Neuer Inhalt

PETA-Chefin Ingrid Newkirk: Radikale Aktionen für den Tierschutz

Und manchmal posiert sie auch angezogen und fröhlich: Ingrid Newkirk in Berlin.

Und manchmal posiert sie auch angezogen und fröhlich: Ingrid Newkirk in Berlin.

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Wenn man mit Ingrid Newkirk durch die Straßen Berlins läuft, würde man ihr am liebsten die Augen zuhalten. Es ist ein diesiger, milder Novembernachmittag, das Herbstlaub leuchtet golden. In den Schuhgeschäften der Kantstraße werden Winterstiefel angeboten, in den Möbelläden Ledersitzgarnituren, in den Restaurants Entenbrust, Gänsebraten, Rinderfilet, und die Currywurstbude gegenüber vom Café Einstein heißt „Hasenecke“. Auch das noch.

Man denkt daran, dass Ingrid Newkirk einmal der Stadt Hamburg vorgeschlagen hat, sich in Veggieburg umzubenennen. Und dass sich die Band „Pet Shop Boys“ „Rescue Shelter Boys“ nennen sollte. Ernsthaft. Ingrid Newkirk gilt als bekannteste und radikalste Tierschützerin der Welt. Ein Lederstiefel ist für sie kein warmer Schuh, sondern ein Rind oder Kalb, das brutal gehäutet wurde, ein Indiz für die Grausamkeit der Menschheit. Selbst der kleine Park am Savignyplatz verliert auf einmal seine Unschuld. „Hunde an die Leine“ steht da auf einem Schild, und auf der Wiese ziehen zwei Jungen zwei Ziegenböcke an einem Strick hinter sich her. Es handelt sich um Bronzeskulpturen, was die Sache nicht besser macht. Kunst mit Tieren ist Tierquälerei in Stein gehauen, für die Ewigkeit.

Die Welt, mit Ingrid Newkirks Augen betrachtet, ist ein Minenfeld, und Newkirk sorgt gerne für Explosionen. Stört Modenschauen, stoppt Tierversuche und war dafür so oft im Gefängnis, dass sie aufgehört hat mitzuzählen. Ihre letzte gute Tat liegt erst wenige Stunden zurück. Heute Morgen, als sie in Indien im Hotel ausgecheckt hat, hat sie noch schnell eine Katze, die krank und ausgehungert auf der Straße lag, zum Tierarzt gebracht. Und dass sie jetzt ohne besondere Vorfälle das Restaurant „Mamma Monti“ in der Carmerstraße erreicht, ist vermutlich nur ihrer Müdigkeit zu verdanken.

Nichts ist ihr peinlich

Im „Mamma Monti“ gibt es Gemüse, Reis und Pasta, ihre deutschen Mitarbeiter haben es ausgesucht. Ingrid Newkirk sitzt ganz hinten am Fenster zum Hof, zwischen Kürbissen und Herbstgestecken. „Nettes Lokal“, sagt sie, bestellt Wasser ohne Kohlensäure und Tagliatelle mit Zucchini. Sie ist Mitte 60, blass und schmal, ihr Haar kurz, ihre Kleidung praktisch: flache Schuhe, Hosen, Pullover, keine Wolle, kein Leder. Selbstverständlich. Sie ist höflich, ihre Stimme hoch, ihr Englisch hat einen britischen Akzent, und man kann sich schwer vorstellen, dass es sich bei dieser zierlichen Person um den Kopf einer mehr als zwei Millionen Mitglieder zählenden Organisation handelt, die die gesamte Fleischindustrie in Angst und Schrecken versetzt. PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) wurde vor 34 Jahren in den USA gegründet und vor zwanzig Jahren in Deutschland. Der runde Jahrestag ist der Anlass für Ingrid Newkirks Reise nach Berlin, und im Gegensatz zu ihrem letzten Besuch in München vor zehn Jahren, wo sie nackt eine Demonstration gegen Massentierhaltung anführte, soll es diesmal eher geruhsam zugehen. Ein paar Interviews, eine Rede vor Spendern, keine Protestaktionen, kein Blut, und – nein – ausziehen will sie sich diesmal auch nicht.

