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Tod nach Vergewaltigung in Indien : Sechs Männer wegen Mord angeklagt

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In Delhi und anderen Städten Indiens kam es am Sonntag erneut zu Protesten gegen Gewalt gegen Frauen.
In Delhi und anderen Städten Indiens kam es am Sonntag erneut zu Protesten gegen Gewalt gegen Frauen.
Foto: AFP

Nach einer brutalen Vergewaltigung mit Todesfolge sind in Indien sechs Männer des Mordes angeklagt. Den Peinigern droht die Todesstrafe, die Justiz steht wie kaum zuvor unter Druck.

Im Tod stellen Indiens Behörden einer 23-jährigen Studentin den Schutz zur Verfügung, von dem jede Spur gefehlt hat, als die junge Frau vor zwei Wochen in einem Bus einer Bande von Vergewaltigern zum Opfer fiel. Eine Kolonne von fast 30 Polizeifahrzeugen begleitete die Ambulanz mit dem goldfarbenen Sarg auf der Fahrt von Delhis Stadtteil Chanakapuri, dem Wohnort der Familie, nach Dwarka, wo am Sonntag um 7.30 Uhr morgens in dichtem Nebel die rituelle hinduistische Verbrennung stattfand.

Die Familie und der Leichnam der jungen Frau, die am Sonnabendmorgen Ortszeit in Singapur ihren Verletzungen erlag, sind in den frühen Morgenstunden am Flughafen von Delhi von Premierminister Manmohan Singh und Sonja Gandhi, der Vorsitzenden der regierenden Kongress-Partei empfangen worden, nachdem sie mit einem Sonderflug in der indischen Hauptstadt eingetroffen sind.

Tausende von Polizisten bewachen jede kleine Gasse in den beiden Stadtteilen der Hauptstadt, um erneute Proteste zu verhindern. Das Zentrum gleicht einer Stadt im Belagerungszustand. Dennoch demonstrieren Tausende von Indern in Delhi und anderen Großstädten, verlangen mehr Sicherheit für Frauen und harsche Strafen.

Archaisches Frauenbild

Das indische Frauenbild wird von Gesetzen bestimmt, die zum großen Teil noch aus der britischen Kolonialzeit stammen. Uralte Werte werden als Vorwand genutzt, um Frauen weiter zu unterdrücken. Auch das moderne, boomende Indien pflegt liebevoll das Bild der Bharatiya Nari, der willfährigen Frau, die sittsam den Herd hütet.

Die Gewalt gegen Frauen nimmt zugleich zu, es gibt immer mehr Fälle von Vergewaltigungen. Die Hauptstadt Delhi liegt mit mindestens 661 Vergewaltigungsfällen im Jahr 2012 an der Spitze. Das heißt aber nicht, dass die Gefahr dort größer ist - möglicherweise wagen in der Hauptstadt einfach mehr Frauen, die Tat anzuzeigen und Gerechtigkeit zu verlangen.

Die Gesetze sehen bei Vergewaltigung eine Höchststrafe von zehn Jahren vor. Die meisten Verbrechen gegen Frauen werden aber nie vor Gericht verhandelt, weil die Fälle verschleppt werden.

Sechs Angeklagten droht Todesstrafe

Die Behörden des Landes haben nach dem Tod der Studentin die sechs Verdächtigen, die die junge Frau in einem Bus eine Stunde lang vergewaltigt und mit Eisenstangen misshandelt hatten, des Mordes angeklagt. Ihnen droht nun die Todesstrafe. Bei den Tätern handelt es sich um Wanderarbeiter einer entlegenen Region im ärmsten Bundesstaat Bihar, die ihre Familien in ihren Heimatdörfern zurückgelassen haben. Angesichts ihrer Herkunft liegt die Vermutung nahe, dass die Justiz sie wegen der massiven Proteste der vergangenen Tage schnell aburteilen wird. Bei Tätern aus wohlhabenderen Familien drücken, wie die Erfahrung aus anderen Fällen zeigt, korrupte Richter dagegen gerne beide Augen zu.

Die junge Frau war Mittwochnacht der vergangenen Woche nach Singapur geflogen worden, weil sich ihr Zustand nach einem Herzstillstand rapide verschlechtert hatte. Sie erreichte das Hospital in Singapur mit einem Gehirnschaden und mehreren Infektionen in verschiedenen Organen.

