zu Handarbeiten.

Auf der Beerdigung seines Vaters trug John Potter eine öffentliche Entschuldigung vor. Doch er scheint sich nicht daran zu erinnern, was er Louise angetan hat. Meine Erklärung macht ihn stumm. Von allen verurteilten CP-Tätern ist er der einzige, dessen Namen ich nennen darf.

An meinem letzten Morgen in Kawai Purapura klettere ich einen Hügel hoch. Unter mir liegt das Schwimmbad, das so viele Idealisten gemeinsam gebaut haben. Louise Winn saß oft hier oben und stellte sich vor, eine Scharfschützin zu sein. Einen Mann nach dem anderen würde sie abknallen. Eine Stunde später geht eine E-Mail von Len Oakes bei mir ein: „Ich bin bereit, Ihrem Wunsch nachzugeben und mich vor die Opfer zu stellen, um das zu sagen, was endlich gesagt werden muss.“

Das hätte das Ende meines Buches werden sollen. Eine enge Freundin von mir stirbt Mitte 2014 mit ihrer kleinen Tochter bei einem Autounfall, ihr Mann überlebt nur knapp. Angesichts seines Traumas lassen mich die Dramen von Centrepoint plötzlich kalt. Monatelang bin ich zu gelähmt, um weiter am Buch zu arbeiten. Doch die emotionale Distanz hilft auch, mich wieder auf das Thema einzulassen. Es gibt so viele ungelöste Fragen: Warum wurden einige CP-Mitglieder gerichtlich verfolgt und andere nicht? Und wo ist all das Drogengeld geblieben? Das Projekt fühlt sich mittlerweile wie eine Everest-Besteigung an, bei der ich im Basislager feststecke und nicht mehr vor und zurück kann.

Schnell raus aus „Bertland“

Kurz vor dem Tod meiner Freundin hat das Hohe Gericht Neuseelands Hunderte von Seiten an Prozessprotokollen an mich freigegeben. Hier sind all die Stimmen derer, die nicht mit mir reden wollen – jeder Fall eine Tragödie für sich. Das Material, das ich nach zwei Dutzend Interviews ausgegraben habe, ist immens, und dennoch fehlen mir Fakten. Ein CP-Junge, der sexuell von einem Mann wie auch einer der Therapeutinnen missbraucht wurde, will ein Vierteljahrhundert später endlich Anzeige erstatten. Er braucht Zeugen und spricht mich auf Kontakte an. Jetzt sitze ich auf Informationen, die anderen helfen können. Oder sie zerstören.

Ich fliege wieder nach Australien, diesmal in die Nähe von Byron Bay, wo ehemalige CP-Leute eine neue Community mit einem eigenen „Liebesraum“ gründeten. Ihr patriarchalischer Leithammel war einer der meistgehassten Männer bei Centrepoint und schaffte es, nach seiner Haftzeit Neuseeland mit einem neuen Pass zu verlassen. Kurz nach Bert Potters Tod brachte sich der krebskranke Anhänger um. Er war ein wunderbarer Vater, erzählt mir seine halbwüchsige Tochter. Ihre Mutter ist schwer depressiv. Das 18-jährige Mädchen weiß nichts von dem, was über Centrepoint bekannt ist. Was tue ich dieser offenherzigen jungen Frau und ihrer kranken Mutter mit meinem Buch an?

Als ich wieder in Neuseeland lande, erfährt dort die ehemalige Schauspielerin, dass ich ihre Gerichtsakte habe. Sie sieht rot und droht meinem Verlag in Sydney. Der will plötzlich meinen Abgabetermin nicht mehr verlängern. Eine unüberwindbare Hürde. Oder ein Segen.

Ich höre einfach auf. Es bleibt Erleichterung. Es ist vorbei. Es war zu schwer, zu dunkel, zu groß und kaputt. Ich muss raus aus „Bertland“.

* Namen geändert