28.10.2011

Piratenüberfall: „Wir waren in einem Schockzustand“

Von Hannes Gamillscheg
Jan Quist Johansen spricht erstmals über die Entführung.
Jan Quist Johansen spricht erstmals über die Entführung.
Foto: dapd
Kopenhagen –  

Jan Quist Johansen wusste, wie gefährlich die Gewässer waren - und wie berüchtigt für die Piratenüberfälle. In der Adenbucht wurden er und seine Familie entführt. Jetzt spricht er erstmals über die 197 Tage in Piraten-Hand.

Als er am Horizont die Konturen eines Schiffes sah, hätte er den Kurs ändern und fliehen sollen, ehe die anderen sein Segelboot entdeckten. Das hat sich Jan Quist Johansen seither oft gesagt, vielleicht wäre ihm und den Seinen dann erspart geblieben, was sie in den folgenden 197 Tagen durchmachen mussten. Doch der dänische Hobbysegler dachte, dass es wohl nur ein Fischer sei, der vor der Adenbucht seine Netze auswarf. Als er seinen Irrtum bemerkte, war es zu spät. Fünf Männer saßen schreiend in einer Jolle, die auf sie zusteuerte. In den Händen hielten sie Kalaschnikows, aus denen sie in den Himmel feuerten.

Das war am 24. Februar, dem ersten der 197 Tage in somalischer Geiselhaft für Johansen, seine Frau Marie, die drei Teenager Rune, Hjalte und Naja und zwei dänische Gäste, die unterwegs angeheuert hatten. „Die Adenbucht anzusteuern, war der Beschluss meines Lebens, den ich am meisten bereue“, sagt der 52-jährige Vater heute. Zum ersten Mal seit der Befreiung der Familie vor sechs Wochen hat Johansen seine Geschichte der Reporterin einer Boot-Zeitschrift erzählt. Er hat die Hoffnung, nach der Veröffentlichung der Geschichte in Ruhe gelassen zu werden.

Riskante Route

Den Erzählungen zufolge hatten Johansen und seine segelbegeisterten Angehörigen jahrelang von der Weltreise geträumt, die sie dann vor zwei Jahren antraten. Auf den Malediven hatten sie zuletzt haltgemacht, „ein Paradies“ schrieb die Familie in ihren Seglerblog. Dann sollte es nach Europa zurückgehen. Dafür gab es zwei Wege: rund um Südafrika oder durchs Rote Meer und den Suezkanal. Heute bereut Johansen seine Wegwahl, doch als er sie traf, sei sie „gut überlegt“ gewesen, sagt er. Die erste Route hätte ein halbes Jahr extra gedauert und erschien als genauso gefährlich wie die kürzere, die sie schließlich wählten, vorbei an den von Piraten heimgesuchten Gewässern an Afrikas Horn. „Uns war klar, dass das Seefahrtskommando von der Strecke abriet“, sagt Johansen in dem Interview. Doch sie nahmen die Warnungen nicht ernst.

Experten halten die Entscheidung für schwer nachvollziehbar: Die Segler hätten schlichtweg nicht kapiert, in welche Gefahr sie sich begaben, kritisiert Lars Bangert Struwe, Piratenexperte am Institut für Militärische Studien. Die Segler hätten nicht bedacht, dass Seeräuber heute im offenen Meer und sehr professionell operierten. Sie lernten es auf die harte Tour.

Segeln mit „Piratenplan“

Die Segler hatten zwar einen „Piratenplan“. Sie wollten den Navigationscomputer verstecken, Notsignale aussenden und einen Notsender aussetzen. Doch als die Piraten an Bord kamen, herrschte nur noch Angst. „Naja schrie, wir anderen waren in einem Schockzustand“, sagt der Vater. Die Somalier zwangen ihn, 500 Seemeilen Richtung Küste zu segeln, unter ständigen Todesdrohungen. Der Anführer der Piraten machte jedoch schnell klar, dass es ihm nur um Lösegeld gehe.

Als eine somalische Regierungseinheit vergeblich versuchte, die Geiseln zu befreien, wobei sieben Soldaten starben, wurde der Ton schärfer. „Sie fuhren sich mit dem Zeigefinger quer über den Hals und grinsten, sie legten Namen und Daten fest, wer wann erschossen werden sollte, und dann begnadigten sie uns und wunderten sich, warum wir nicht dankbar waren“, erinnert sich Johansen. Die Familie wurde aber nicht getrennt, was sie am meisten gefürchtet hatten. Sie wurden auch nicht geschlagen oder sexuell belästigt. Sie hungerte nicht. Doch die Wasserrationen wurden immer knapper. Johansen: „Zehn Mundvoll trockener Reis schnüren die Kehle zu“.

Drei Millionen Dollar Lösegeld

Was sie gelernt haben in den Monaten der Gefangenschaft? Dass materielle Dinge nichts bedeuten. Dass „der Wert von Sauberkeit weit übertrieben ist“, wie Rune meint. „Vor Kleinigkeiten habe ich jetzt keine Angst mehr“, sagt Naja. „Wir sind alle demütiger und dankbarer geworden“, sagt Mutter Marie.

Johansen wusste, dass sein Bruder über Mittelsmänner mit den Piraten verhandelte, er wusste auch, dass die Summen, die die Seeräuber verlangten, unbezahlbar waren. Wo sie sich einigten und wer daran beteiligt war, ist geheim, später sprachen die Piraten von drei Millionen Dollar Lösegeld. Lange geschah nichts. Die Anspannung wurde immer größer. Bis endlich der Tag kam, an dem die Entführten in eine Jolle stiegen, die sie zu einem US-Kriegsschiff brachte. Als sie etwas entfernt von den Piraten waren, riss sich Naja den Kittel vom Körper und schrie: „Yes!“

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