Zuvor hatten die Ärzte des staatlichen Safdarjung-Krankenhauses in Delhi die Öffentlichkeit tagelang in die Irre geführt. Sie behaupteten, der Zustand der 23-jährigen verbessere sich. Dabei mussten Chirurgen ihr bei drei verschiedenen Operationen nahezu den gesamten Darmtrakt entfernen, der bei der Vergewaltigung verletzt worden war und sich infiziert hatte. Sie schafften es auch nicht, die Infektionsherde unter Kontrolle zu bringen. Als die junge Frau in Singapur eintraf, konnten die dortigen Spezialisten nicht mehr helfen.

Die Eltern der 23-Jährigen, die kein Wort Englisch sprechen, hatten sich nur per Dolmetscher mit dem medizinischen Personal in Singapur verständigen können. Für den Vater, der als Packer arbeitet, war die Reise neben der Krankenbahre seiner Tochter der erste Flug seines Lebens.

Das brutale Verbrechen hat Indien aufgewühlt. Es gab Proteste und Polizeieinsätze, es gab viele Versprechen von Politikern. Doch nicht nur Indiens Frauen fühlen sich bedroht und alleingelassen. Die brutale Tat zerstörte auch den Lebenstraum einer Familie, die mit vielen Entbehrungen versucht hatte, der Tochter ein besseres Leben zu bieten.

Die Familie hatte sie zur Universität geschickt, im Glauben, dass ein sozialer Aufstieg im modernen, wirtschaftlich wachsenden Indien möglich ist. Doch die allgegenwärtige Korruption zerfrisst nicht nur Regierung und Politik, sondern auch Institutionen wie die Polizei. Die macht sich lieber davon als einzugreifen, schon gar nicht zum Schutz von Frauen. „Wir sind Süßigkeiten für die Augen der Männer“, schimpft die 28-jährige Roma Rajpal. „Sie glotzen halbnackte Heldinnen auf der Kinoleinwand an und entladen sich mit einer Vergewaltigung der Nachbarstochter, wenn die die Filmstars nachnahmt.“

Politiker sind eifrig und hilflos

Indiens Frauenbild ist geprägt von der Kolonialzeit. Nur so ist der Kommentar der Ministerin Sheila Dixit zu erklären. Sie verlangte von den Inderinnen, „sich nicht abenteuerlustig“ zu verhalten – also Männer nicht zu provozieren. Indien pflegt liebevoll das Bild der Bharatiya Nari, der willfährigen Frau, die brav den Herd hütet.

Junge Liebespaare, die sich in Delhis Lodhi-Park zum Stelldichein treffen, fürchten nicht nur zahlreiche Spanner. Sie riskieren auch, verhaftet und vor Gericht gestellt zu werden, wenn sie kein Schmiergeld zahlen. Manche Bar in Delhi beschäftigt neben Rausschmeißern auch muskelbepackte Männer, die das weibliche Personal schützen.

Mit dem vibrierenden modernen Indien hat dieses Frauenbild kaum noch etwas zu tun. Junge, urbane Frauen kleiden sich in Jeans, sie sind selbstbewusst, eloquent und wehren sich. Das macht selbst die bedenklich ansteigende Zahl von Vergewaltigungen deutlich. Die Hauptstadt Delhi liegt dabei an der Spitze – nicht, weil sie gefährlicher ist, sondern weil viele Opfer sich nicht mehr verstecken, wie es von einer Bharatiya Nari erwartet wird.

Diesen tiefgreifenden Wandel haben viele Politiker und Beamte nicht wahrhaben wollen. Das neue Selbstbewusstsein der Frauen geht einher mit der Fähigkeit, mittels sozialer Medien spontane Demonstrationen zu organisieren. Die Politiker hingegen diskutieren so hilflos wie eifrig über das Verbot getönter Scheiben. Sie rufen Untersuchungskommissionen ins Leben, als ob es sich bei einer Vergewaltigung um einen bürokratischen Vorgang handelt. Und sie leisten sich Sätze wie der Abgeordnete und Sohn des Staatspräsidenten, Abhijit Mukherjee: „Da protestieren doch nur reichlich geschminkte Frauen.“ Inzwischen musste Mukherjee sich entschuldigen. Denn die Forderungen der Inderinnen, das ahnen jetzt auch diese Politiker, werden nicht verstummen.

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