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Wuppertal: Die Bernsteinzimmer-Lotterie

Das rekonstruierte Bernsteinzimmer im Katharinen-Palast bei Sankt Petersburg.

Das rekonstruierte Bernsteinzimmer im Katharinen-Palast bei Sankt Petersburg.

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dpa

Der Bohrer ist zu kurz. Einen halben Meter tief hat Nikolaus Brandau ihn durch die Bodenplatte einer alten Lagerhalle auf einem verlassenen Trümmergrundstück im Wuppertaler Stadtteil Vohwinkel getrieben. In der Hoffnung, auf einen Hohlraum zu stoßen und den Eingang zu einem Bunker zu finden. Brandau und seine Mitstreiter wissen nur, dass dort während des Zweiten Weltkriegs von Zwangsarbeitern sogenannte Blitzlichtbomben produziert werden mussten. Doch das interessiert die privaten Schatzsucher um Karl-Heinz Kleine nicht. Sie glauben, dass irgendwo auf dem Gelände das legendäre Bernsteinzimmer lagern könnte.

Eine halbe Stunde später kehrt Nikolaus Brandau mit einem längeren Bohrer zurück. Zwischen Schutt und Sperrmüll vermutet er unter der Bodenplatte einen Treppenabgang, der direkt in den Bunker führen könnte. Kreischend dringt der Bohrer durch den Beton. Die Bohrspitze fördert ein schwarzes Pulver an Tageslicht. „Kohlereste, vermutlich Hausbrand“. Für einen Moment steht Karl-Heinz Kleine die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.

Eine begründete Theorie

Doch so schnell gibt der gebürtige Sachse, den es 1986 aus der DDR über Dänemark nach Wuppertal verschlagen hat, nicht auf. Kleine ist nach jahrelangen Forschungen von seiner Theorie felsenfest überzeugt. Wenn das Bernsteinzimmer noch existiert, dann kann es nur in Wuppertal liegen. Über Jahre hat sich der Agrar-Ingenieur mit der Lebensgeschichte des Kriegsverbrechers Erich Koch beschäftigt. Er glaubt, dass der ehemalige NS-Gauleiter von Ostpreußen, der 1986 mit 90 Jahren in einem polnischen Gefängnis starb, das Bernsteinzimmer und weitere Schätze rechtzeitig vor der Roten Armee in Sicherheit gebracht hat – auch 64 Kisten mit Gemälden aus Charkov und Kiew, dem Prussiaschatz und Wertgegenständen aus Museen der Ukraine, Bialystok und Ostpreußen sowie dem Eigentum von 400.000 Juden aus Osteuropa, die Opfer der NS-Terrorherrschaft wurden.

Wohin ist der Schatz gebracht worden? In seine Heimatstadt, sagt Kleine. Nach Wuppertal, wo Koch 1896 geboren wurde und erst 1929 durch den Zusammenschluss der Großstädte Barmen und Elberfeld sowie weiterer Gemeinden entstand. „Koch wurde 1941 als Reichskommissar in die Ukraine geschickt“, sagt Kleine. „Dort herrschte er bis 1944 über 60 Millionen Menschen. Er war der mächtigste Mann Osteuropas, hatte Zugang zum Oberkommando der Wehrmacht und war bestens über die militärische Lage informiert. Mit Sicherheit wusste er rechtzeitig vom Anmarsch der Roten Armee.“

Wieder und wieder hat sich Kleine die Frage gestellt, wie Koch wohl gehandelt hat, als ihm klar wurde, dass der Krieg verloren war. „Ein Machtmensch wie er hätte seine Schätze niemals anderen NS-Größen überlassen. Er hätte sie dorthin bringen lassen, wo er sich gut auskannte und auch gute Chancen sah, nach dem Krieg dorthin zurückzukehren, in seine Heimat“, glaubt Kleine. Als ehemaligem Eisenbahner hätte er die Möglichkeiten gehabt, die Schätze per Eisenbahn zu verschicken.

Bisher haben sich Schatzsucher und Abenteurer bei ihren Nachforschungen vor allem auf Thüringen, Sachsen und Bayern konzentriert. Von diesen Theorien hält Karl-Heinz Kleine nichts. Er konzentriert sich auf Wuppertal mit seinen zahllosen Felsenkellern, Tunneln, Stollen, Bunkern und ehemaligen Waffenfabriken als Verstecke. Irgendwann zwischen August und Dezember 1944 könnte der Transport gerollt sein – über die längst stillgelegte rheinische Bahnstrecke, die von Düsseldorf bis nach Dortmund-Hörde führte. „Die Strecke war damals noch völlig intakt, und Koch kannte sie mit ihren Tunneln wie seine Westentasche. Er ist an der Bahntrasse geboren, er hat während seiner Reichsbahnzeit auf dem Bahnhof Mirke gearbeitet.“

Irgendwo an dieser Bahntrasse könnten die 27 oder 28 Kisten mit dem Bernsteinzimmer vergraben liegen. Bevor wir das Gelände im Stadtteil Vohwinkel betreten, hat Kleine uns eingeschworen. Die Lage darf nicht verraten werden. Bis zu 40 unterirdische Verstecke in Stollen und Bunkern sind denkbar, aber dieser Ort im Stadtteil Vohwinkel sei halt ganz besonders interessant, meint Kleine. Die Industriebrache gehörte im 2. Weltkrieg einem Rüstungsunternehmer, der den NS-Kriegsverbrecher Erich Koch gekannt haben soll.

Es ist der vierte Versuch, einen Zugang zur unterirdischen Bunkeranlage zu finden. Drei Schächte haben Kleine und seine Mitstreiter bereits ausgehoben. Außer einem Zugang zu einem alten Abwasserkanal haben sie nichts finden können. Aufgeben werden sie aber nicht. Nikolaus Brandau schnappt sich die Sonde. „Ich bin ja erst seit einem Jahr dabei. Höhlenforschung ist mein Hobby, “ sagt er.

Unterlagen sind verbrannt

Die Stadt Wuppertal, die Feuerwehr und das Technische Hilfswerk unterstützen die Abenteurer um Karl-Heinz Kleine. Auch wenn deren Suche in den vergangenen Jahren nicht erfolgreich war. 2009 vermutete Kleine das Bernsteinzimmer in einem Gebäudekomplex an der Münzstraße in Barmen, den die SA als Folterkammer nutzte und der ebenfalls an der Nordbahntrasse liegt. Der Gleisanschluss führte direkt in den Keller des Ensembles.

„Das ist wie eine Lotterie. Wenn wir das Bernsteinzimmer finden, haben wir gewonnen, wenn nicht, haben wir wenigstens etwas Einsatz gezeigt.“ Kleine hat von der Stadt lediglich eine grobe Übersicht von 40 Bunkerstandorten erhalten. „Das Stadtarchiv ist 1943 bei einem Bombenangriff zerstört worden. Sollte es genauere Unterlagen gegeben haben, sind sie verbrannt.“ Deshalb bleibe ihm nichts anderes, als Vermutungen anzustellen.

Die Bohrer verstummen. Wieder nichts. Doch dieses Gelände in Vohwinkel wird Kleine nicht aufgeben. Irgendwo muss es einen Zugang zum Bunker geben. Sollte er die Kisten mit dem Bernsteinzimmer heben, sei es selbstverständlich, dass sie an Russland zurückgegeben werden. Doch zuvor will Kleine, dass die Schätze zumindest einmal hier ausgestellt werden, am liebsten in Wuppertal.