„Das heißt natürlich nicht, dass ich zu alt dafür bin“, sagt Ingrid Newkirk und erzählt, dass sie noch vor einem Jahr in einem Londoner Kühlhaus nackt zwischen toten Schweinen an einem Fleischerhaken hing. Es war für ein Werbeplakat, und es war kalt. Sehr kalt. Zwei Sitzungen je fünfzehn Minuten, länger hat sie nicht ausgehalten. Dafür war es in Indien, wo sie in einem Hühnerkäfig vor einer Filiale der FastFood-Kette Kentucky Fried Chicken saß, ziemlich heiß, vor allem nachdem die Fotografen das Tuch über ihr abgenommen hatten und sie nackt in der prallen Sonne hocken musste. „Am Ende sah ich mehr aus wie ein Hummer als ein Huhn.“

Ingrid Newkirk lächelt, ihre deutschen Mitarbeiter grinsen. Die Chefin ist dafür bekannt, dass ihr nichts peinlich ist und keine Aktion zu drastisch. Wenn deutsche Kollegen ihr per Mail Kampagnenvorschläge schicken, schreibt sie zurück: „Das ist nichts, das sind wir nicht, das ist nicht PETA.“ Die meisten Vorschläge findet sie zu harmlos. Ingrid Newkirk will anders sein als der brave Tierschutzbund. Je schockierender, desto besser.

PETA-Mitarbeiter haben der Vogue-Herausgeberin Anna Wintour einen toten Waschbären auf den Mittagstisch im Hotel Four Seasons geworfen und Models auf dem Laufsteg mit Kunstblut überschüttet. Sie standen mit toten Kälbchen, Ferkeln und Hühnern auf dem Arm vor dem Brandenburger Tor, haben Flugblätter mit der Aufschrift „Deine Mama tötet Tiere“ an Kinder verteilt, dem Chef vom Münchner Oktoberfest eine Kunstlederhose geschickt und einem Mann, der in Dresden wegen Kannibalismus im Gefängnis sitzt, ein vegetarisches Kochbuch. Als 2003 bei einem Anschlag in Jerusalem ein mit Sprengstoff beladener Esel explodierte, bat PETA Jassir Arafat, Tiere doch bitte aus diesem Konflikt herauszuhalten. Kurze Zeit später sorgte die Organisation mit ihrer Kampagne „Sind Tiere die neuen Sklaven“ für Aufsehen, bei der Bilder von angeketteten Sklaven denen von angeketteten Elefanten gegenübergestellt wurden. „Der Holocaust auf Ihrem Teller“, eine Werbeaktion, die Juden in Konzentrationslagern neben Hühnern und Schweinen in der Massentierhaltung zeigte, wurde von deutschen Gerichten verboten und von österreichischen erlaubt.

Jede Provokation, jeder Protest, jedes Gerichtsverfahren, jeder Aufschrei wecke die Aufmerksamkeit für ein Problem, das man gerne verdränge, wenn man im Supermarkt an der Fleischtheke stehe oder im Kaufhaus in der Kosmetikabteilung, sagt Ingrid Newkirk. Sie weiß, wovon sie spricht.

Sie hat selbst einmal für ihr Leben gerne Fleisch und Fisch gegessen, genau wie ihr Vater, der als Marineingenieur viel in der Welt herumkam und ein großer Gourmet war: Wildschweinbraten in der Schweiz, gegrillte Riesenkrabben auf den Osterinseln, Wasserschildkröten am Persischen Golf. Ingrid Newkirk weiß noch, wie ihr Vater kleine Löcher in die Panzer der Schildkröten pikste, damit sich die Tiere länger frisch hielten und wie er sie dann ins kochende Wasser warf. Und sie weiß auch noch, wie sie als achtjähriges Mädchen sah, wie ein Mann vor ihrem Fenster einen Bullen mit einem Stock misshandelte, wie sie rausrannte und auf den verblüfften Mann einschlug, bis er den Bullen in Ruhe ließ.

Tierschutz als Lebensaufgabe

Es war in Indien, wo sie aufwuchs, „wie ein Menschenkind unter Wölfen“, so nennt sie es. Ihr Vater war nie da, ihre Mutter britisch und kühl, von den Nonnen auf ihrem Internat wurde sie geschlagen. Ihr bester und einziger Freund war ihr Hund.

