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Berliner Zeitung | Wenn Kinder Weihnachtslieder singen: Mit Otto Fröhlicher und Owi an Heiligabend
07. December 2015
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Wenn Kinder Weihnachtslieder singen: Mit Otto Fröhlicher und Owi an Heiligabend

Kinder singen

Kinder singen mit Inbrunst.

Foto:

dpa

Altertümliche Texte von Weihnachtsliedern sind für Kinder oft rätselhaft. Unbekannte christliche Bilder und rätselhafte Wörter werden aber an die eigene Lebenswirklichkeit angepasst: Kinder machen sich schnell ihre eigene Version vom Weihnachts-Klassiker.
Wir haben besonders schöne weihnachtliche Missverständnisse gesammelt.

Es ist ein Ross entsprungen

Besonders Mädchen tendieren zu dieser Interpretation des schwierigen Klassikers „Es ist ein Ros‘ entsprungen“. Aber wie soll man diesen Text auch verstehen? „Es ist ein Ros' entsprungen, aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art.“ Welche Wurzel, welche Alten, und wer ist überhaupt Jesse? Dass es um das mittelalterliche Bildmotiv vom Stammbaum Jesu‘ geht, dürfte Kindern zu abstrakt sein. Dann doch lieber aufs entlaufene Pferd setzen.

Otto Fröhlicher

Liegt es an der frühkindlichen Prägung durch typisch deutsche Humorkultur? Otto Waalkes versendet seine Weihnachtsgrüße seit Jahren mit „Ottofröhliche“. Das bleibt leider bei den Jüngsten hängen, sie singen von der Person Otto Fröhlicher. Dabei ist „O du fröhliche“ ein wunderbares Lied – besonders als klassischer Rausschmeißer nach der Christmette.

Gabenbringende Weihnachtszeit

Auch für dieses Missverständnis, ebenfalls in „O du fröhliche“, gibt es eine einleuchtende Erklärung. Der Dreher von „gnadenbringende“ zu „gabenbringende“ Weihnachtszeit dürfte auch so manchem Erwachsenen gar nicht auffallen. Zu einleuchtend ist die Zeile, die den Weihnachtsgeschenke-Terror dann christlich legitimiert. Und zum Konsumwahn unterm Baum jauchzen dann auch noch die himmlischen Heerscharen.

Owi lacht

Wenn sie Strophe zwei von „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen, fragen sich Generationen von Kindern jedes Jahr aufs Neue, wer eigentlich dieser Owi ist. Gottes Sohn, das wird klar gesagt. Aber wer ist dann Jesus?
Im Liederbuch steht dagegen: „Stille Nacht, heilige Nacht, Gottes Sohn, o wie lacht lieb' aus deinem göttlichen Mund…“

Bald ist Nikolaus abends da
Beim deutschen Liedgut ist selbst Profi Helene Fischer nicht textsicher. Während ihres Weihnachtskonzerts in der Wiener Hofburg schmetterte der Schlager-Star bei „Lasst uns froh und munter sein“ statt „bald ist Nikolausabend da“ die Zeilen „bald ist Nikolaus abends da“. Nicht komplett sinnentstellend, aber der Text wirft noch einmal die viel diskutierte Frage auf: Kommt der Nikolaus abends am 5. Dezember? Oder am 6.? Oder in der Nacht dazwischen?

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, was aus dem grünenden Tannenbaum wird.

O Tantenbaum

Diese Version des wenig christlichen, aber allseits beliebten Liedes lässt vor allem auf eines schließen: ein ungetrübtes und positives Verhältnis des Kindes zur Verwandtschaft. Die Strophe „dein Kleid will mich was lehren“ unterstützt diese Interpretation ja auch. Da ist dann von „Hoffnung und Beständigkeit“, „Trost und Kraft“ die Rede. So hilfreich können Tanten sein.

In dieser hocheiligen Nacht

Mit „Ihr Kinderlein, kommet“ werden Kinder direkt angesprochen und zum Mitsingen motiviert. Und das kleine „h“ ist auch wirklich leicht zu übersehen und –hören. Da viele Kinder gleichzeitig natürlich auf ihren eigenen Erfahrungsschatz bei der Interpretation von Liedern zurückgreifen, wird aus
„Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all'. Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall. Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht der Vater im Himmel für Freude uns macht“
eben eine hoch-eilige Nacht. Denn die Weihnachtszeit ist eben hektisch, das dürfte in allen Familien so sein.

Der himmlische Schal

Hier strömen nicht Kinder, sondern die Schäfer zur Krippe. In der zweiten Strophe von „Kommet, ihr Hirten“ heißt es:
„Lasset uns sehen in Bethlehems Stall, was uns verheißen der himmlische Schall“ Gerne wird von Kindern hier „Schal“ verstanden. Ist Heiligabend in vielen Familien doch auch die Zeit der „weichen Päckchen“. Oma und Opa, Tanten und Onkel schenken oft Textiles, vom Schlafanzug über Socken bis hin zum selbstgestrickten, kratzenden Schal. Der ist dann aber eher nicht himmlisch.

Da haben die Dornen Hosen getragen

Ähnlich schwierig wie „Es ist ein Ros entsprungen“ ist auch „Maria durch ein Dornwald geht“ für Kinder zu verstehen. Wieder geht es um Pflanzliches wie Rosen und Dornen. Außerdem wird Jesus bald der schwangeren Maria entspringen. „Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen“, heißt es in der dritten Strophe. Gern verstehen Kinder hier: „Da haben die Dornen Hosen getragen“. Ein Kleidungsstück zu tragen ist einfach realitätsnäher als Rosen zu tragen.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie martialisch das Christkind zuweilen auftritt.

Zu Bettlehem geboren

Eigentlich sollte der Ort Bethlehem auch schon kleinen Kindern etwas sagen. Aber dennoch soll es immer wieder vorkommen, dass die Zeile „Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein. Das hab ich auserkoren, sein eigen will ich sein“ etwas anders verstanden wird. Irgendwie ergibt das Thema Bett im Zusammenhang mit einer Geburt ja auch einen Sinn.

Kehrt mit seinen Sägen ein in jedes Haus

Bei „Alle Jahre wieder“ heißt es in der zweiten Strophe: „Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus, geht auf allen Wegen mit uns ein und aus“. Eigentlich auch für Kinder ein sehr einfacher Text. Es sei denn, man hat einen engen Bezug zum Handwerk. Dann bekommt das Christkind eine Säge in die Hand. Vielleicht verschafft es sich auch dort Einlass, wo es eigentlich unerwünscht ist. Es gibt schlimmere Vorstellungen…

Bring euch viele Gabeln

In „Kling, Glöckchen, klingelingeling“ heißt es in zweiten Strophe: „Mädchen hört und Bübchen, macht mir auf das Stübchen,bring’ euch viele Gaben, sollt' euch dran erlaben“. Was liegt näher, als hier an Essen zu denken – und das dazu nötige Besteck.

Nur der Mann im Mond haut zu

Zwar kein Weihnachtslied, aber weil es so schön ist, darf es nicht fehlen: „La-le-lu, nur der Mann im Mond schaut zu, wenn die kleinen Babies schlafen, drum schlaf' auch du“, sang bereits Heinz Rühmann. Bei einigen Kindern wird der Mann im Mond allerdings zum Gewalttäter und haut zu. Bei den Allerjüngsten könnte das aber auch an fehlender „sch“-Kompetenz liegen.

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