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Berliner Zeitung | Spätkauf in der Innenstadt: München hat jetzt auch einen Späti
15. December 2014
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Spätkauf in der Innenstadt: München hat jetzt auch einen Späti

Dreihundert Biersorten bietet Franz Huemer in seinem Spätkauf an. Er selbst trinkt gegen den Stress allerdings lieber Rote-Bete-Saft.

Dreihundert Biersorten bietet Franz Huemer in seinem Spätkauf an. Er selbst trinkt gegen den Stress allerdings lieber Rote-Bete-Saft.

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Lena Schnabl

Seit Franz Huemer in München den Späti erfand, kann man in der Innenstadt auch nach 20 Uhr noch Bier kaufen. Jeden Morgen um elf schließt Franz seinen Laden auf und um zehn Uhr abends wieder zu – zumindest während der Woche und sonntags. Am Wochenende geht es bis um drei Uhr nachts. In München ist das eine große Sache. Der Spätkauf, sagt Franz, 65 Jahre alt und gelernter Schreinermeister, habe eingeschlagen wie eine Bombe.

„Szenedrinks & Delikatessen“ verspricht das hellblaue Schild. Die Fensterfront gibt die Sicht frei auf Regale mit dreihundert Bieren, Limonaden und Cidres. Viele bunte Etiketten, viele Sorten, die man nicht kennt. Statt Paulaner und Spaten findet man hier Crew Republic, Tilmans und Giesinger. Dazu viel aus dem Ausland: Französische Limonade mit Rose und Mandarine, hawaiianisches Bier, britisches Pale Ale und Stout. Aber auch Augustiner Helles, den Verkaufsschlager.

Drinnen steriles Weiß und Elektromusik, über der Theke ein Kronleuchter aus weißem Plastik, dazu rhythmisch im Takt flackernde Lichter: Franz, kurz geschorene weiße Haare, die letzte Nacht noch im Gesicht, trinkt Rote-Bete-Saft und verschwindet hinter dem silbernen Mac, der den Tresen wie einen dieser modernen Steharbeitsplätze erscheinen lässt. Ist aber nur die Kasse. Wenn er nicht gesehen werden will, stellt er sich einfach dahinter. Er ist kein großer Mann. Die meiste Zeit sind sie zu dritt hier. Franz, sein Kollege Helmut Neuhauser und der Hund Chico. Der Laden wirkt wie eine keimfreie Bierklinik, bereit, Patienten zu versorgen.

"Wir müssen nach Downtown!"

Es begann mit einem: „Mei, schaden tut’s nicht.“ Franz und Helmut hatten damals noch ein Möbelgeschäft – da, wo früher eine Schlecker-Filiale war, wollten sie „modernes Design, qualitativ sehr hochwertig“ verkaufen. „Ramsch können andere besser“, sagt Franz. Für die Berufsschüler von gegenüber war das allerdings nichts. Statt ein Bett für zweitausend Euro zu kaufen, beschwerten die sich darüber, dass es früher bei Schlecker Kippen gab, Süßkram und Cola.

Also erweiterten Franz und Helmut ihr Sortiment. Neben den Möbeln gab es auf einem kleinen Regal nun auch belegte Brötchen, Schokolade und Limo. Ziemlich schnell lief das ziemlich gut und Franz sagte sich: „Wenn das mit dem Angebot funktioniert, dann müssen wir nach Downtown!“ Dazu kam die Idee mit den langen Öffnungszeiten. Das wäre doch mal was. Gab es bisher auch noch nicht. Die zwei fanden ein leerstehendes ehemaliges Antiquitätengeschäft. Einen Tag später unterschrieb Franz den Vertrag.

Es gibt jetzt also einen Späti in München, weil teure Betten bei Berufsschülern nicht mit Bier konkurrieren konnten und Franz sich der Nachfrage anpasste.

Ein Blasser ganz in Schwarz kommt gerade herein, schaut auf die vollen Regale, schaut Franz an. „Entschuldigung, ist das hier ein Späti?“ „Was ist das?“, fragt Franz. „Na, diese Spätkauf-Läden in Berlin, die so lange offen haben.“ „Ja, wir haben lange offen.“ „25 Jahre“, sagt der Blasse, „gab es hier keinen.“ „Und jetzt sind wir da“, sagt Franz. „Ich bin extra nach Berlin gezogen und beim ersten Heimaturlaub ist der Späti da, mitten in München.“ Er schüttelt den Kopf und kauft zwei Augustiner.

