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Piratenpartei streitet über Anne Helm: Bomber-Harris-Aktion wühlt Piraten auf

Anne Helm erreichte, dass die Piraten vor allem miteinander streiten.

Anne Helm erreichte, dass die Piraten vor allem miteinander streiten.

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imago stock&people

"Es war eine ziemlich stressige Woche“, stöhnt der Mann am Telefon. „Viele, viele unschöne Dinge. Nicht nur was Anne gemacht hat“, sagt Thorsten Wirth, seit November 2013 der Bundesvorsitzende der Piratenpartei. Auf einer Telefonkonferenz ließ er kürzlich seinem Kummer freien Lauf, über die Art und Weise, „wie wir miteinander umgehen“, über unwürdige Wortmeldungen auf Twitter, über die fehlende gemeinsame Wertebasis. Wirth: „Wir alle haben ein Problem, wenn es der Piratenpartei so geht, wie es ihr gerade geht."

Es geht der Piratenpartei gerade miserabel, was auch am blanken Oberkörper der Berliner Europaparlaments-Kandidatin Anne Helm liegt. Sie hatte sich am Gedenktag der Bombardierung Dresdens durch alliierte Flieger, halbnackt, aber maskiert vor der Semperoper fotografieren lassen. Auf ihrem Oberkörper stand: „Thanks Bomber Harris“, ein Dank an Arthur Harris, den britischen Kommandeur, der Dresden in Schutt und Asche legen ließ. Damals starben etwa 25.000 Menschen.

Mit etwas Zeitverzögerung wurde aus dem Auftritt ein Piratenproblem. Zunächst stritt Helm alles ab. Auch im Gespräch mit Wirth leugnete sie ihre Beteiligung. Danach outete sie sich in der Jungle World. Seitdem fühlt Wirth sich schlicht belogen, das Vertrauensverhältnis sei angekratzt, sagt er. Andere in der Partei fordern, Helm möge von ihrer Kandidatur auf Listenplatz fünf zurücktreten.

Abgesehen von persönlichen Verwerfungen innerhalb der Parteispitze hat der Auftritt vor der Semperoper Grundsätzliches hochgespült: Die Piraten debattieren mal wieder mit großem Elan, wer sie eigentlich sind, und was sie wollen. Eher sozial und liberal, eher am linken Rand? Mehr im Netz, mehr im Leben? Antideutsch? Auf dem Boden der Verfassung? Kämpft man nur wortreich und bissig auf Facebook und Twitter oder auch mal mit Molotowcocktails, wie es Mercedes Reichstein tat, die am Wochenende auf dem Berliner Landesparteitag gerne Vorsitzende werden wollte, aber nun absagte? Eine Woche, bevor sie neben Helm posierte, hatte sie als Protest gegen Putin einen Brandsatz Richtung russische Botschaft in Berlin geworfen.

Die Partei ist also aufgebracht. Es gibt Tausende Tweets zum „Bombergate“, Befürworter und Gegner beharken sich in schonungsloser Piratenmanier. „Sauerkraut, Kartoffelbrei – Bomber Harris, Feuer frei!“, meinte Julia Schramm, einst im Bundesvorstand. „Molotow-Cocktails werfen ist nicht akzeptabel, Massenmord beschönigen ist es ebenfalls nicht“, konterte Berlinerin Susanne Graf.

Die Landesverbände von Niedersachsen und NRW haben Anträge gestellt, die Piraten als sozialliberale Partei zu begreifen, die jede Form von Gewalt ablehne. Man will nicht nur eine klare Abgrenzung zum Rechts-, sondern auch zum Linksextremismus. Die Hessen verbitten sich jede Verhöhnung von Kriegsopfern, die Bayern fürchten nach der Dresdner Eskapade einen Massenaustritt von Mitgliedern.

Die Piraten entpuppten sich nach ihren Wahlerfolgen von Berlin, Düsseldorf, Kiel und Saarbrücken als selbstbezogen und unfähig im politischen Alltagsgeschäft. Bei der Bundestagswahl gab es magere 2,2 Prozent als Quittung. In aktuellen Umfragen stehen sie unter „Andere“.