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Berliner Zeitung | Südkoreaner auf Charité-Isolierstation: Unklarheit über Berliner Ebola-Verdachtsfall
04. January 2015
http://www.berliner-zeitung.de/853566
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Südkoreaner auf Charité-Isolierstation: Unklarheit über Berliner Ebola-Verdachtsfall

Eine Klinikmitarbeiterin in einem speziellen Schutzanzug geht in Berlin im Virchow-Klinikum der Charite an einem Warnschild mit der Aufschrift "Sperrgebiet - Infektionsgefahr - Zutritt verboten!" vorbei.

Eine Klinikmitarbeiterin in einem speziellen Schutzanzug geht in Berlin im Virchow-Klinikum der Charite an einem Warnschild mit der Aufschrift "Sperrgebiet - Infektionsgefahr - Zutritt verboten!" vorbei.

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dpa

Auch am Sonntagmittag war für die Ärzte der Berliner Charité weiterhin unklar, ob ihr Patient aus Südkorea, der seit Samstagmorgen in einer Sonderisolierstation betreut wird, sich tatsächlich in Westafrika mit dem tödlichen Ebola-Virus angesteckt hat. Um die Anonymität der oder des Betroffenen zu wahren, wird nicht einmal bekannt gegeben, ob es ein Mann oder eine Frau ist, sondern nur von „die Person“ gesprochen. Wie Klinik-Sprecher Uwe Dolderer sagte, liege derzeit kein Befund vor, dass die Person sich angesteckt hat. „Der Person geht es wie am Vortag unverändert gut“, sagte er.

Am Sonntag war der sechste Tag nach der möglichen Ansteckung bei einem schwerkranken Ebola-Patienten, der dann auch einen Tag später gestorben ist. Üblicherweise tritt das starke Fieber bei Ebola meist zwischen dem sechsten und zwölften Tag nach einer Infektion auf. Erst wenn dieses Fieber auftritt, ist der Patient auch ansteckend und erst dann kann der Virus erst sicher nachgewiesen werden. Trotzdem nehmen die Experten der Charité nun jeden Tag bei der Person Blut ab, um mögliche Hinweise auf eine Infektion möglichst früh zu erkennen.

Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr?

Die Spezialisten der Charité sehen gute Chancen, dass die Person gar nicht an dem hochansteckenden und tödlichen Virus erkranken wird. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) sagte auf der Pressekonferenz nach der Ankunft des Krankenfliegers: „Die Person zeigt bislang keine Erkrankungserscheinungen und es besteht also auch noch keine Ansteckungsgefahr.“ Offiziell sei die Person damit noch nicht mal als Patient eingestuft.

Wie geht es dem Betroffenen?

Oberarzt Bergmann erklärt die Einstufung: „Nach unseren ersten Untersuchungen können wir sagen: Die Person ist einem sehr guten Allgemeinzustand, hat kein Fieber und zeigt keinerlei Krankheitssymptome, die auf irgendeine Infektion oder gar Ebola hindeuten.“ Damit sei es offiziell auch noch gar kein begründeter Verdachtsfall. Trotzdem hat die Weltgesundheitsorganisation WHO den Fall als dringend eingestuft, weil sich der oder die Südkoreanerin bei der Behandlung eines Kranken möglicherweise angesteckt hat.

Wer ist der Betroffene?

Offiziell wird nicht einmal bekannt gegeben, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, um einen Arzt oder einen Helfer. Bekannt ist nur, dass „die Person“ – wie sie von den Ärzten und Behörden genannt wird – für eine Hilfsorganisation gearbeitet hat. „Die Person hat inständig darum gebeten, dass größtmögliche Diskretion gewahrt wird und nichts über ihre Identität bekannt gegeben wird“, sagte Bergmann. Das sei auch der Wunsch der südkoreanischen Regierung.

Wie erfolgte die mögliche Ansteckung?

