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Berliner Zeitung | Trend "Mermaiding": Meerjungfrauen in deutschen Hallenbädern
11. January 2015
http://www.berliner-zeitung.de/3486406
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Trend "Mermaiding": Meerjungfrauen in deutschen Hallenbädern

Steffi Praher (l) und Katharina Hegemann (r) in Schorndorf im Meerjungfrauen-Kostüm. Foto: Sebastian Kahnert

Steffi Praher (l) und Katharina Hegemann (r) in Schorndorf im Meerjungfrauen-Kostüm. Foto: Sebastian Kahnert

Schorndorf -

Die Berufskleidung von Katharina Hegemann besteht aus einem bunten Schwanz und einem Oberteil aus Muscheln oder Blumen. Will sie sich besonders chic machen, schlingt sie sich ein Fischernetz um die Hüfte. Die 26-Jährige hat keinen gewöhnlichen Job – sie ist Meerjungfrau. Dass sie inzwischen von ihrem Dasein als Nixe leben kann, hat Gründe: Als Nixe durch Schwimmbäder zu planschen, hat sich hierzulande zu einem echten Trend entwickelt.

Dabei wollen nicht nur kleine Mädchen abtauchen wie die Disney-Figur „Arielle“ – der Hype ist auch auf erwachsene Frauen und sogar Männer übergeschwappt. Hegemann hat im schwäbischen Mutlangen den ersten Meerjungfrauenclub Deutschlands gegründet. „Der ist dadurch entstanden, dass die Nachfrage so groß war“, sagt die 26-Jährige.

Den Verein gründete sie vor etwa zwei Jahren. Damals hatte sie eine bunte Schwanzflosse aus Badeanzugstoff entdeckt und suchte Mitstreiterinnen, um damit ihre Runden im Wasser zu drehen. „Meine Freundinnen haben sich nicht getraut, mit mir schwimmen zu gehen, weil es ihnen zu peinlich war“, erinnert sie sich. Inzwischen hat der Club 34 Mitglieder. Weitere Nixen nehmen ohne Mitgliedschaft an speziellen Schwimmkursen teil. Im vergangenen Herbst wurde erstmals eine „Miss Meerjungfrau“ gewählt.

Warum man sich freiwillig eine eng anliegende Schwanzflosse über die Beine zieht? „Es ist manchmal wie eine Wurstpelle“, räumt die 31-jährige Steffi Praher ein, die zum Nixen-Training ins Hallenbad im benachbarten Schorndorf gekommen ist. Die Rolle der Meerjungfrau habe aber seinen Reiz: „Das verkörpert ziemlich viel Weiblichkeit.“

Soziologen wundert das nicht: „Im Wasser ist man geschmeidig, schneller als die Leute auf dem Land, man bleibt unberührbar und sprechen muss man auch nicht“, erklärt Tilmann Allert von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. „Die eigene Person als Erscheinung, die auftaucht und wieder verschwindet, diese grandiose Sehnsucht macht die Meerjungfrau so interessant, und zwar so, dass man für Kostüme, Schwimmkurse etc. zu zahlen bereit ist.“

Tatsächlich sind Hegemanns Nixen nicht allein – auch in Freiburg und München gibt es Schwimmschulen für Möchtegern-Meereswesen. „Es sieht einfach aus, aber es ist unglaublich anstrengend“, sagt Steffi Praher, deren Schwimmbewegung an einen Delfin erinnert. „Ich hatte am Anfang vor allem im Bauch Muskelkater und in den Beinen.“ Inzwischen hätten auch ihre Töchter Gefallen daran gefunden – und wünschen sich ihre eigenen Flossen.

Davon profitiert auch der Hersteller Magictail aus dem baden-württembergischen Waldkirch. „Die Nachfrage hat insgesamt beständig zugenommen“, erklärt Geschäftsführerin Kirsten Söller. Seit 2011 hat Magictail 20 000 Nixenkostüme verkauft, etwa die Hälfte davon in Deutschland. Ein Set kostet zwischen 120 und 160 Euro.

Angefacht wurde der Trend zum „Mermaiding“ („mermaid“ bedeutet Meerjungfrau) von der Jugendserie „H2O – Plötzlich Meerjungfrau“.

Nixen-Trainerin Hegemann sagt: „Wir haben auch schon einen Zwangs-DVD-Abend gemacht, weil von den Jüngeren nicht alle „Arielle“ kannte.“ Der Disney-Film um eine Nixe erschien Ende der 80er Jahre.

Neben Schwimmkursen und einer Miss-Wahl gibt es auch einen Online-Shop mit Muscheln und Perlen. An Land können Nixen im Club-Magazin „Flossenpost“ blättern oder sich bei Fotoshootings ablichten lassen. Anbieter gibt es inzwischen zahlreiche.

Aber ist die Rolle einer gewissermaßen gehbehinderten Frau, die nur durch einen Mann erlöst werden kann, überhaupt erstrebenswert? „In jeder Geschichte heißt es, die Meerjungfrau braucht einen Mann“, räumt Hegemann ein. Nur dessen Liebe könne sie von der Flosse erlösen. Die modernen Nixen hingegen zögen sich ihren Fischschwanz jedoch ganz freiwillig an. Auch auf einen Mann als Retter warte hier niemand, sagt Hegemann. „Wir haben einen großen Vorteil: Wir können jederzeit wegrennen.“ (dpa)


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