In München geht man freitags aus

„Späti? Keine Ahnung. Ich hab halt ’nen Laden“, sagt Franz und, mit Blick in die Ferne: „Ich war seit 40 Jahren nicht in Berlin.“ Er habe aber davon gehört, dass dort Läden 24 Stunden offen haben, dass sich die Nachbarn darüber nicht beschweren und dass man in den Kneipen noch rauchen darf. Wenn man will, muss man überhaupt nicht schlafen in Berlin. „In München geht man halt freitags aus. Und am Samstag, da geht man vielleicht wieder aus, wenn man nicht zu müde ist“, sagt Franz. In seinem Späti ist wochentags um zehn nichts mehr los, deswegen macht er zu. Zwei Stunden länger offen als der Supermarkt, das reicht in München zur Öffnungszeiten-Revolution.

Die drittgrößte Stadt Deutschlands fühlt sich mit ihren 1,4 Millionen Einwohnern oft eher wie ein betuchtes Dorf an. Ein Bier kostet über drei Euro, ein WG-Zimmer auch mal über 600, die meisten können sich das leisten. München ist eine gesättigte, gentrifizierte Stadt, nie im Werden, sondern immer schon fertig. Hier geht man auf den Viktualienmarkt statt zum türkischen Bäcker. Und seit dem Frühjahr eben zu Franz mit seiner edlen Getränkeauswahl. In Berlin würde so ein Späti wie seiner vermutlich nicht funktionieren.

Der erste Kunde heute war ein Nachbar, in Bundfaltenhose und Cordsakko. „Du, Franz“, sagt er, „ich hab gesehen, die Polizei war bei dir. Sicher wegen der Cannabis-Drinks, die du im Angebot hast.“ Und stellt sechs Flaschen Cidre und zwei Stout auf den Tresen. Franz sagt nur: „Wir haben das auch gekühlt.“ „Lass mal.“ 26,60 Euro, der Nachbar gibt 30. „Stimmt so.“ In der Münchner Innenstadt wohnen in puncto Trinkgeld großzügige Leute.

Später sagt Franz, die Nachbarn sähen alles. „Schlimmer als die NSA.“ Und wenn sie etwas sehen, was ihnen nicht gefällt, beschweren sie sich. Rufen die Polizei, weil junge Leute vor dem Laden stehen und trinken und rauchen. Oder als Franz noch ein Schild hatte, das leuchtete. Das stört beim Schlafen und durfte nur tagsüber leuchten. „Die wollen im angesagten Glockenbachviertel wohnen, aber abends nach der Tagesschau soll es leise und dunkel sein.“

Eine große Dunkle und eine kleine Blonde

Das Viertel rund um den Gärtnerplatz, wo sich Kneipen und Restaurants drängen, hat sich in eine Amüsiermeile verwandelt. Aber Ruhe muss sein. Deswegen sind vor dem Theater, wo Studenten zwischen akkuraten Beeten sitzen, „Silencer“ unterwegs. Die Sozialarbeiter sollen dafür sorgen, dass die jungen Leute leise trinken und die Nachbarn nicht belästigt werden. Eine Bar in der Gegend muss um 22 Uhr schließen, weil sich die Nachbarn beschwert hatten, darüber, dass sich davor die Raucher unterhalten haben, die in Bayern nicht mehr drinnen rauchen dürfen. Zu viel Krach für München.

20 Uhr, die anderen Läden schließen, die Partyzeit beginnt. Drei Erstsemestlerinnen – eine große Dunkle, eine kleine Blonde mit Zahnspange, eine Unscheinbare mit Babyspeck – treten auf, kaufen drei Tegernseer Helle. Stehen vor der Theke und schauen das Regal mit Gummibärchen an. Franz hat alle Sorten, die man in Deutschland bekommt. Dreißig, oder noch mehr. „Boah ey! Da fühlt man sich wie früher, so wie als Kind“, sagt die Dunkelhaarige und meint mit „früher“ letztes oder vorletztes Jahr. Die drei wollen vorglühen und später auf den Geburtstag einer Freundin.