Die Person hat am 29. Dezember in Sierra Leone einem todkranken Patienten Blut abgenommen und sich dabei selbst mit der Nadel verletzt. Der Helfer hat einen Afrikaner behandelt, der hochansteckend war. „Der Patient war bereits wesensverändert“, sagte Oberarzt Bergmann, „hatte multiples Organversagen und ist auch am nächsten Tag verstorben.“ Als dem Kranken das Blut abgenommen wurde, zuckte er so heftig, dass er gegen die Hand seines Helfers schlug und dieser sich dadurch mit der Nadel der Spritze selbst am Zeigefinger der anderen Hand verletzte. Die Nadel durchdrang nach Darstellung der Ärzte alle drei Schutzhandschuhe des Helfers. Die Haut des Fingers wurde leicht verletzt „Die Person sprach von einem scharfen Schmerz“, sagte Bergmann. „Aber es trat offenbar kein Blut aus.“

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass nun Ebola auftritt?

Da kein Blut aus der Wunde am Finger des Helfers austrat, sehen die Fachleute die Chance, dass es gar nicht zur Übertragung des Ebola-Virus kam. „Es sind vier Fälle von Nadelstichverletzungen bekannt, bei denen keine Infektion auftrat“, sagte Bergmann. „Wir wissen nicht, ob die Person infiziert ist. Sie hatte aber einen Hochrisiko-Kontakt mit einem Patienten mit einer hohen Risikolast.“

Was geschah nach der Vorfall in Sierra Leone?

Der Helfer verließ nach dem Stich sofort seinen Patienten, zog sich sorgfältig den Schutzanzug innerhalb von zehn Minuten aus und desinfizierte dann 30 Minuten lang seine Wunde. Danach wurde der Helfer vor Ort isoliert. Anschließend suchte die WHO weltweit nach einem Behandlungsort.

Warum wird die betroffene Person in Berlin behandelt?

Die Charité betreibt im Auftrag des Senats extra eine Sonderisolierstation, um auf mögliche Seuchenfälle vorbereitet zu sein. „Wenn kein Seuchenfall auftritt, wird die Station als normale Station betrieben, damit die Mitarbeiter immer im Training sind“, sagte Ulrich Frey, der Ärztliche Direktor der Charité. Die Klinik bereite sich seit Wochen auf die Behandlung eines Ebola-Falls vor. „Als die Anfrage der WHO an Deutschland kam, war es der Wunsch des Bundes und des Landes Berlin, dass die Charité bereit steht“, sagte Frey.

Warum findet die Behandlung nicht in Südkorea statt?

„Die südkoreanische Regierung hat darum gebeten, dass die Person in Europa behandelt wird“, sagte Oberarzt Bergmann. Zum einen war der Transport schneller möglich. „Und in Europa kann auch leichter gewährleistet werden, dass die Anonymität der Person gewahrt wird.“

Wann gibt es Klarheit, ob tatsächlich Ebola auftritt?

Die Person bleibt mindestens drei Wochen lang in der Charité zur Beobachtung. Üblicherweise tritt bei Ebola das Fieber erst nach sechs bis zwölf Tagen auf, ab dann besteht Ansteckungsgefahr. „Die Person war am Sonnabend bei Tag fünf und gesund“, sagte Oberarzt Bergmann. „Es wurde Blut abgenommen und die Werte sind gut und beruhigend.“ Sobald Fieber auftritt, würden die Ärzte sofort auch „experimentelle Substanzen“ einsetzen, also Medikamente, die noch nicht abschließend erprobt sind.

Wie viele Ebola-Patienten können in der Charité behandelt werden?

Die Sonderisolierstation ist für 20 Patienten ausgestattet: zehn Patienten, die wie in einer Intensivstation behandelt werden müssen sowie zehn Patienten, die nur isoliert werden müssen. „Das Personal dort arbeitet natürlich freiwillig“, sagte der Ärztliche Direktor Frey. Monatelang wurde im Haus für diese Aufgabe geworben und auch die Mitarbeiter trainiert. Insgesamt nahmen 160 Mitarbeiter an den Schulungen teil: Ärzte, Schwester, Pfleger, technisches Personal, Desinfektoren. Es geht vor allem darum, die Schutzkleidung korrekt an- und auszuziehen, um sich nicht zu anzustecken. Insgesamt sind 50 Ärzte dabei, die Erfahrung mit Intensivmedizin haben.

