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Pfefferspray: Auf Knopfdruck Schmerz

Ein Demonstrant hat eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht bekommen.

Ein Demonstrant hat eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht bekommen.

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dpa

Eine Paprika ist harmlos, vielleicht sogar ein bisschen langweilig. Genau genommen ist sie eine Null. Interessanter wird es bei Peperoni, die schaffen dreistellige Werte, und Jalapeños knacken sogar die Tausendermarke. Rekordhalter ist die berüchtigte Habanero-Schote, eine halbe Million Einheiten auf der Scoville-Skala sichern ihr den Spitzenplatz. Sie ist die wohl schärfste Pflanze der Welt.

Wer schon einmal Chilischoten klein geschnitten und sich danach durch die Augen gewischt hat, dürfte seitdem wissen, warum gründliches Händewaschen hilfreich sein kann. Wer schon einmal Pfefferspray im Gesicht hatte, ist anderes gewöhnt: Ein Polizist versprüht auf Knopfdruck 5,3 Millionen Scoville-Grade reinen Schmerz.

Robert Thompson ist ein amerikanischer Professor für Popkultur und sagt, dass „wir in einem Zeitalter des Pfeffersprays leben“. Wo Diktatoren Demonstranten niederschießen lassen, lassen demokratische Regierungen zur Sprühdose greifen. Wasserwerfer sind schwerfällig und haben nicht den allerbesten Ruf, seit das Foto von Dietrich Wagner zum Symbol des Protests gegen Stuttgart 21 wurde. Bluttränen liefen ihm über das Gesicht, der Wasserstrahl hatte ihn fast vollständig blind geschossen.

Fehler bei der Übersetzung

Pfefferspray gegen amerikanische Occupy-Demonstranten, Pfefferspray gegen deutsche Castorgegner, Pfefferspray gegen die Jugendproteste in Madrid, Tel Aviv und Santiago de Chile. Das Krisenjahr 2011 ist auch das Jahr des Pfeffersprays.

Die Geschichte des Reizgases beginnt mit der Angst vor dem Tier: In den sechziger Jahren schützten sich Postboten mit einem Mix aus Cayennepfeffer und Mineralöl vor übereifrigen Wachhunden, und amerikanische Park-Ranger hielten damit zudringliche Grizzlybären auf Distanz. Aus dem frei verkäuflichen Pfefferspray entwickelte das FBI „waffenfähiges Material“, wie es die New York Times nennt, und Anfang der Neunziger begannen dann Polizisten in aller Welt, das scharfe Zeug einzusetzen.

Bereits das Wort führt in die Irre. Mit schwarzem Pfeffer, wie er in der Küche verwendet wird, hat das Pfefferspray aus der Dose nichts zu tun. Das englische Wort „Pepper“ kann für Chilischoten oder für Pfeffer stehen, und bei der Übersetzung hat man sich für die falsche Variante entschieden. Der Wirkstoff Oleoresin Capsicum ist ein synthetisches Produkt des Chili-Wirkstoffs Capsaicin und sorgt, vermischt mit Wasser und Ethanol, für vorübergehende Blindheit, Hustenanfälle und rote Quaddeln – im besten Fall.

Die Amerikanische Bürgerrechtsunion ACLU hat etliche Todesfälle nach Pfefferspray-Einsätzen recherchiert, allein in Kalifornien starben zwischen 1993 und 1995 26 Menschen. 2003 veröffentlichte das amerikanische Justizministerium eine Studie, die 63 Todesfälle im Zusammenhang mit Pfefferspray dokumentiert. Zwar ließ sich die genaue Todesursache nicht immer mit Sicherheit bestimmen, fest steht aber: Pfefferspray kann töten. Vor allem in Verbindung mit Drogen oder Psychopharmaka ist der Wirkstoff Capsaicin hochriskant. Der amerikanische Suchtmediziner John Mendelson wies durch Tierversuche nach, dass diese Kombination oft tödlich endet. Auch für psychisch Kranke ist Pfefferspray gefährlich, in Deutschland hat es in der Vergangenheit mehrere Todesfälle beim Einsatz gegen Menschen im Wahnzustand gegeben.

Für Soldaten verboten

Wenn ein Soldat Pfefferspray einsetzt, verstößt er gegen das Genfer Biowaffenabkommen. Ein deutscher Polizeivollzugsbeamter darf Pfefferspray als Hilfsmittel der körperlichen Gewalt gegen Menschen einsetzen. Was genau er versprüht, ist streng geheim. Die 40-Milliliter-Dose gibt es bei Amazon für 4,43 Euro, der Inhalt entspricht aber nicht dem Polizei-Spray. Um dessen Zusammensetzung herauszufinden, stellte die deutsche Wired eine Anfrage ans Bundeskriminalamt – einen Monat später hatte man zwar ausweichende Antworten von etlichen Herstellern erhalten, die Rezeptur aber immer noch nicht erfahren.

Auch die amerikanische Wired hat sich mit dem Thema Pfefferspray beschäftigt und dabei mit Ana Yáñez-Correa gesprochen, die sich bei der Texas Criminal Justice Coalition gegen den Einsatz von Pfefferspray engagiert. Sie sagt, dass Polizisten in einer Gefahrensituation einfach drauflos sprühen und ihre restliche Ausbildung vergessen würden, wenn eine Dose am Gürtel baumelt. Zwei Studien aus den Niederlanden haben ergeben, dass an sich harmlose Situationen häufig eskalieren, wenn Pfefferspray eingesetzt wird, und in North Carolina ging die Zahl der Vorfälle von Polizeigewalt um mehr als die Hälfte zurück, nachdem Pfefferspray verboten wurde.

Nichtsdestotrotz ist das Reizgas beliebt bei Polizei und Behörden. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaut, hält es für „ein unerlässliches Mittel“. Rüdiger Reedwisch von der Deutschen Polizeigewerkschaft pflichtet ihm bei: Pfefferspray werde verwendet, um den Einsatz schärferer Mittel zu verhindern und wer sich ordnungsgemäß verhalte, „der kriegt auch nichts ab“.

Möchte man trotzdem auf Nummer sicher gehen und rüstet sich mit einer Skibrille aus, dann droht bis zu einem Jahr Gefängnis. Denn die Brille gilt laut Versammlungsgesetz nicht nur als Vermummung, sondern auch noch als „Schutzwaffe“, also als Gegenstand, der „dazu bestimmt ist, Vollstreckungsmaßnahmen eines Trägers von Hoheitsbefugnissen abzuwehren“. Wer die Schärfe also partout lieber im Essen als im Gesicht haben möchte, macht um Demonstrationen am besten einen großen Bogen. Doch auch der alltägliche Einkaufsbummel kann schmerzhaft enden: In den USA wurde kürzlich eine Frau wegen „competitive shopping“ angeklagt. Sie war auf Schnäppchenjagd und hatte ihre Konkurrenten mit Pfefferspray attackiert.