03.02.2012

Tiere im Film: Stars auf vier Beinen

Von Daniel Kothenschulte
Die Filmstars aus The Artist.
Die Filmstars aus "The Artist".
Foto: AFP

Warum gibt es keinen Oscar für Tiere? Uggie, der Terrier aus „The Artist“, wäre der Favorit in diesem Jahr - und er hat viele tierische Kollegen, denen auch eine Ehrung gebührte.

Ein moderner Stummfilm erobert gerade die Welt und seit dieser Woche auch die deutschen Kinos, längst gilt er auch als Oscar-Favorit. „The Artist“, die melodramatische Komödie um einen gefallenen Filmstar, dürfte die Herzen der abstimmungsberechtigten Hollywoodgrößen an den empfindlichsten Stellen brechen, nämlich dort, wo die liebsten Kinoerinnerungen sitzen.

Dem heimlichen Star des Films mit Namen Uggie werden sie leider dennoch keine Stimme geben können, denn der ist ja „nur“ ein Hund. Aber was für einer. Wenn der Jack Russell Terrier bei einem Brand von Filmkopien zur Rettung seines Herrchen eilt, tritt er in die Pfotenstapfen einer ganzen Legion von Kinohunden.

Charlie Chaplin erwies sich in seinem Klassiker „Ein Hundeleben“ mit Scraps als Pionier und die „kleinen Strolche“ hatten einen bemalten Pitbull namens Petey. Doch der erste Hundeweltstar der 20er-Jahre war Rin Tin Tin.

Bei 26 Hauptrollen gelang dem Deutschen Schäferhund nicht nur – anders als vielen menschlichen Stummfilmstars – kläffend leicht der Übergang zum Tonfilm. Als „The Wonderdog“ bekam er 1930 sogar seine eigene Radioshow. Zeitweilig hatte er es auf eine Wochengage von 6000 Dollar gebracht, und selbst um die Umstände seines friedlichen Ablebens wurde er von gestandenen Mannsbildern beneidet: 1932 verstarb er, 13-jährig, im Beisein der Hollywood-Sexbombe Jean Harlow. Noch heute hält ein Stern auf dem Hollywood Walk of Fame die Erinnerung an Rin Tin Tin lebendig, seine sterblichen Überreste ruhen in seiner französischen Heimat, auf dem Tierfriedhof in Asnières-sur-Seine.

Doch Uggie, der Hundekünstler in „The Artist“, hat noch ein weiteres unvergessenes Kinovorbild. Jeder wahre Filmfan kennt den Drahthaar-Terrier aus den spritzigen Screwball-Komödien der 30er- und 40er-Jahre. Sein Geburtsname war Skippy, berühmt aber wurde er als Asta, der treue Begleiter der Gelegenheitsdetektive William Powell und Myrna Loy in der Filmreihe „Der dünne Mann“.

Oscar für das Lebenswerk

Sein Temperament entsprach dem Charakter der Komödien, in denen er spielte: Er war so quirlig, smart und mondän wie der Geist seiner Zeit. Andere Namen trug er in weiteren Filmklassikern: Als Mr. Smith und George sprang er um Cary Grants elegante Hosenbeine in den Filmen „Die schreckliche Wahrheit“ und „Leoparden küsst man nicht“. Und als Mr. Atlas sonnte sich in der Komödie „Topper geht auf Reisen“ Constance Bennett in seinem Ruhm. Der strahlte bald auf die ganze Rasse ab, die durch ihn so beliebt wurde, dass es zu Überzüchtungen kam.

Pippi Langstrumpf (Inger Nilsson im Film von 1968) mit ihrem Äffchen Herr Nilsson.
"Pippi Langstrumpf" (Inger Nilsson im Film von 1968) mit ihrem Äffchen "Herr Nilsson".
Foto: dpa

Gäbe es Tier-Oscars – und warum sollte diese Kategorie eigentlich nicht eingeführt werden – hätte man Asta gewiss für sein Lebenswerk ausgezeichnet. So wie in diesem Jahr die Trophäe wohl seinem Artgenossen Uggie sicher wäre, der noch in einem zweiten Film brillierte. In „Wasser für die Elefanten“ kann man sich davon überzeugen, dass er keineswegs so schwarz-weiß gefärbt ist, wie es in „The Artist“ erscheinen mag, sondern ein braun-weißes Köpfchen hat. Allerdings hatte die Kamera oft ihre liebe Not damit, ihn gemeinsam mit den Dickhäutern in angemessener Größe abzubilden.

„Wenn ich nicht mehr weiter weiß in einer Szene“, gestand einmal in einem Interview der „Pretty Woman“-Regisseur Garry Marshall, „dann schneide ich einfach auf ein Tier“. Seine Filme wimmeln nur so von Hunden und Katzen in Kleinstrollen. Für den Tier-Oscar 2012 wollen wir uns dennoch den tragenden Haupt- und Nebenrollen zuwenden. Im dramatischen Fach stähle wohl ein Pferd unter dem Rollennamen Joey allen Mitbewerbern die Schau.

Es ist das „War Horse“, die Titelfigur in Steven Spielbergs Epos „Gefährten“, das eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg konsequent aus der Perspektive eines zwangsrekrutierten Ackergauls beleuchtet. Dem Meisterregisseur gelang ein Tierfilm, wie es noch keinen geben hat, inklusive seines eigenen „Tim und Struppi“. Selbst Walt Disney, dessen Realfilme wie „Sein Freund Yello“, „Perris Abenteuer“ oder „Mein Freund Red“ in den 50er-Jahren Maßstäbe setzten, müsste „Gefährten“ bewundern.

Erfolgreiches Kinojahr für Tiere

Das einzige Problem bei unseren Tier-Oscars: Es würde sehr eng auf der Bühne. Spielberg, der Tierquälerei ebenso ablehnte wie die Möglichkeit, das Pferd im Computer zu erschaffen, besetzte die Rolle gleich vierzehnfach.

Zoologisch betrachtet erwies sich das Kinojahr 2011 für Hollywood als tierisch erfolgreich. 110 Millionen Dollar spielte allein „Der Zoowärter“ ein, in dem die Tiere von Stars wie Sylvester Stallone oder Nick Nolte gesprochen werden. „Mr. Poppers Pinguine“ mit Jim Carrey brachten es gar auf 122 Millionen. Und selbst ein kleiner Kinderfilm wie der vorzügliche „Mein Freund der Delfin“ erwies sich mit einem Einspielergebnis von 58 Millionen Dollar als überaus profitabel.

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Auch bei unseren Tier-Oscars würde dieser anrührende Film um die Mühen, einen verletzten Meeressäuger mit einer künstlichen Schwanzflosse zu versorgen, viele Sympathiepunkte sammeln. Ein Delfinarium würde man wohl dennoch nicht auf der Bühne sehen – denn zu den Anliegen dieses Films zählt auch die artgerechte Haltung.

„Mein Freund der Delfin“ war auch ein Gegenentwurf zu den oft leidvollen Herstellungswegen früherer Tierfilme. Das Wissen um die Tierquälerei bei den Dreharbeiten hat uns das Vergnügen an der Fernsehserie „Flipper“ gründlich verleidet. Hier war nun ein Delfinfilm, der nicht nur mit einer ähnlichen Geschichte aus Florida das alte Gefühl für den klugen Meeressäuger zurückbrachte. Zudem machte er einen Hauptdarsteller bekannt, der nur in Gefangenschaft überleben konnte: Delfin „Winter“ spielte sich in diesem Drama selbst – und bereitete uns Tierfilmfreunden dabei noch nicht mal ein schlechtes Gewissen.

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