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Wie das syrische Mädchen Shinaz den Krieg sieht

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Zeichnung des kurdisch-syrischen Mädchens Shinaz

Foto:

kietzmann/BLZ

Idomeni nahe der mazedonischen Grenze. Zwischen ein paar Zelten im Schlamm, der mit dem tagelangen Regen ins Lager kam, begrüßt mich ein  Mann Ende dreißig.  Er kommt aus dem syrischen Aleppo und hofft mit seiner Familie auf ein Leben im sicheren Deutschland. Wir schlendern durch den Matsch, und er fragt mich, ob ich Zeit habe und seine Familie kennenlernen möchte. Ein paar Minuten später  betreten wir ein Zelt. Die Familie hat etwas Glück im Unglück, das Zelt ist groß und warm, viele der Flüchtlinge  harren seit Wochen in nassen, kleinen, ungeheizten Zelten aus.

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Kindliche Chronistin einer langen Flucht. Die achtjährige Shinaz  aus  Aleppo im Lager Idomeni an der griechisch-
mazedonischen Grenze.

Foto:

Björn Kietzmann

Der Holzboden ist mit einem Teppich aus Decken des UN-Flüchtlingshilfswerks ausgelegt. Wir ziehen unsere Schuhe aus, schlängeln uns vorbei an zahlreichen Familien. Sie sitzen mit ihren kleinen Kindern zwischen ihren Habseligkeiten. Betten gibt es hier keine. Barfuß folge ich zu einer Stelle, wo mich die syrisch-kurdische Familie des Mannes freundlich empfängt. Wir hocken zusammen, reden ein bisschen, dann bittet  der Mann  seine Tochter Shinaz, eines seiner vier Kinder, ihr Malbuch zu holen. Voller Stolz zeigt er mir die Zeichnungen seiner achtjährigen Tochter, ich darf sie  mit Einverständnis der jungen Künstlerin und ihres Vaters fotografieren.

Es sind Bilder, die ihren erschreckenden Lebensalltag dokumentieren. Sie handeln vom Schlangestehen für eine Tasse Tee im Camp, von Angriffen des syrischen Regimes in Aleppo, dem brutalen Kriegszug des sogenannten Islamischen Staats, sie berichten von der gefährlichen Überfahrt im Schlauchboot von der Türkei zu der griechischen Insel Lesbos, von einer gütigen deutschen Bundeskanzlerin, die Flüchtlinge Willkommen heißt, während andere Länder ihre Grenzen verschließen.

Umschlossen wie einen kleinen Schatz

Sind die ungewöhnlichen Zeichnungen wirklich von Shinaz, dem  Mädchen?  Die Mutter nickt und sagt, dass ihre beiden Töchter Bilder von den Erlebnissen malen würden. Die kurzen, kommentierenden  Texte hat offenbar der Vater auf die Zeichnungen der Tochter geschrieben. Hier sind sie sinngemäß wiedergegeben.

Shinaz nimmt ihr Malbuch wieder an sich. Sie hält es umschlossen wie einen kleinen Schatz, während ich sie fotografiere. Ein Foto von der ganzen Familie mache ich nicht – die Mutter möchte nicht fotografiert werden.
 Stattdessen sitzen wir noch etwas zusammen, ich erkläre Shinaz und ihrem jüngeren Bruder, wie meine Kamera funktioniert. Dann begleitet mich die Familie nach draußen, wo sie sich in  eine lange Warteschlange für etwas Suppe einreiht. Ich wünsche ihnen eine sichere Weiterreise, bevor sich unsere Wege trennen.