Franz sagt, er habe eine 100-Stunden-Woche. Am Wochenende fährt er manchmal früh morgens noch ins Lager, Getränke auffüllen, schläft dann nur ein paar Stunden, bevor es wieder losgeht. Kurz vor der Eröffnung hatte er einen Schlaganfall, sagt er. „Deswegen versuche ich jetzt, mich weniger aufzuregen über die Nachbarn.“ Und trinkt Rote-Bete-Saft. Keine Reha? „Das hier ist meine Reha.“

Ein Dorf in der Nähe von Versailles

Ein französischer Tourist mit schwarzen Wuschelhaaren geht zuerst vorbei und guckt von außen, dreht dann um und guckt von innen. Steht vor den Flaschen der Münchner Brauerei Crew Republik, dann vor Stout-Bieren aus England. Er erzählt Franz von seiner eigenen Pale-Ale-Brauerei in einem Dorf in der Nähe von Versailles, sagt: „Deutsches Bier ist gut, aber Stout und IPA, das ist eine andere Liga.“ IPA. Indian Pale Ale, dieses helle, sehr starke Bier, das den langen Seeweg nach Indien überstehen musste und daher besonders alkoholisch und besonders hopfig gebraut wurde. Gedacht dazu, es 1:1 mit Wasser zu verdünnen. Machte aber keiner.

„Viele kommen rein und sagen: cooles Etikett. Oft rede ich es ihnen dann aus“, sagt Franz. Was sollen die Leute auch mit Stout, wenn sie eigentlich Helles mögen? „Bleib beim Augustiner, wenn dir das am besten schmeckt.“ Anbieten will er die besonderen Biere von kleinen Brauereien trotzdem. Wie früher bei seinen Möbeln möchte er Hochwertiges verkaufen. „Möglichst nichts, was die Leute auch im Discounter kriegen.“ Franz sagt, dass er immer misstrauisch wird, wenn Sachen zu billig sind. „Das kann dann nichts Gescheites sein.“ Ein Bier kostet in seinem Laden je nach Sorte zwischen 1,60 und fünf Euro.

Das Wetter spült die drei Studentinnen von vorhin wieder in den Laden, mittlerweile etwas angetüdelt. Sie wollen jetzt eine gemischte Gummibärchen-Tüte für die Freundin, die ja später Geburtstag feiert. „Je später der Abend, desto mehr Süßes wird gekauft“, sagt Franz. Betrunken wollen sich alle fühlen wie früher, als Kind. Noch eine Haribo-Riesenschlange, bitte.

Oder einen Muffin

Mitternacht. Ein Blonder in grünem Plastikblouson bestellt drei Jägermeister. „Geht nicht.“ „Willst du mir nichts verkaufen? Ich seh’ doch die Flaschen!“ Er deutet in den hinteren Raum, wo ein Regal mit Hochprozentigem steht. Franz hasst Gespräche wie dieses. Er muss jetzt erklären, dass er nach dem allgemeinen Ladenschluss um 20 Uhr nur noch Bier, bayerisches Grundnahrungsmittel, verkaufen darf, nichts Hochprozentiges. Bayern eben.

Aber er hat eine Lösung gefunden, per App. „Du kannst rund um die Uhr bei Opentabs bestellen“, sagt er dem Kunden. „Und dann holst du es hier ab.“ Also steht der Bursche an der Theke, bestellt online, zahlt online und bekommt seinen Schnaps. „Habt ihr auch was zu essen?“ „Ja, so ein bisschen.“ „Was Warmes?“ „Kochen dürfen wir nicht, aber Würstel kann ich dir erwärmen. Oder einen Muffin.“ „Und was sind die Delikatessen?“, fragt der Kunde. Franz grinst und sagt: „Die Delikatessen, das bin ich.“

Franz wäre gerne Mehrzahl. Sagt, er hätte gerne mehr Mitarbeiter für lange Nächte. Da stehen die Kunden in einer langen Schlange auf der Straße, der Laden selbst ist voll und Franz und Helmut verkaufen. Zu zweit, da verliert man schnell den Überblick. Die Leute fangen dann an, zu klauen. Neulich das Trinkgeld-Sparschwein. „Hatte ich von meinen Eltern zum Geburtstag bekommen“, sagt Franz, fast in Rente.

Was wollte eigentlich vorhin die Polizei, Franz? „Och, 50 besondere Biere für einen Kollegen, der 50. Geburtstag hatte.“ Man ist per Du. „Die sind total nett.“ Das einzige Problem seien die Nachbarn. Er fragt: „In Berlin, da sind die Leute wirklich toleranter, oder?“ Und sagt: „Aber da würde ich nie schlafen.“ Deswegen bleibt er lieber in einer Stadt, die nachts immer schläft. München.