Wie viel Personal ist derzeit nötig?

Die Teams arbeiten in drei Schichten pro Tag. Je ein Team mit zwei Ärzten und drei Pflegern sind in Schutzanzügen bei dem Patienten. Ein Team ist außerhalb dieses möglicherweise ansteckenden Bereichs. Dazu kommt noch Laborpersonal. In den Schutzanzügen können die Helfer nur drei Stunden lang arbeiten. Es dauert dann 15 Minuten, die Schutzkleidung abzulegen, weitere 15 Minuten sind für die Dienstübergabe und für Absprachen mit dem Nachfolgeteam nötig.

Wie kam der Betroffene nach Berlin?

Die US-Firma Phoenix flog den Helfer nach Berlin mit einem Spezialflugzeug. Die Bundesrepublik bot zwar auch einen speziell umgebauten Airbus der Bundeswehr an. Aber der wurde nicht angefordert, weil der Betroffene nicht intensiv-medizinisch betreut werden muss.
Das Flugzeug landete in Tegel auf dem militärischen Teil des Flughafens. Landung: Sonnabend 7.14 Uhr. Ein Spezialfahrzeug der Feuerwehr fuhr an das Flugzeug. „Die Übergabe erfolgte reibungslos“, sagte Stefan Poloczek von der Berliner Feuerwehr. Das Spezialfahrzeug fuhr dann um 7.25 Uhr los und war bereits um 7.40 Uhr an der Charité. Es gab unterwegs keine Verkehrsprobleme, weil nicht viel los war an einem Wochenendmorgen nach Silvester.
Der Konvoi bestand noch aus einem zusätzlichen Rettungswagen und einem Löschzug. Außerdem wurde der Konvoi von der Polizei begleitet.

Wie viele Ebola-Verdachtsfälle gab es bereits in Berlin?

Bei allen Verdachtsfällen kam es nicht zu einer Erkrankung. Nach Angaben der Feuerwehr mussten zwei Mal Leute zu Blutuntersuchungen ins Krankenhaus gebracht werden. Es gab aber auch etwa ein Dutzend Fälle, bei denen falscher Alarm ausgelöst wurde. „Etwa wenn ein Scherzbold aus der Kneipe bei uns anruft und sagt: „Ich habe Ebola“, erzählt Stefan Poloczek von der Feuerwehr.

Wer übernimmt die Kosten der Behandlung?

Wer den Patienten zur Behandlung schickt, übernimmt auch die Kosten – in diesem Fall die WHO. Bislang wurden drei Ebola-Verdachtsfälle in Deutschland betreut: in Frankfurt/Main, in Hamburg und Leipzig. „In Hamburg kostete es zwei Millionen Euro“, sagte Frey. „Denn es mussten noch viele Geräte extra angeschafft werden.“ In Frankfurt kostete die Behandlung eine Million Euro.

Wie wird mit dem Betroffenen kommuniziert?

„Er kann sehr gut Englisch“, sagte Oberarzt Bergmann. „Aber in unserem Team gibt es auch Leute, die Koreanisch können.“ Aber das sei gar nicht nötig gewesen.

Wie reagierte der Betroffene auf die Ärzte?

„Die erste Begegnung mit ihm war sehr herzlich, sehr entspannt“, sagte Bergmann. „Die Person war freundlich und auch humorvoll. Wir haben zusammen viel gelacht.“ Der Helfer aus Südkorea sei sehr offen und die Ärzte könnten alles mit ihm besprechen.

Kommen weitere Ebola-Verdachtsfälle nach Berlin?

„Im Moment gibt es keinerlei Anfragen“, sagte Ulrich Frey, der Ärztliche Direktor. „Aber wir wären jederzeit in der Lage, weitere Patienten aufzunehmen.“