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Protest beim ORF: Der österreichische Frühling

Ein Screenshot aus dem Protestvideo der ORF-Redakteure.

Ein Screenshot aus dem Protestvideo der ORF-Redakteure.

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dapd

Da soll noch mal jemand sagen, die Sprengkraft des Web 2.0 sei nur für politische Revolutionen in Diktaturen mit fragwürdiger Medienfreiheit geeignet. Derzeit sorgt in Österreich ein Youtube-Video für Aufsehen, das von Menschen kommt, die sich mit Medien auskennen: 55 teils hochkarätige Journalisten des staatlichen Österreichischen Rundfunk wehren sich mit dem filmischen Protest gegen politische Postenbesetzungen in ihrem Unternehmen und greifen dabei die Spitze des eigenen Medienhauses an.

„Die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die in der Verfassung garantiert ist, lassen wir uns nicht nehmen, weder durch parteipolitische Wünsche noch durch die offenkundige Bereitschaft der ORF-Geschäftsführung solche Wünsche zu erfüllen“, heißt es da. Tausendfach via Facebook geteilt, wurde der Film schon mehr als 400 000 Mal geklickt – und das will in Österreich etwas heißen: Der Film hat somit mehr Zuseher als die meisten Sendungen des ORF.

Wenig Erfahrung, aber gute Kontakte

Stein des Anstoßes für die ungewohnte Aktion des zivilen Ungehorsams gegen das eigene Unternehmen ist ein Personalpaket, das ORF-Chef Alexander Wrabetz geschnürt hat, um seine im Herbst erfolgte Wiederwahl zu fördern. Vor allem die Bestellung des 25-jährigen Niko Pelinka, der trotz seinen jungen Jahren für die SPÖ im höchsten Aufsichtsgremium des ORF saß und Wrabetz dort die Wiederwahl sicherte, sorgte für einen Aufschrei. Wrabetz wollte Pelinka als seinen Büroleiter installieren – ein Schlüsselposten für einen jungen Mann mit wenig Erfahrung, dafür aber aus dem direkten Umfeld der SPÖ-Zentrale.

Dass Pelinka somit gewissermaßen zum weltlichen Prälat des ORF wird, wollte den Journalisten im ORF so gar nicht schmecken. Immerhin könnte die neue Protest-Variante „österreichischer Frühling“ von Erfolg gekrönt sein: Dem Vernehmen nach soll die umstrittene Personalie nach nahezu vier Wochen intensivem Protest bereits wieder vom Tisch sein.

Dem kolportierten Rückzug der nun wohl verheizten SPÖ-Nachwuchshoffnung ging ein bislang beispielloser Kampf der ORF-Journalisten voran, der in einer breiten öffentlichen Debatte mündete. Zahlreichen Appellen, die strategisch am Tag vor Weihnachten bekannt gemachte Bestellung zurückzuziehen, folgten offene Briefe sowie Kommentare von allen Seiten. Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, so etwas wie das literarische Gewissen Österreichs, sah in einem Text das Ende der Sozialdemokratie gekommen. Aber auch Pelinkas bestens vernetzte Familie schoss medial zurück: Sein Onkel, der Politikwissenschafter Anton Pelinka etwa in der Wochenzeitung Die Zeit. Auch das österreichische Magazin News sah die Sache anders. Der Chefredakteur ist dort Niko Pelinkas Vater, Peter Pelinka.

Der Autor ist Redakteur der Wiener Zeitung.



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