„Er war wie ein Geschwisterkind für mich“, sagt sie. „Ich lernte ihn zu verstehen und seine Gefühle zu lesen.“ Es gibt viele Fotos aus ihrer Kindheit und Jugend mit diesem Hund und viele Geschichten von Tieren, die gequält wurden. Ingrid Newkirk erzählt diese Geschichten mit Liebe zum Detail, so, als wären sie gestern erst geschehen: Einmal, auf einem Markt, hat sie Schnecken in einer Tüte gekauft, und auf der Fahrt nach Hause im Auto hat die Tüte angefangen zu leben. Die Schnecken krochen nach oben und streckten ihre Fühler aus, es schien, als winkten sie ihr zu. Ingrid Newkirk hebt jetzt hier im Restaurant in Charlottenburg ihre Hände an den Kopf, wackelt mit den Zeigefingern, sodass sie selbst ein bisschen wie eine Schnecke aussieht. „Ooch“, rufen ihre Mitarbeiter, und man ahnt bereits, wie die Geschichte ausgeht: Sie ist nach Hause gefahren und hat die Schnecken in ihrem Garten ausgesetzt. Happy End.

Den Hummer, der kurze Zeit später bei lebendigem Leib in einem Restaurant in Pennsylvania auf den Grill gelegt wurde, konnte sie nicht mehr retten, aber wie der Hummer kurz zuvor noch seine Antennen ausgestreckt hat, das wird sie nie vergessen. Es war ein Zeichen, ein Hilferuf, da ist sie sich sicher. Der Hummer treibt ihr die Tränen in die Augen, heute noch. Ähnlich geht es ihr mit dem Ferkel, das sie auf einer Farm in Maryland fand. Da arbeitete sie schon als Tierschutzbeauftragte in der Verwaltung. Alle Tiere auf der Farm waren tot, nur das Ferkel lebte noch. Sie hob es auf, fütterte es, sein Grunzen verstand sie als Zeichen der Dankbarkeit, und als sie später nach Hause kam, musste sie ihr Abendessen, Schweinerippchen, stehenlassen. Es ging nicht. Sie konnte keine Tiere mehr essen. Das Ferkel war ihr „Erweckungserlebnis“.

Viele Menschen, die zu Vegetariern oder Veganern werden, erleben so etwas, aber Ingrid Newkirk, 22, jung und radikal, ging noch weiter. Sie beschloss, den Tierschutz zur Lebensaufgabe zu machen, ließ sich sterilisieren und ein paar Jahre später von ihrem Mann scheiden. „Er war ein wunderbarer Mensch“, sagt sie, „aber ich hatte einfach keine Zeit für ihn.“ Sie wollte keine Kinder und keine Ehe. Sie wollte für Tiere da sein. Ausschließlich.

Gemeinsam mit dem Tierschützer Alex Pancheco gründete sie PETA, einen Tierschutzverein. Ihre erste große gemeinsame Aktion fand im Institut für Verhaltensforschung in Maryland statt. Pancheco schlich sich nachts ins Institut und dokumentierte, wie dort Affen gequält wurden. Die Polizei durchsuchte daraufhin die Räume, der leitende Forscher wurde verhaftet und später verurteilt, die Bilder der Affen, die in Schraubstöcken feststeckten, gingen um die Welt, als Symbol und als Warnung. Es war der Beginn einer Bewegung, die heute, mehr als drei Jahrzehnte später, ebenso bewundert wie gehasst wird.

Der Schauspieler Dustin Hoffman bezeichnet PETA als „radikale, faschistische Organisation“, der Simpson-Erfinder Sam Simon hat ihr sein ganzes Vermögen geschenkt. Jonathan Safran Foer, Autor des Bestsellers „Tiere essen“, schreibt in seinem Buch: „Die Leute bei PETA tun fast alles, was legal ist, um ihre Kampagnen durchzuführen, egal, wie schlimm sie dabei aussehen (was beeindruckend ist), und egal, wer dabei beleidigt wird (was weniger beeindruckend ist).“ Und dann schreibt er noch: Die Kontroverse um PETA habe womöglich weniger mit der Organisation zu tun als vielmehr „mit der unangenehmen Erkenntnis, dass diese PETA-Leute für Werte eintreten, die wir aus Feigheit oder Nachlässigkeit nicht selbst verteidigen.“

Foer beschreibt genau das Gefühl, das man hat, wenn man Menschen wie Ingrid Newkirk begegnet, Umweltaktivisten, die ihr ganzes Leben umgestellt haben, kein Fleisch mehr essen, Schuhe aus Kunstleder tragen, Haustiere nur aus dem Heim holen, auf Wollpullover verzichten und keine Milch mehr trinken, weil auch das ständige Melken von Kühen dem natürlichen Verhalten der Tiere widerspricht. Sie nerven, sie sind eine Zumutung, und man sucht nach Schwachstellen, möchte sich über sie lustig machen, über ihren Fanatismus, ihre durchgeknallten Aktionen, aber irgendwann begreift man, dass man sich wahrscheinlich nur über die eigene Inkonsequenz ärgert, die PETA einem ständig vorführt.

