04.01.2012

Skandal um Brust-Implantate: Angst vor den Kissen

Von Stefan Brändle und Johannes Wetzel
Für diese Silikon-Implantate wurden billige Materialien aus der Baubranche verwendet. (Foto: AFP)
Paris –  

Der Skandal um billige Brustimplantate lässt die Franzosen an ihrem Gesundheitssystem zweifeln. Offenbar nahm der Hersteller schlichtweg das billigste Material. Der deutsche Silikon-Lieferant Brenntag ist sich unterdessen keiner Schuld bewusst.

Es gibt auch Menschen in Frankreich, die trotz der bedrückenden Nachrichten um die schadhaften Brustimplantate der Firma PIP den Humor nicht verlieren. „Zum Glück raucht meine Frau nicht im Bett“, schrieb ein Mann im Internet – eine Anspielung auf die Nachricht, dass die Implantate Baysilone einen Treibstoffzusatz enthielten.

Doch der Mann ist die Ausnahme. Den meisten Franzosen ist nicht nach Lachen zumute, denn die Medien berichten täglich über neue Ungereimtheiten. „Was zum Teufel steckt nur in diesen vermaledeiten PIP-Prothesen?“, fragte die Pariser Zeitung Libération am Dienstag fast schon ratlos. Und der Figaro klagte: „Die chemische Zusammensetzung dieser Silikonkissen macht Angst.“

Silikon aus der Baubranche verwendet

Baysilone, Silopren und Rhodorsil heißen die Stoffe, die viele Franzosen erschrecken. Sie werden vor allem in der Bau- und der Computerindustrie, unter anderem als Dichtungsmasse, verwendet – und neuerdings im menschlichen Körper. Das deutsche Unternehmen Brenntag bestätigte, Poly Implant Prothèse (PIP) beliefert zu haben. Brenntag sieht allerdings bei sich keine Fehler. „In unseren Auftragsbestätigungen wurde klar darauf hingewiesen, dass die Produkte ausschließlich für industrielle Zwecke genutzt werden dürfen (inklusive Körperpflegeprodukte)“, erklärte Brenntag am Dienstag.

Der Silikon-Lieferant Brenntag

Die Firma PIP bezog Industrie-Silikon für ihre Brustimplantate von Brenntag. Das deutsche Unternehmen mit Hauptsitz in Mülheim an der Ruhr ist Weltmarktführer in der Chemiedistribution. Brenntag ist seit 2010 im M-Dax notiert und konnte seinen Umsatz in den ersten neun Monaten 2011 auf 6,5 Milliarden Euro steigern (plus 16 Prozent).
Industrie- und Spezialchemikalien kauft Brenntag in großen Mengen von Produzenten weltweit und beliefert damit die verarbeitende Chemie. Neben der Lagerung gehören auch Servicedienstleistungen wie Mischungen, Neuverpackung und Bestandsverwaltung zum Angebot.
Baysilone heißt das gelieferte Material, das in der Baubranche unter anderem als Dichtungsmasse verwendet wird. Brenntag gibt auf seiner Homepage an, dass die US-Firma Momentive Performance Materials das Silikonprodukt hergestellt hat. Das Unternehmen ging aus GE Bayer Silicones hervor, einem früheren Gemeinschaftsunternehmen des deutschen Chemiekonzerns Bayer mit dem US-Industriekonzern GE.

Nach Angaben von Brenntag erhielten Kunden sämtliche notwendigen Sicherheitsdatenblätter sowie technische Informationen. Anfragen von französischen Behörden seien zudem im April 2010 vollständig beantwortet worden. Seitdem habe das Unternehmen aus Mülheim an der Ruhr keine Nachfragen mehr erhalten. Brenntag werde den Behörden weiterhin alle nötigen Informationen geben.

PIP nimmt billigstes Material

Wie es dann bei PIP zu der Auswahl der Stoffe gekommen ist, erklärte Yves Haddad, der Anwalt des PIP-Gründers Jean-Claude Mas. Das sei eine Kostenfrage gewesen, sagte Haddad und ergänzte: „Also eine Frage des Gewinns. Das ist Kapitalismus, so ist das eben.“ Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen errechnet, dass das PIP-Silikon zehnmal billiger als das medizinische war und die Firma damit eine Million Euro sparte.

Die Angehörigen von zwei verstorbenen Trägerinnen haben inzwischen Klage eingereicht. Außerdem haben weitere 2.400 Französinnen die inzwischen aufgelöste Firma PIP angezeigt; die Stadt Marseille sucht derzeit nach einem großen Saal, in dem während des Prozesses sämtliche Klägerinnen Platz finden.

Auch Behörden stehen am Pranger

Am Pranger stehen auch Behörden wie die französische Gesundheitskontrolle Afssaps. Wegen einer ungewöhnlich hohen Zahl gerissener Einlagen wurde die Behörde im Dezember auf den Schwindel aufmerksam. Der Afssaps wurde schon 2010 vorgeworfen, im Mediator-Skandal jahrelang die Augen zugedrückt zu haben und von der Pharmalobby beeinflusst worden zu sein. Mediator ist ein Schlankheitsmittel des Pharmalabors Servier. Mehr als 500 Mediator-Konsumenten dürften an Herzversagen gestorben sein; der Unternehmensgründer wird sich demnächst vor Gericht verantworten müssen.

Im Fall der Brustimplantate vertritt der Anwalt Philippe Courtois viele Angeklagte. Seine Vorwürfe richten sich auch gegen den TÜV Rheinland. Denn wie etwa für Botox, so der Anwalt, werde die Kontrolle dieser Füllprodukte nicht von der staatlichen Genehmigungsbehörde vorgenommen, sondern von externen Unternehmen – in diesem Fall dem TÜV. Der TÜV habe „nur aufgrund der vorgelegten Dokumente“ geurteilt und seine „jährlichen Kontrollbesuche vorher angemeldet“, sich also leicht täuschen lassen. Der TÜV Rheinland erklärte inzwischen, tatsächlich Opfer einer Täuschung geworden zu sein und das Prüfungszertifikat 2010 zurückgezogen zu haben.

Niedrige Erwartungen an Prozess

Von dem anstehenden Strafprozess erwarten die meisten Franzosen allerdings wenig. Viele erinnern sich noch gut an die Affäre um verseuchte Blutspenden in den 1980er-Jahren. Bis zum ehemaligen Premierminister Laurent Fabius hinauf reichte die Anklage; schließlich wurden aber alle Hauptverantwortlichen freigesprochen. Eine Ex-Ministerin prägte dabei den berühmt gewordenen Satz, sie sei zwar „verantwortlich, aber nicht schuldig“.

Wie groß die Unsicherheit in Frankreich mittlerweile ist, zeigen auch aktuelle Zeitungsberichte über eine seit längerem bekannte Studie, wonach die jüngste Generation einer Verhütungspille die Häufigkeit von – potenziell tödlichen – Venenthrombosen vervierfache. Le Parisien schrieb am Montag, in Frankreich herrsche inzwischen ein „Sturm der Panik“. Im Internet versuchte es jemand mit Galgenhumor: „Aber was soll denn daran so schlimm sein, Industriesilikon zu sich zu nehmen?“, fragte er und gab selbst die Antwort: „Ist doch nur gut für die Arzneimittel- und Schönheitsbranche.“

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