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Peter-Michael Diestel kaufte 1990 eine Villa in Zeuthen unter Wert - jetzt muss er deshalb 20 000 Mark Geldbuße zahlen: Letzter DDR-Innenminister wegen Untreue verurteilt

BERLIN/POTSDAM. Das Moabiter Kriminalgericht taugt allemal für ein Erinnerungsfoto. Selbst für Angeklagte. Auf der Haupttreppe in der großen Eingangshalle posierte am Donnerstag Peter-Michael Diestel, flankiert von seinen beiden Verteidigern. Ein Justizwachtmeister in Uniform wurde dazugebeten und stellte sich hinter Diestel auf. Kurz darauf verkündete der Vorsitzende Richter Günther Sander das Urteil. Der letzte Innenminister der DDR wird wegen Untreue verwarnt. Sollte er noch einmal straffällig werden, muss er 9 900 Mark Geldstrafe zahlen. Außerdem muss Diestel 20 000 Mark für ein Dritte-Welt-Projekt spenden. "Als spürbare Reaktion", wie der Richter sagte. Diestel hatte im Sommer 1990 eine Villa in Zeuthen, die bis dahin als Gästehaus des DDR-Innenministeriums genutzt wurde, weit unter Wert erworben. Er kaufte das 3 500 Quadratmeter große Seegrundstück von seinem Ministerium für 193 000 Mark - geschätzt auf Grundlage des Preisgesetzes der alten DDR. Die Immobilie soll aber 770 000 Mark wert gewesen sein. Mit dem Geschäft habe Diestel seine Pflichten verletzt, sagte der Richter. Er habe das Grundstück als Innenminister zwar verkaufen dürfen, "aber nicht zu diesem Preis. Spätestens im Frühsommer stand schon fest, dass das Grundstück weitaus mehr Wert war." Einen Monat vor dem Kauf war die Wirtschafts- und Währungsunion in Kraft getreten. Vor dem Landgericht sah sich Diestel aber vor allem als Opfer. Er wollte einen Freispruch wie beim ersten Prozess im Jahre 1998. Doch der Bundesgerichtshof hatte das Urteil aufgehoben. "Ich bin nicht Innenminister geworden, um mir ein Haus unter den Nagel zu reißen", sagte Diestel in seinem Schlusswort. "Ich habe gar kein Haus haben wollen." Die Villa in Zeuthen haben nach seiner Darstellung Sicherheitsexperten für ihn ausgesucht, weil er als Minister wegen seiner Erfolge bei der Fahndung nach Terroristen der Roten-Armee-Fraktion (RAF) besonders gefährdet gewesen sei. Das bestätigte auch der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière. Damals habe er selbst eine Bombendrohung der RAF gegen Diestel an das Bundeskriminalamt weitergeleitet. De Maizière, den "eine lose Freundschaft mit Diestel verbindet", sagte als Zeuge vor Gericht, er habe die Bitte Diestels um Genehmigung des Kaufs damals an das Finanzministerium weitergeleitet. "Mit der Empfehlung, dem Vertrag zuzustimmen." Auf eine Frage, wie er damals die Entwicklung der Bodenpreise einschätzte, sagte de Maizière, "man konnte das ganz schwer abschätzen".Eigentlich kann Diestel mit dem Urteil zufrieden sein. Staatsanwalt Andreas Wuttke hatte in seinem Plädoyer die Verurteilung zu einer Geldstrafe in Höhe von 45 000 Mark gefordert. "Diestel wollte zielgerichtet ein für ihn unerschwingliches Grundstück zu alten Konditionen erwerben", sagte Wuttke. Aber Diestel ist nicht zufrieden. Das Urteil habe ihn überrascht, sagte er. "20 000 Mark sind viel Geld." Er werde mit seinen Verteidigern beraten, ob er noch einmal dagegen vorgehe. Verteidiger Franz Salditt äußert sich vorsichtiger. Das Gericht, sagt er, habe "eine faire Haltung gezeigt". Es klingt so, als ob der zehneinhalb Jahre dauernde Rechtsstreit jetzt doch ein Ende findet. Und Diestels Erinnerungsfoto das letzte aus Moabit ist.



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