Es ist Samstagnachmittag, Ingrid Newkirk steht im Vorraum einer Kirche in Friedrichshain, noch blasser, noch schmaler als am Tag zuvor. Ihr geht es nicht gut. Eine Magenverstimmung. Vielleicht das Flugzeugessen, vielleicht der Stress. Vorgestern Indien, gestern und heute Deutschland, morgen England. Tiere beschützen ist anstrengend, und Ingrid Newkirk würde jetzt am liebsten ins Hotel zurückfahren und sich ins Bett legen, aber dann läuft sie doch auf die Bühne und sagt, dass Veganer ja eigentlich nie krank werden sollten. Die Leute im Saal klatschen. Es sind Frauen und Männer in Turnschuhen, Jeans und mit Rucksäcken. Der deutsche PETA-Führungsstab ist gekommen, Undercover-Rechercheure der Organisation, der Chef eines veganen Supermarktes in Berlin sowie viele Spender, darunter ein Tattoo-Model und ein kleiner bulliger Mann mit gigantischen Schultern und dem gutmütigen Gesicht eines Teddybären, der den Titel „Stärkster Mann der Welt 2011“ trägt und angeblich fast ausschließlich Erdnüsse isst. Er sitzt ganz vorne in der ersten Reihe, er ist der Stargast des Abends. Ein Muskelmann, der kein Fleisch braucht. Ein Beweis.

Vegane Fußballhelden

Ingrid Newkirk zählt die jüngsten Erfolge auf: H&M, Esprit und Marco Polo verzichten auf die Verwendung von Angora-Wolle, in Israel wurden Pferdekutschen von den Straßen verbannt, auch in New York sei man dran. Es folgt eine Rundreise um die Welt, mit Bildern und Geschichten. Aus L.A. gibt es zu berichten, dass der Film „Noah“ nicht mit echten Tieren gedreht wurde, sondern mit Computeranimationen. „Wir verändern Hollywood“, ruft Ingrid Newkirk. Auch aus Deutschland gibt es gute Nachrichten. Sie sieht auf die Leinwand, auf der jetzt ein Foto von lachenden jungen Männern in Sportkleidung und mit Medaillen um den Hals auftaucht. Das deutsche Fußballteam in Rio. „Die deutschen Fußballer haben auf vegan umgestellt“, verkündet Ingrid Newkirk, „und den Pokal geholt.“ Das stimmt zwar nicht ganz, aber der Saal applaudiert trotzdem. Ingrid Newkirk geht von der Bühne, schüttelt dem stärksten Mann der Welt 2011 und dem veganen Supermarktbesitzer die Hand, dann steigt sie ins Taxi, verlässt die heile vegane Welt und fährt zurück ins Hotel nach Charlottenburg, an all den Schuh- und Möbelläden, der Currywurstbude und den Restaurants vorbei, in denen Eisbeine und Rinderbraten für die Samstagabendgäste im Ofen schmoren.

Sie kann nicht die ganze Welt retten, nicht hier und nicht jetzt, aber eine Sache lässt ihr keine Ruhe: Am Savignyplatz, unweit des vegetarischen Restaurants, in dem sie gegessen hat, befindet sich ein Schreibwarenladen, der Grußkarten anbietet, darunter viele Tiermotive. Ein glückliches Schwein, ein lustiger Frosch, eine freche Maus, ein drolliger Schimpanse. Vom Schimpansen gibt es die meisten Karten, offenbar ist er bei den Kunden besonders beliebt, vielleicht, weil es sich nicht um eine Zeichnung handelt, sondern um eine Fotografie, einen echten Schimpansen also.

Ingrid Newkirk murmelt etwas von „unglaublicher Quälerei“, und als die Verkäuferin nicht hinsieht, steckt sie die Karten schnell nach hinten. Ein Schimpanse nach dem anderen verschwindet. Ingrid Newkirk lächelt, dann läuft sie weiter, als wäre nichts geschehen.

nächste Seite Seite 1 von 3