blz_logo12,9
Berliner Zeitung | Unglaubliche Erfindungen: Denkzettel für Scharlatane
14. October 2012
http://www.berliner-zeitung.de/6081958
©

Unglaubliche Erfindungen: Denkzettel für Scharlatane

Geld verdienen lässt sich auch mit der weit verbreiteten Angst vor Handystrahlen (Symbolbild).

Geld verdienen lässt sich auch mit der weit verbreiteten Angst vor Handystrahlen (Symbolbild).

Foto:

dpa

Das Internet ist eine Wunderwelt. In seinen Weiten finden sich die unglaublichsten Erfindungen: Es gibt Unterwäsche, die vor Elektrosmog schützt, gravo-magnetische Wellen gegen feuchte Wände oder Armbänder aus Gummi, die die sportliche Leistung steigern sollen. Bei schlechtem Schlaf hilft eine spezielle Bettwäsche. Der Schlummer kommt, so das Versprechen, wenn man sie mit einem kosmischen Code aktiviert.
Obendrein sind diese Erfindungen bald vielleicht preisgekrönt. Am 19. Oktober könnten sie in Wien das „Goldene Brett vor dem Kopf für den herausragendsten Unfug“ gewinnen. Den Sieger kürt die Gesellschaft für kritisches Denken, eine Untergruppe der Vereinigung „Die Skeptiker“.

Die Seele des Wassers

Die Anhänger dieser weltweiten Bewegung haben sich vernetzt, um gegen alles vorzugehen, was sich nicht wissenschaftlich beweisen lässt: Esoterik, Wunderheiler, Pseudowissenschaftler, Ufos. Denn in den unergründlichen Weiten des Internets kann sich jeder Forscher nennen. Ein paar Zahlen, bunte Diagramme oder ein wilder Mix aus Fachvokabular – schon läuft das Online-Geschäft. Die Skeptiker sehen sich als Aufklärer und auch Verbraucherschützer. Placebo-Effekte lassen sie nicht gelten.

In diesem Sinne könnte etwa der Entdecker des Grander-Wassers mit dem Goldenen Brett ausgezeichnet werden. Postum, denn er ist in diesem Jahr gestorben. Seine Theorie: Trinkwasser verliert auf seinem langen Weg durch unsere Leitungen seine positiven Eigenschaften. Dank seiner Erfindung einer Wasserbelebungsanlage lässt sich die Seele des Wassers jedoch zurückgewinnen. Es wird einfach an einer Kammer mit sogenanntem Informationswasser vorbeigeleitet. Dadurch verändere sich die Struktur des Wassers. Es schmecke besser und man munkelt, es könne sogar Krankheiten heilen.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam nahmen sich das Wunder der Technik einmal vor. Sie überprüften die Eigenschaften des Wassers vor und hinter einem Grander-Zylinder. Sie fanden keinen Unterschied.

Trotzdem hat das belebte Wasser viele Fans. Mehrere Schwimmbäder und auch das Rathaus einer deutschen Kleinstadt haben um die tausend Euro in solch eine Wasserbelebungsanlage investiert. Auch die edlen Lipizzaner der Wiener Hofreitschule, werden mit belebtem Wasser getränkt.

Intelligenter Kunststoff

Geld verdienen lässt sich auch mit der weit verbreiteten Angst vor Handystrahlen. Sie inspiriert zu fragwürdigen Produkten. Metallplättchen oder kleine runde Folien sollen den Elektrosmog auf physikalisch nicht nachvollziehbare Weise neutralisieren können. Man klebt sie einfach auf das Mobiltelefon, den Laptop oder die Fernbedienung. Schon der Vater des Erfinders – heißt es auf der Internetseite eines Anbieters – sei ein wahrer Naturforscher gewesen. Sein Fachgebiet: Elektromagnetische Felder. Diese erforschte er vor allem mit der Wünschelrute. Allerdings in Zeiten, als gerade einmal die Wählscheibe des Telefons erfunden war.

Selbst große Elektrofachketten führen Anti-Strahlen-Aufkleber aus angeblich intelligentem Kunststoff im Sortiment. Ein französischer Kosmetikhersteller verkauft sogar eine teure Lotion zum Sprühen, die die Haut vor elektromagnetischen Feldern abschirmen soll. Derzeit ist sie allerdings nicht im Online-Shop zu haben. Ausverkauft.

Im vergangenen Jahr wurde das Goldene Brett zum ersten Mal vergeben. Den ersten Preis erhielt der Dokumentar-Filmer Peter-Arthur Straubinger. Er bekam die Trophäe für seinen Film über Lichtnahrung. Darin ließ der Österreicher selbst ernannte Experten für feinstoffliche Ernährung zu Wort kommen. Kronzeuge war der indische Guru Prahlad Jani, der behauptet, seit siebzig Jahren weder getrunken noch gegessen zu haben. Nur Licht halte ihn am Leben.

Diejenigen, die ihn bei heimlicher Nahrungsaufnahme beobachtet haben wollen, kamen nicht zu Wort.


Weitere Informationen unter: www.goldenesbrett.at


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?