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Rooftopper: Leben am Abgrund

Ein Hotspot für Rooftopper: New York City

Ein Hotspot für Rooftopper: New York City

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imago stock&people

Ich bin glücklich da oben“, sagt Vitaliy Raskalov. Da oben, das ist für den Ukrainer zum Beispiel die Spitze des Kölner Doms, das Dach des Kollhoff-Towers am Potsdamer Platz, der Turm des Gebäudes der Lomonossow-Universität in Moskau, die Spitze der Cheops-Pyramide und zuletzt der Kran auf dem sich noch im Bau befindlichen Shanghai-Tower in China. Vitaliy Raskalov, ein 21-jähriger Junge mit schulterlangen, lockigen Haaren, ist einer der bekanntesten Rooftopper der Welt.

„Fast wie im Weltraum“

Rooftopper klettern auf hohe Gebäude, gänzlich ohne Sicherung, aber dafür immer mit einer Kamera am Kopf oder in der Hand. Ganz oben machen sie dann Fotos oder Videos von sich, in schwindelerregender Höhe, gerne direkt an einem Mauervorsprung, direkt am Abgrund. Die Aufnahmen werden im Internet oft innerhalb weniger Stunden zu Hits. Vor allem Russen und Ukrainer sind in der Szene aktiv – Raskalov führt das darauf zurück, dass es in ihren Ländern kaum Sicherheitsvorkehrungen gibt. Aber auch das kanadische Toronto ist ein Hotspot und aus Sydney wurde kürzlich vermeldet, dass der lebensgefährliche Trend dort angekommen sei.

Den Shanghai-Tower, der mit 632 Metern bald das zweithöchste Gebäude der Welt sein wird, hat Vitaliy Raskalov im Februar mit seinem 24-jährigen Freund Vadim Makhorov aus Novosibirsk bestiegen. In Jeans, Kapuzen-Shirts, mit Turn- und Handschuhen haben sie den Rohbau erklommen, als wegen des chinesischen Neujahrsfestes keine Wachmänner vor Ort waren. Sechs Monate lang hätten sie die Tour geplant, sagt Raskalov. In ihrem Video, das bei YouTube mehr als 31 Millionen Mal aufgerufen worden ist, sieht man, wie sie ganz oben sogar noch über ein dünnes Metallgitter auf den Ausleger eines Kranes klettern und sich an der Spitze abklatschen. Leute mit Höhenangst können das kaum mit ansehen. „Ich habe keine Angst vor der Höhe“, sagt dagegen Vitaliy Raskalov. „Ich spüre nur, dass ich sehr, sehr hoch oben bin. Fast wie im Weltraum.“ Einfach frei fühle er sich dann.

Angefangen mit dem Rooftopping hat der Russe vor etwa vier Jahren. Er besaß eine Kamera, machte Fotos am Boden, aber die beeindruckten niemanden so richtig. In seinem Freundeskreis gab es Leute, die auf Dächer kletterten. „Und da dachte ich, von den Dächern könnte ich gute Bilder machen“, erzählt Raskalov. Er kletterte auf ein Hochhaus in Moskau – und so ging alles los. 2011 lernte er dann Vadim Makhorov kennen. Sie kletterten über die Tragseile auf den Pylon der Moskauer Brücke und stellten davon erstmals ein Video ins Netz. 1,5 Millionen Leute haben sich das angeschaut. Raskalov ist immer noch etwas verwundert, dass seine Filme ein so großes Publikum finden. „Wenn dich die Leute in Russland auf einem Dach rumklettern sehen, denken sie höchstens, dass du etwas klauen willst. Da ist das normal. Aber in Europa und den USA sagen alle ‚Wow‘.“ Er sagt, es gehe ihm nicht darum, berühmt zu sein, und auch nicht nur um das Geld, das er mit dem Verkauf von Fotos verdiene. „Ich liebe das Klettern an außergewöhnlichen Orten einfach.“

Einreiseverbot in drei Ländern

Trotzdem ist schwer nachvollziehbar, warum junge Leute mit solchen Aktionen ihr Leben riskieren. Raskalov sagt, die Arbeiter, die die Hochhäuser bauten, riskierten ja auch ihr Leben. Ihm gehe es einfach darum, schöne Bilder und interessante Videos zu machen. Und Makhorov fügt hinzu: „Ich habe keine Angst um mich, eher um die Schwachköpfe, die ohne Erfahrung versuchen, uns nachzumachen.“ Werbestrategen sind inzwischen auch auf den Nervenkitzel aufmerksam geworden: Eine niederländisches Schuh-Marke sponsert seit einem Jahr Vadim Makhorov und Vitaliy Raskalov. In zwei Filmdokumentationen zum Thema „Rooftopping“ ist unter anderem zu sehen, wie die beiden den Kollhoff-Tower in Berlin besteigen.

Dennoch ist Rooftopping natürlich illegal. Vitaliy Raskalov sagt, er habe in drei Ländern Einreiseverbot. Dies ist auch der Grund, warum die beiden Rooftopper unter Pseudonymen agieren. Sie wollen weitermachen, bis sie jede Großstadt von ganz oben gesehen haben.